Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 98 (15.12.1890)
- Date
- 1890-12-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1766 wie England. Sir I. Pease und Sir I. Colomb dankten schließlich dem Lordmayor für die Einberufung des Meetings, worauf der Lordmayor dasselbe mit den Worten schloß: daß er als Nachkomme jener aus Frankreich vertriebenen Hugenotten sich veranlaßt gefühlt habe, für die Glaubensfreiheit einzutreten, und er hoffe, daß die warme Fürsprache der Bürger Londons Gehör bei Sr. Majestät, dem Czaren von Rußland finden möchte! Der Eindruck auf die ganze Zuhörerschaft war ein gewaltiger und wird hoffentlich ein günstiges Resultat durch die gefaßte Resolutionen erzielt werden. Der Earl of Menth und Sir Joseph Pease sind beauftragt, nach Petersburg zu reise» und eine Andienz bei dem Czaren nachzufuchen, um ihm die von der Guildhall Versammlung wegen der Verfolgung der Juden in Rußland angenommene Petition zu unterbreiten. Aas Urolestmeeling in der Huil'dhall. (Nach der „Franks. Ztg.") London, 10. Dezember. Es ist vorläufig nicht möglich, die Reden wiederzugeben, welche auf dem großartigen Meeting gehalten wurden, das heute in der Guildhall gegen die Verfolgung und Unterdrückung der Juden in Rußland protestirte. Die Resolutionen, von denen die erste die Judenverfolgung verurtheilte, die zweite dem Zaren von Rußland die Bitte vorträgt, der Ungerechtigkeit ein Ziel zu setzen, drücken eigentlich nur in ganz ungenügender, zu milder Weise aus, was man in allen Kreisen Englands über diese Angelegenheit fühlt. Der Vorhof vor der Guildhall war lange vor Anfang der Versammlung bis zur Barriere links und rechts dicht besetzt von Juden der ärmeren Klasse, die augenscheinlich aus ihren Quartieren in Whitechapel hergeströmt waren, um von dieser prächtigen Meinungsäußerung Seitens der Vertreter eines großen und freien Volkes wenigstens einen kleinen Begriff zu erhalten. Wie einer der Redner, der Ehrwürden Hugh Price Hughes, der Vertreter der Meihodistenkirche, mit Recht betonte, ist dieses Meeting einzig in seiner Art. Nie zuvor haben sich die Vertreter geradezu aller Klassen und Sekten, aller Stände und Berufsarten, aller religiösen, politischen und bürgerlichen Körperschaften in der Guildhall so einmüthig zusammengefunden. Vorab war das jüdische Element unter den Zuhörern stark vorhanden, der klassische-ernste, orientalische Typus war unverkennbar; aber die von den Rednern mit großem Nachdruck hervorgehobenen Punkte wurden von den anwesenden Juden mit nicht größerem Nachdruck beklatscht, als von den Christen. Die Verhandlung wurde von dem Lord-Mayor Savory in einer sehr maßvollen Rede eröffnet. Er betonte, daß es nicht die Absicht sei, ein Wort gegen den Charakter oder die Persönlichkeit des Zaren zu sagen, den der Kardinal Manning in einem in der „Times" veröffentlichten Briefe*) als einen „guten Gatten und zärtlichen Vater" bezeichnet hatte. Die Abwesenheit des katholischen Kirchenfürsten, der seit einigen Wochen an einem Lungenleiden kränkelt, das ihm die Theilnahme an öffentlichen Versammlungen unmöglich macht, wurde sehr bedauert. Der Lord-Mayor las mehrere Briefe von hochstehenden Männern vor, welche mit den Zielen des Meetings sympathisirten; darunter befanden sich Schreiben von dem Erzbischof von Canterburh, Lord Derby, dem Herzog von Argyll, dem Biswof von London und Anderen mehr. Nach dem Schluß der Rede des Lord-Mayors ergriff der Herzog von West- M i n st e r das Wort, um die erste Resolution zu begründen. Er erinnerte seine Zuhörer daran, daß er, als die Türken in Bulgarien die bekannten Scheußlichkeiten begingen, welchezum türkisch-russischen Feldzuge führten, in einem in der Sr. James' Halle abgehaltenen Protestmeeting den Vorsitz geführt habe. Er ging dann in eine Schilderung der, auf Grund der vom General Jgnatiew 1882 erlassenen Judengesetze verübten Bedrückung der Juden einläßlich ein und gab der Vermuthung Ausdruck, daß der Zar von den in seinem Namen verübten Scheußlichkeiten keine Kenntniß haben könne. Die glänzendste Rede war unstreitbar diejenige des Bischofs von Ripon. Es war eine wohl durchdachte und gerade durch ihre Mäßigung eindrucksvolle Rede. Er widerlegte mit meisterhaftem Geschick die Einwürfe, welche gegen dieses Vorgehen des englischen Publikums, diese Einmischung in die Angelegenheiten eines fremden Volkes gemacht worden sind. Er hob hervor, das es sich um eine genau festgestellte, über allen Zweifel erhabene Verletzung der durch die Civilisalion gebotenen Rücksichen handle: eine solche müsse die gemeinsame Angelegenheit aller civilisirten Länder werden. Er betonte ferner, daß dieses Aussprechen der öffentlichen Meinung Englands die guten Beziehungen zwischen England und Rußland nicht stören werde. Es handle sich blos um das Bestreben, den Zaren auf Vorgänge aufmerksam zu machen, welche in Ordnung zu setzen, sein konstitutionelles Recht sei. Am wirksamsten war jedoch derjenige Theil der Rede, der auf die religiöse Verpflichtung eines christlichen Geistlichen hindeutete, gegen eine Verfolgung Einsprache zu erheben, welche im Namen des Stifters der christl. Religion von einer christlichen Regierung gegen diejenige Raffe gerichtet ist, welcher der Gründer der christlichen Religion angehörte. Er hob zum Schluffe die Segnungen hervor, welche die *) Der Kardinal erklärte in demselben, die gemeinsame Civilisalion verpflichte ihn gegen die Unterdrückung der russischen Juden zu protestiren.