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Der Israelit · 1890-12-15 · Heft 98 (15.12.1890) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 98 (15.12.1890)
Date
1890-12-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1764 Gott will, die Nacht des Kummers einst glänzenden und glücklichen Tagen Platz macken müssen. — Ich bitte die Resolution seitens der Versammelten annehmen zu wollen." Der Lordbishop von Ripon entwickelte hierauf in seiner in klassischem Englisch meisterhaft vorgetragenen Rede seine Meinung; dieselbe war, von Begeisterung durchglüht, mit solcher Ueberzeugung vorgebracht, daß sie alle Zuhörer hinriß, so daß fortwährend Ruse der Zustimmung für die Sache laut wurden. Der Inhalt war ungefähr folgender: „Wir haben keinen Grund, dieses Meeting zu entschuldigen. Man hat gesagt, daß das Meeting als das Resultat einer histerischen Philantropie zusammengerufen worden sei. Die Namen Derer, die das Meeting veranlaßt haben, sind genügender Beweis für die Abwesenheit jeder krankhaften Erscheinung. Unter diesen Namen ist auch der eines Mannes, der seine Landsleute vor dem blinden Fanatismus gegen andere Rassen gewarnt hat, es ist dies Lord Tenyson. Lord Tenyson telegraphirte heute: „Natürlich verabscheue ich jede Art der Verfolgung und sympatisire warm mit jenen leidenden russischen Landsleuten und wünsche, daß eine internationale Abmachung hierüber zu Staude kommen möchte." Drei stichhaltige Einwände könnten möglicherweise gegen das Meeting vorgebracht werden: 1) daß die genannten Klagen grundlos seien; 2) daß es nicht Pflicht des engl. Volkes sei, von jenen Gerüchten Notiz zu nehmen, und 3) daß der Gegenstand der Gerüchte solcher Natur sei, daß es nicht gerathen, in vorgeschlagener Weise vorzugehen! Kann man behaupten, daß kein Grund für diese Klagen vorhanden ist? — Ich habe keine Lust, einzelne Fälle von Mißhandlungen vorzubringen; die bestehenden Gesetze gaben uns beredtes Zeugniß von der Unterdrückung. Schon unsere hochentwickelte Cultur an und für sich erschwert den Unbemittelten das Dasein und die Philantropie der heutigen Zeit ist darin einig, das Uebel der Uebervölkerung zu beklagen. Die Handhabung der Gesetze in Rußland aber hatte zur Folge, daß die Uebervölkerung der Städte noch größer wurde, als je. Es kamen Fälle vor, daß die Bevölkerung eines Stadtviertels plötzlich von 5000 auf 20,000 stieg, ein Wechsel, der unmöglicherweise Anderes zur Folge haben kann, als die Lebensbedingungen der ganzen Bevölkerung zu erschweren. Es iß weiter einer der wichtigen Grundsätze der Gesetzgeber, daß die Gesetze klar und deutlich nicht ungewiß ausgedrückt sind, und das größte und Leiden der russischen Juden rührt von der unbestimmten Fassung der sie betreffenden Gesetze her. Das Gesetz, dessen Auslegung von den Launen eines Beamten abhängt, wird von demselben mit großer Härte ausgeführt und die armen Opfer leiden, durch beständige Unsicherheit und Zweifel, unendlich. — Ein Gesetz lautet, Juden dürfen nicht in Dörfern wohnen! Dann kam die Frage, was ist eine Stadt? — Da war z. B. ein großer Platz, in dem die Juden in Massen concentrirt friedlich und sicher gelebt haben; auf einmal entdeckt ein Beamter, daß es keine Stadt sei, und Alle wurden vertrieben. — Es war ein weiteres Gesetz, daß Kunsthandwerker außerhalb der für die Juden bestimmten Rayons leben dürfen, alsdann entstand die Frage, was ist ein Kunsthandwerker? Kürzlich wurden 25 Setzer von ihrer Arbeit fortgejagt, da entschieden wurde, daß „Setzen" kein Kunsthandwerk sei. Es wurde ihnen natürlich keine andere Gelegenheit gegeben, ihrem Beruf nachzugehen. Wenn Leute ein gewisses Handwerk erlernt haben, ist die natürliche und moralische Folge, daß man ihnen auch Gelegenheit gibt, ihren Beruf zu verfolgen. — All' diese Thatsachen rechtfertigen ein Gesuch um offene Untersuchung. Was die zweite Klage gegen das Meeting anbelangt, so ist deffen Zweck weder, ein