Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 98 (15.12.1890)
- Date
- 1890-12-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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^SS8. XXXI. Jahrgang. Israelit««»Ieschurun. Zkltslhüst rm fötöccunfl ifiö. mm Mil W. Kebm tk Am. GmkMk m Ktzrlr. Kentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudentßum. Begründet von I>r. Lehmann in Mainz. Montag, den 13. Dezember TKS1 <18SV>. Leitende Artikel. DirFondonerProtest-Versammlung zu Gunsten unserer Glaubengenossen in Rußland. (Von unserem nach London entsendeten Specialberichterstatter.) London, 10. Dez. 1890. Die in der Ueberschrist genannte Versammlung, über die ich Ihnen bereits einen kurzen telegraphischen Bericht gesandt, fand heute Nachmittag in der Guildhall statt. Das Meeting war von Seiten des vor Kurzem in's Amt getretenen N. H. Lordmayor S arvory und einer großen Anzahl hervorragender weltlicher und geistlicher Würdenträger, sowie vieler Parlamentsmitglieder (sämmtlich Nichtjuden) einberufen. Das Meeting sollte um 3 Uhr beginnen; schon lange vor der festgesetzten Stunde waren der große Saal und die Gallerten bis aus den letzten Platz von einer distinguirten Gesellschaft besetzt. Man schätzt die Zahl der Anwesenden auf 6—7000. doch mußte mehr als die doppelte Anzahl mit ihrer Nachfrage nach Eintrittskarten bereits 14 Tage vorher abgewiesen werden. Ihrem Correspondenten wurde durch Vermittlung von Bekannten vom Lordmayor direkt eine Eintrittskarte übersandt. Der Lordmayor eröffnete das Meeting wie folgt: „Infolge Aufforderung in einer zahlreich unterschriebenen Eingabe nahm ich keinen Anstand, diesen Saal für das heutige Meeting zu benutzen. Seit Jahrhunderten bereits waren die Bürger Londons stets bereit, in Bezug auf religiöse und persönliche Freiheiten eine führende Stellung einzunehmen. Ich glaube aber, daß bei keiner früheren Gelegenheit diese Halle einem dringenderen Zwecke als heute gedient hat, da wir unsere Sympathie, unser Mitgefühl mit den Juden in Nutzland, die unter außergewöhnlichen strengen Gesetzen leiden, Ausdruck geben wollen. Ich hoffe, daß bei diesem Meeting kein Wort und kein Ausdruck gegen die Person Sr. Majestät des Czaren fallen wird. Soviel ich weiß, ist der Czar ein guter Gatte und zärtlicher Vater, so daß man annehmen darf, daß er gütig gegen alle seine Unterthanen ist. Auf Se. Majestät, den Czaren, sind die Augen aller russischen Juden z. Zt. gerichtet. Er kann durch einen Federstrich alle Gesetze, die sie so schwer drücken, annulliren, und er kann allen jüd. Unterthanen eine gesicherte Existenz verschaffen, da ihr Leben jetzt kein Leben ist. Er hat öfters und ernstlich betont, daß die Interessen seiner jüdischen Unterthanen ihm so nahe gingen, wie die der orthodoxen Nuffen. Er kann nicht erwarten, wieder Leibeigene in Rußland zu erhalten; doch die Lage der Juden bringt sie der Leibeigenschaft nahe, ja, man kann sogar sagen, ihre Lage ist schlimmer als die der Leibeigenen; denn jene hatten Herren, die für sie verantwortlich waren, während die Juden der Spielball der russichen Polizei sind. Alexander II. hat sich ein unsterbliches Verdienst um die Befreiung der Leibeigenen erworben. Möge Alexander Hl. den Entschluß fassen, die Juden von ihrem Drucke zu befreien, und hierfür als der Emanzipator der russischen Juden für alle Zeiten gerühmt werden. Bevor ich meine Rede schließe, will ich noch einige Stellen aus Briefen vorlesen, welche hohe Persönlichkeiten, die leider am Erscheinen verhindert, an mich gerichtet haben." Er verlas darauf Telegramme und Briefe von Se. Eminenz, dem Erzbischof von Canterbury, Bischof von London, Duke of Argyll, Rev. C. H. Spurgeon, Sir Andrew Clark, Sir I. Lubbok M. P., und theilte mit, daß er noch von vielen anderen bedeutenden Männern Mittheilungen erhalten habe, die er aber der Kürze der Zeit halber nicht verlesen wolle. Hierauf betrat der Herzog von Westminster die Tribüne und sprach ungefähr Folgendes: „Mylords, Lady's und Gentlemens! Ich habe die Ehre, Ihnen die erste Resolution zu unterbreiten und betone zuvörderst, daß wir als Nation die freundschaftlichsten Gefühle für Rußland haben.— Dies ist gewiß auch meinerseits der Fall und bemerkeich dabei, daß bei dem letzten russisch - türkischen Krieg ich ein Mitglied des Comitös zur Hilfe verwundeter russischer Krieger war, und daß wir den Dank der russischen maßgebenden Kreise für dieses Unternehmen ernteten." Er verbreitete sich dann sachlich über den Grund und das Recht zu dem heutigen Meeting und betonte schließlich: „Der Hauptzweck unseres heutigen Meetings ist: Einen achtungsvollen, aber energischen Protest gegen jene Verfolgungen zu erlassen, die glücklicherweise weder sonst in Europa, oder in Amerika, ja kaum in Asien ähnlich zu finden seien. Unsere Resolution lautet wie folgt: „Dieses Meeting beklagt tief die Leiden der Juden in Rußland unter den strengen Ausnahmegesetzen und Beschränkungen, denn in dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhundeits ist religiöse Freiheit ein Prinzip, welches von jeder christlichen Gemeinschaft als natürlichstes menschliches Recht anerkannt werden sollte." In einer weiteren halbstündigen Rede, oft von Applaus und Beifallsrufen unterbrochen, erörterte der Duke die staatliche und sociale Stellung der russischen Juden, und das, was bereits zur Linderung der Mißstände von anderer Seite geschehen. Er schloß mit folgenden Worten: „Wir wissen, daß „das Herz der Könige unter Gottes Hand und Leitung schlägt" und lesen in der Bibel: „Und Gott erhärtete das Herz des Pharao, so daß er die Kinder Israel nicht ziehen ließ." Die Befreiung kam aber schließlich durch Moses und wir haben die sichere Hoffnung, so wie die Freiheit allüberall den Juden gegeben wurde, so wird auch in Rußland, so