Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 97 (11.12.1890)
- Date
- 1890-12-11
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448116--31207-2478996- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1760 Doch was will denn die hübsche Kleine im Goldkleide, die einem Knaben von 14 Jahren aus dem Nachbarhause zärtlich zuwinkt? Ist es ihr Bruder oder ein Verwandter? Es ist — ihr Gatte, der sich zum Besuche bei den Eltern aufhält. Sie ist 7 Jahr alt, seit 1 Jahre mit Jussuf Moglub verheirathet und fühlt sich als junge Frau unter einem Dache mit ihrem Manne, den sie innigst liebt, recht glücklich. Draußen reitet ein vornehmer Araber, vom Lande kommend, in die Stadt ein, begleitet von 20 in Weiße Mousselinstoffe eingekapselte Sklavinnen auf rothgeschirrten Maulthieren, rechts und links bewacht von schwarzen, widerlichen Enuchen. Aber die Passage in der von Bretterbuden eingeengten Gasse ist schwierig, und Esel, mit Waarenballen verpackt, versperren obendrein noch den Weg. Da saust der schwere Stock in den Händen des bronzegliedrigen Negersklaven unbarmherzig auf die Thiere, trifft einen alten Juden, daß er jammernd zusammenknickt, schlägt rücksichtslos auf Frauen und Kinder, bis es Luft gibt und der Zug unter dem Rufe: „Balak, Balak!" gefolgt von Verwünschungen der Zurückbleibenden, seinen Weg weiter fortsetzt. Vor wenigen Wochen noch war derselbe Maure in die Wohnung des Juden gekommen, um ihn zu ersuchen, ihm Vorschuß für ein von der Regierung zu erkaufenden Gouverneurspoften zu leisten. Jetzt hatte der Darleiher für diese prozentberechnete Gefälligkeit seine Muna in baarer Münze ausbezahlt bekommen. Zwei des Wegs kommende Frauen aber halfen dem Alten freundlich auf und brachten ihn in das nächste Haus, wo sie ihn kunstgerecht verbanden. Und doch trugen sie arabische Tracht. Aber der helle Teint des Gesichts und die Krystallbrille vor den klugen Augen der älteren Dame ließen, trotz der Vermummung, die Europäerin erkennen und am englischen Idiom der Aussprache konnte man errathen, daß es 2 von den edlen, aufopfernden Schwestern des britischen Hospizes waren, die hier, abgeschlossen von ihrer Welt und Kultur, dem großen Dienste der Menschheit ihr Leben gewidmet. Dankbar wandte sich der Alte zu ihnen. Die Aibel im Lichte der wissenschaftlichen Forschung aus Grund der neuesten Ausgrabungen. Z >. i lieber dieses Thema hielt der Botschaftskaplan der englischen Botschaft iu Wien, Pastor W. H. Hechler, welcher sich seit zwanzig Jahren dem Studium der biblischen Altcrthümer und der Erforschung neuer Geschichtsquellen gewidmet hat , jüngst im großen Saale des „Christlichen Vereins junger Männer" in Berlin zwei zusammenhängende Vorträge. Die Ausführungen des englischen Pfarrers wurden wirksam unterstützt durch zahlreiche Bilder, Photographieen, Tabellen, Abdrücke und Nachbildungen von altassyrischen und babylonischen Keilinschriften, durch Reproduktionen ägyptischer Hieroglyphen und durch figurenreiche Darstellungen aus den ägyptischen Gräbern. Sehr belehrend sind die Geschichts-Tabellen des Vortragenden, welche, von oben nach unten die chronologische Reihenfolge beobachtend, die gleichzeitigen Geschehnisse der verschiedenen Reiche nebeneinander stellen und, links von Juda und Israel ausgehend, den Beginn, Verlauf und das Ende des assyrischen, des babylonischen, des ägyptischen Reiches, sowie die Geschichte Griechenlands und Roms dem Auge in übersichtlichem Zusammenhänge vorführen. „Die Geschichte muß gesehen werden, um verstanden werden zu können," ist der Grundsatz Hechlers, den er bet seinem Geschichtsunterricht befolgt. In seinen Vorträgen legte er nun die Bestätigung der biblischen Urkunden durch den überraschenden Inhalt der Keilinschriften dar. Er legte dar, wie das erste Jahrtausend der Menschengeschichte mit Adam, das zweite mit Noah, das dritte mit Abraham, das vierte mit Salomo begann. Die von den Gelehrten aus den langen Regenten- und Dynastiereihen Aegyptens herausgerechneten 10,000 und mehr Jahre der Welt vor d. g. Ztr. bringt Hechler in Uebereinstimmung mit den biblischen Zahlen durch den Nachweis der Existenz von Mitregenten, von der gleichzeitigen Regierung mehrerer Könige. Dadurch schrumpfen die vielen Jahrtausende, welche sich aus der einfachen Addition der Regierungszeit der einzelnen Könige ergeben, sehr zusammen. Beispiele von Mitregentschaft hat man aber sowohl in der römischen, als auch in der bibischen Geschichte. David ließ noch zu seinen Lebzeiten Salomo krönen. Der Redner widerlegte auch die Meinung vieler Theologen, daß die Bücher der Chronik in ihren Zeitangaben mit den Büchern der Könige nicht stimmen, und führte dafür, um nur ein Beispiel herauszugreifen, folgendes an: 2 Könige 1, 17 steht, daß Joram, König von Israel ward im andern Jahre Jorams des Königs von Juda; 2. Kön. 3, 1 steht aber: Joram wurde König von Israel im 18. Jahre Josaphats des Königs von Juda; und 2. Kön. 8, 16 wird gesagt: daß Joram der König von Juda wurde im 5. Jahre Jorams des Königs von Js-