Urtheil zu fällen, noch zu verurtheilen. Niemand hat die Absicht, ein ungünstiges oder unwahres Wort zu sagen oder das Urtheil der Welt über die eriftirenden Gesetze festzustellen. Untersuchung ist das Einzige, was wir verlangen! Wir würden dem Czar Unrecht thun, wenn wir nicht solche fordern würden; denn wir glauben sicher, daß er über alle Russen weise regiert und das Wohl aller Nnterthanen wünscht. Man kann vielleicht sagen, die Methode sei nicht richtig gewählt. Ich kann wohl begreifen, daß es Fälle gibt, in welchen Demonstrationen, die die Handlungen anderer Völker kritisiren, sehr unklug sein können, und auch ich bin kein Freund unnöthiger Einmischung in die Angelegenheiten Anderer. — Wenn der Diplomatie und dem freundschaftlichen Verhältnitz zwilchen Großbritanien und Rußland diese Einmischung Schwierigkeiten bereiten würde, würde ich an dieser Demonstration nicht Theil nehmen; das ist aber nur die Absicht Derer, die den wahren Endzweck verwirren wollen. Ter wahre Zweck ist der, den Czar zu veranlassen, seine legitime und constitutionelle Macht zu benutzen, um das, was Unrecht ist, wieder gut zu machen; wenn die Erreichung dieses Zweckes von uns unklug ist, so sehe ich keine Möglichkeit, wie man seinen Nebenmenschen gerecht werden kann. Wir kommen der Würde des Ezaren mit aller Ehrfurcht entgegen, indem wir von seinem Wunsche, Recht zu handeln, vollständig überzeugt sind. Wir wollen durchaus kein Wort gebrauchen, das durch die boshafteste Entstellung als Drohung aufgefaßt werden könnte. Wir haben keine andere Gewalt, als — die öffentliche Meinung; aber dies ist die Macht, die endlich die Geschicke aller Völker lenkt und uns zum glorreichen Anbruch freier und glücklicher Tage führt. — Ein anderer Einwand gegen das Meeting ist Folgender: Die Theilnehmer an demselben überschreiten ihre Pflicht! Ter Zweck des Meeting ist nicht sich in die innere Politik einer großen Nation zu mischen, sondern nur die Grundsätze zu verfechten, die in der ganzen civilisirten Welt Anerkennung gesunden und die auf Gottes weitem Erdenrunde Anerkennung finden sollen. — Kann die Anerkennung dieser Prinzipien als Beleidigung irgend eines Volkes aufgefaßt werden? Die Macht des Prinzips ist Alles, worauf wir uns stützen, und die Grundsätze religiöser Gleichberechtigung ist das natürlichste Recht aller Menschen. Und gerade, weil Letzteres durch die Gesetze, die wir beklagen, gefährdet ist, so ist es die Pflicht aller Engländer, im Hinblick darauf, daß Gott ihr Leben ihnen erleichtert, das Licht ihrer eigenen Ueberzeugung über den Ocean zu anderen Nationen hinüber strahlen zu lassen!! — Die Heiligkeit des Sabbat ist dem Juden theuer; wenn aber ein jüdischer Handwerker ertappt wird, daß er am Sabbat nicht arbeitet, werden ihm die Rechte, die dem Handwerker bewilligt werden, entzogen. — Es ist jüd. Brauch, am Vorabend des Sabbat 2 Lichter anzuzünden, und das russische Gesetz belegt die dazu benützten Kerzen mit Zoll. Ein Zoll wurde auf Fleisch erhoben, das von nach jüd. Ritus geschlachtetem Vieh herrührt, ein Zoll, der den Preis um 20—30 Pfennig erhöht. Solche Maßnahmen widersprechen jedem religiösen Gefühle. Sie sind nicht in Uebereinstimmuug mit dem religiösen Grundsätze: „Was Du nicht willst, daß es Dir geschehe, das füge auch Anderen nicht zu." Ein anderer Einwand gegen das Meeting ist der, daß man sich zu Gunsten einer Rasse bemühe, deren LebenZbedingungen es viel schwieriger machen, zu ihren Gunsten etwas zu thun, als bei anderen Rassen. Es ist aber nicht gerecht, Beispiele schlechter Juden herbeizusucheu und zu sagen, dies ist der Typus der ganzen Raffe. Wenn man von Griechenland redet, so denkt man nicht an die modernen Griechen, man spricht von Pericles, Aristides und Sokrates. Wenn man von England spricht, so braucht man nicht an die Ariergarde von Stanley zu denken. Man spricht lieber

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