Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 97 (11.12.1890)
- Date
- 1890-12-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1745 Breslau den 19. November. Heute Abend fand im Hotel zu den 3 Bergen die erste Generalversammlung des im vorigen Jahre gegründeten Verbands zur Erziehung israelitischer Waisen unter dem Vorsitz des Herrn Oberlehrer Dr. Badt statt. Die Versammlung war ziemlich zahlreich besucht, darunter auch von einem Delegirten des Local-Eomit6s zu Ostrowo, Herrn Ad. Baer. Andere auswärtige Mitglieder haben der Versammlung ihr Bedauern darüber ausgedrückt, an der Betheiligung verhindert zu sein. Nach einer Begrüßung der Erschienenen durch den Vorsitzenden nahm Herr Rabb. Dr. R o s e n t h a l das Wort. In der diesem Redner eigenen herzgewinnenden Art besprach derselbe die Ziele und Bestrebungen des Vereins und beleuchtete sie in geistvoller Weise. Unter andrem hob er hervor, daß der Verband mit Recht von der sonst meist üblichen lokalen Beschränkung absehe, und seinen theilnehmenden Blick und sein fühlendes Herz ohne Unterschied auf die Hilfsbedürftigen lenke, wo sie sich auch befänden. Auch den Bemühungen des Verbandes spricht er seine volle Anerkennung aus, den hilfsbedürftigen Kindern lieber in anständigen, anspruchslosen Familien ein Heim zu schaffen, wo sie sich als Familienangehörige fühlend leichter der Segnungen theilhaftig werden können, welche Kinderliebe und Elternliebe auf Bildung von Gemüth und Charakter üben, wo sie ferner neben dem sorgfältigen Unterricht der Schule im Hause täglich den harten Kampf ums Dasein vor sich sehen und dadurch der Sphäre nie entrückt würden, für die ja doch die meisten von ihnen, — einzelne Glücksfälle abgerechnet — bestimmt seien. Lauter Beifall wurde von allen Anwesenden, die auf Antrag des Vorsitzenden dem Redner zu Ehren sich von ihren Sitzen erhoben, dem Redner zu Theil. An seinen Vortrag knüpfte der Vorsitzende Ergänzungen und Erläuterungen zu dem veröffentlichen Jahresbericht und wies auf den Segen hin, die trotz der spärlichen Mittel der Verband bereits geschaffen, erwähnte aber auch mit Bedauern die Thatsache, daß eine große Zahl von Bewerbern abgewiesen werden mußte, weil die Mittel nicht ausreichten. Solle der Verband nur entfernt den an ihn gestellten Forderungen genügen, so brauche er viel mehr Geld, als er bis jetzt habe; so bedürfe er vor allem eines Fonds, zu dessen Beschaffung hochherzige Menschenfreunde sich zusammenthun müßten. Man begründe die Ablehnung. sich diesem Verbände anzuschließen, oft mit der Thatsache, daß man bereits zu einem Waisenhaus beisteure. Dies sei eher ein Grund für den Anschluß an den neuen Verband als gegen denselben. Denn unglücklicher als die Zöglinge der Waisenhäuser seien gerade alle jene Kinder, die aus irgend einem in der Natur jener Anstalten liegenden Grunde in ein Waisenhaus Aufnahme nicht fänden und dadurch von der Gefahr völliger Verwahrlosung bedroht seien. Durch Beispiele aus der Erfahrung des jungen Verbandes begründet der Redner diese Behauptung und schließt mit warmem Appell an die Herzen der Hörer. Eine Sammlung, welche spontan aus der Mitte der Anwesenden vorgenommen wurde, ergab einen recht hübschen Ertrag. Manche erhöhten unter dem Eindruck des Gehörten ihren Jahresbeitrag auf das Dreifache, was der Vorsitzende mit Genugthuuug konstatirte. Derselbe spricht dann besonders Herrn Rabb. Dr. Münz in Gleiwitz und Herrn Rabb. Dr. Pleßner in Ostrowo den Dank des Verbandes für ihr besonders j eifriges Wirken aus. In Ostrowo sei nicht bloß ein Bezirkscomttö, sondern eine Propaganda-Commission begründet, eine Maßregel, die sich zur Nachahmung sehr empfehle. — Darauf wird auf Antrag des Vorstandes zur Verathung über die revidirten Statuten geschritten; dieselben werden durch en dloc-Annahme genehmigt; deßgleichen die Aenderung des bisherigen Namens in den der Thätigkeit des Verbandes entsprechenderen: „Verband zur Erziehung hilfsbedürftiger israelitischer Kinder." Die um die Gründung des Verbandes verdienten im Lause des Jahres verstorbenen Vorstandsmitglieder HerrWilh. Jung und Rabb. Dr. Daniel Frankel, sowie Herr Rabb. Dr. Manuel Joel werden auf Antrag des Vorstandes unter Zustimmung der Versammlung als immerwährende Mitglieder in den Listen des Verbandes verzeichnet werden. In das Central-Comitü werden außer den bisherigen Mitgliedern desselben die Herren Rabb. Dr. Münz in Gleiwitz, Rabb. Dr. Pleßner-Ostrowo und Kaufmann Max Böhm- Zaborze, zu Revisoren die Herren Lippmann-Bloch, Paul Altmann und Moritz Rieß gewählt. Die letzten drei Herren nebst Herrn Josef Kober und Hermann Kalischer konstitutren sich auch nach dem Vorgänge von Ostrowo als Propaganda-Comitö für Breslau. — Nach einigen Daukesworten für die lebhafte Theilnahme an den Verhandlungen des Abends und erneuter Ermunterung zu frischer Agitation draußen in Stadt und Land schließt der Vorsitzende die Versammlung. O esterr.-Ungar. Monarchie. Wien. Am Tage der Badener Landtagswahl hatte der Kaufmann Martin Kraup während der Fahrt von Baden nach Wien aus dem Fenster des Eisenbahnwaggons Agitations-Placate wehen lassen, welche zur Wahl des deutsch-nationalen Antisemiten Stöckl aufforderten. Der Conducteur zerriß diese Plakate, worauf Kraup sich bei dem Stationsvor-