Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 98 (15.12.1890)
- Date
- 1890-12-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448117--31216-2479006- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1766 hard Deutsch, der aber jetzt in Temesvar wohnt, den Antrag, die Chewrah möge ein Asylhaus für ihre alten und erwerbsunfähig gewordenen Mitglieder errichten, damit dieselben für die letzten Stunden ihres Daseins wenigstens ein schützendes Obdach und einen, wenn auch dürftigen, Tisch haben sollen. Zugleich stellte Herr Deutsch zu diesem Zwecke seine zwei Sitze im hiesigen Tempel, die einen Werth von 700 fl. repräsentireu, zur Verfügung. Sowohl der Vorschlag, wie auch die Spende des Herrn Deutsch fanden eine günstige Aufnahme. Die Generalversammlung wählte auch sogleich ein Comitö, bestehend aus den Herren Kohn, Deutsch, Polgar, dem Gemeindenotar Leopold Nosenberg und dem Vicenotar I. Schwitzer, welches einen Vorschlag behufs Herbeischaffung der zum Bau dieses Asylhauses erforderlichen Geldmittel unterbreiten und dann später auch den Bau dieses Hauses leiten sollte. In der heutigen Ausschußsitzung der Chewrah Kadischah hat nun dieses Comitö über seine bisherige Thätigkeit Bericht erstattet und zugleich beantragt, Chewrah und Einzelne mögen solange jährliche Beiträge leisten bis der zum Bau nöthige Fond von 20,000 fl. beisammen sein werde. Der Ausschuß beschloß sogleich, jährlich aus der Vereinskasse 105 fl. zu diesem Zwecke zu spenden. Man erwartet indeß große Spenden von den reichen Mitgliedern unserer Gemeinde. Italien. Alessarrdria. Unsere Gemeinde hat ihre schönste Zierde verloren. Unser Oberrabbiner Josua (Salvator) Samuele Momigliano ist uns plötzlich durch den Tod entrissen worden. Seinem Begräbnisse, das ein wirklich glänzendes war, wohnten bei die Rabbiner Ghiron aus Turin, Terracini aus Asti, Servi aus Casale, Cingolt aus Vercelli und Mantovani aus Nizza, dann der hiesige Bürgermeister mit mehreren Parlaments-Depulirten und Deputationen der benachbarten jüdischen Gemeinden. Fast alle obgenannten Rabbiner und auch der Präses der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herr Rafsaele Pugliese sprachen an der Bahre im Trauerhause, während am offenen Grabe die Vice-Rabbiner aus Rom, Emanuele Foa und Giacomo Foa Trauerreden hielten. Türkei. Konstantinopel, 2. Dezember. Zu Ehren des hiesigen nordamerikanischen Gesandten, Herrn Salomon Hirsch und seines eben zum Besuche hier weilenden Collegen aus Paris, Whitelaw Reid, hat gestern fünf Uhr Abends im kaiserlichen Palaste ein Galadiner stattgefuuden, an dem auch der Großvezier, sämmtliche Minister und Hochwürdenträger und auch mehrere hohe Militärs theilnahmen. Um vier Uhr trafen zwei Hofgalawagen im amerikanischen Gesandtschaftshotel ein, um Herrn Hirsch und seinen Collegen abzuholen und nach dem kaiserlichen Palaste zu bringen. Bei ihrer Ankunft im Palaste leistete ihnen die Wache die vorgeschriebenen Ehrenbezeugungen. Herr Hirsch hatte nun die Ehre, dem Sultan seinen genannten Collegen vorstelleu zu dürfen, worauf sich Alles in den Merassimsaal verfügte, wo das Bankett ftattfand. Zur Rechten deS Sultans saß Herr Reid, der doch hier Gast ist, und zur Linken wieder Herr Hirsch. Oberceremonienmeister Munir Pascha machte heute den Dolmetsch. Der Sultan drückte seinen beiden Gästen gegenüber seine volle Zufriedenheit über die großartigen Summen, welche die Amerikaner zur Unterstützung der Abgebrannten Salonichis gespendet, aus. Später zog sich der Sultan mit seinen beiden Gästen in das Audienzzimmer zurück und conferirte hier dann mit ihnen überverschiedenepolitischeFragen. Hofwagen brachten dann beide Gäste und ihr Gefolge wieder in das nordamerikanische Gesandlschastshotel zurück. Afrika. Tunis, 27. November. Die europäischen Blätter, zumal die französischen, machen jetzt gewaltigen Lärm mit einer Rede, die der hiesige Erzbischof, oder, wie er kirchlich-offiziell heißt, der Erzbischof von Karthago, Cardinal Lavigerie, vor einigen Tagen gehalten hat und in der er die Republik als die schönste und beste Regirenngssorm pries. Von den conservativen Blättern wird daher der Cardinal als ein Erzliberaler und gewaltiger Vorwärtsstürmer verschrieen. Nun so arg ist es mit diesem Kirchenfürsten nicht bestellt und braucht man gar nicht zu fürchten, daß derselbe nächstens einen Kreuzzug gegen die Throne predigen werde, denn ein Mann, der in religiösen Dingen höchst intolerant ist und die Juden ihres Glaubens wegen haßt, kann kein Freiheitsschwärmer oder ein Fortschrittsheld sein. Cardinal Lavigerie hat nämlich den Antisemitismus von Europa hieher nach Tunis verpflanzt und nur ihm haben wir tunesische Juden es zu verdanken, wenn nran uns heute, trotzdem jetzt eigentlich Frankreich hier herrscht, auf der offenen Gaffe beschimpft und verhöhnt. Die 40,000 Juden, die hier leben, sind nämlich dem Cardinal ein Dorn im Auge und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie ihn noch immer nicht angefleht haben, er möge sie unter seine Heerde ausnehmen. Er predigt daher offen gegen sie und verleumdet sie auch bei den Mohamedanern, indem er uns als Blutsauger hiustellt, die nur das Mark der Moslims und Christen verzehren wollen. Er führt einen gewaltigen Krieg gegen die Sklavenhändler