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Der Israelit · 1890-12-11 · Heft 97 (11.12.1890) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 97 (11.12.1890)
Date
1890-12-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXI. Jahrgang. Beilage ju M 97 des „Israelit Z- Ieschurun" Literarischer Bericht. Junius „Philister über Dir". Berlin, 1890. 124 S. Verlag von Hugo Steinitz. „Die Lösung der confessionellen Frage", das war die Aufschrift auf dem Umschlag des vorliegenden Merkchens. Man hat vermuthet, vaß der pseudonyme Verfasser eine der literarischen Größen Berlins sei. Berliner ist der Herr wahrscheinlich, dafür spricht schon eine gewisse Oberflächlichkeit, die, so sehr sie sich auch den Anschein gibt, tiefer einzudringen, doch nicht über das hinauskommt, was man bereits vorher wußte, und was schon sehr oft zum Ausdruck gebracht worden ist, allerdings mehr von antisemitischer als philo-semitischer Seite. Ein Mann, mehr Schriftsteller wie Denker, ein Mann, der mehr mit dem Gemüthe, als mit dem Verstände zu arbeiten gewöhnt ist, spricht hier zu uns. Dabei verräth der Herr Verfasser an vielen Stellen eine „haarsträubende Ignoranz", welchen Ausdruck er selbst gern gebraucht. Er gesteht zu, daß er „den Talmud nie gelesen", er ist aber auch so naiv, die Zeit seiner Entstehung etwa in der Periode der Kreuzzüge anzunehmen. — Viel anderes, was gesündigt wurde, wollen wir mit dem Mantel der Liebe bedecken. Der Inhalt der in Erzählungsform geführten Abhandlung, ist etwa Folgendes: Herr Lenz, ein Schriftsteller Berlins, macht eine Badereise, lernt dabei einen Geheimrath kennen, in dessen reizendes Töchterchen er sich sterblich verliebt, und sie natürlicherweise in ihn. Der Sache steht nichts im Wege, der Vater ist recht wohl einverstanden, und man ist schon bereit, sich über das Glück des jungen Paares zu freuen, als die Drei zufällig mit einem Corpsstudenten zusammenkommen, der Antisemit ist. Er schimpft über die Juden. Lenz, der sich als Jude zu erkennen gibt, darf dies nicht ruhig mit anhören. Der Geheime Regierungsrath will nun seine Tochter dem Juden nur für den Fall geben, daß derselbe zum Christenthume Übertritt. Da für Lenz das Judenthum ebensowenig Werth besitzt, wie das Christenthum, so wäre dieser Uebertritt eine Heuchelei, die er nicht begehen will, nicht kann, nicht darf, und er sieht sich gezwungen, auf die Geliebte seines Herzens zu verzichten. Damit ist sie nicht einverstanden, sie reist ihm nach, sie wirst sich ihm an die Brust, sie will mit ihm entfliehen, in ein fernes, unbekanntes Land. Er aber hatte dem Vater das Wort gegeben, nichts in Bezug auf seine Tochter zu unternehmen, ohne sein Wissen. Er erfüllt sein gegebenes Wort, er hält an seiner angestammten Religion fest und wird tief, bis zur Verzweiflung, unglücklich, und seine Elise nicht weniger; aber das Vorurtheil will seine Opfer haben, es kennt keine Schonung für den Mann, der so gern eine Mischehe eingegangen hätte, und zermalmt die Herzen der Unglücklichen. Der Conflict, der sich in der Seele des jungen Mannes abspielt, ist prächtig geschildert, die Phasen, in der die Leidenschaft, der Schmerz, die Verzweiflung zum Ausdruck gebracht sind, zeugen von dichterischer Begabung. Gelegentlich des Ausbruchs seiner inneren Qual bietet sich nun für Lenz die Stelle, wo er in tief empfundenem Monologe gegen die socialen Schäden und Mißstände unserer heutigen Gesellschaft loszieht und sich abquält, Mittel und Wege zu finden, um jene mittelalterlichen Vorurtheile zu beseitigen und aus dem Jammerthale unseres irdischen Daseins ein Paradies zu schaffen. Er klagt nicht ohne Unrecht die Antisemiten des schwärzesten Undanks an, wenn sie behaupten, daß man den Juden nichts verdanke, er weist auf Heine, Börne, Auerbach und viele andere, in neuerer Zeit auf Lasker, Bamberger, Emin-Pascha, ja sogar auf Paul Heyse, der jüdischer Abstammung sei. Er verweist darauf, daß viele Männer, auf die Deutschland stolz ist, ebenfalls nicht von Germanen stammten, wie Albrecht Dürer, Leibnitz, Kant, Chamisso, Dr. Bois-Reymond, Fontane und unser jetziger Reichskanzler Caprivi. Ja, er spricht allen Germanen die reine deutsche Abkunft ab. Die mächtigen, hellblonden Gestalten mit den großen, blauen Augen, wie sie uns Tacitus schildert, sind nicht mehr zu finden, alle haben sie, mit Ausnahme einer ganz geringen, in der großen Menge der-' schwindenden Anzahl, ihr Blut mit fremden, nichtdeutschen Elementen vermischt. Jndeß, der Undank setzt ihn nicht in Erstaunen, denn „Dankbarkeit ist nur den Edlen eigen". So wendet er sich denn an die Edlen der Nation und führt ihnen den Ausspruch, den Burke im Parlament einmal gethan, zu Herzen: „Wenn wir unser Vaterland lieben sollen, dann muß es auch liebenswürdig sein." Das Vaterland solle sich bestreben, den Juden, die es ja von jeher nur geknechtet und unterdrückt, auch einmal sich von der liebenswürdigen Seite zu zeigen, und man werde gewiß keine besseren Staatsbürger haben, als sie, die 'ja sogar

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