Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 96 (8.12.1890)
- Date
- 1890-12-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1737 thal in beredten und warmen Worten für den Antrag eintrat, wurden auf Vorschlag des Herrn Justizraths Makower die Anträge mit zehn gegen sieben Stimmen abgelehnt. Maßgebend für das Votum der Majorität war der durch Herrn Makower geführte Nachweis, daß für eine Vermehrung der Synagogen noch kein Bedürfniß vorhanden sei. Die hierbei angeführten Zahlen verdienen in weiteren Kreisen bekannt zu werden. Die Zahl der Synagogenplätze in den Gemeindesynagogen (einschl. Lindenstr.) beträgt 7030, in den zu den hohen Festtagen gemietheten Lokalen 5000, in Anstalten und Schulen 2089, in den für gottesdienstliche Zwecke au den hohen Feiertagen von privater Seite eingerichteten Sälen 3740, in Lokalen der Religionsvereine 1688, zusammen 18,547 Plätze, das ist bei einer Seelenzahl von 70,000 Juden in Berlin auf je vier Seelen ein Synagogenplatz, während bei den Christen in Berlin erst auf je 28;/2 Seelen ein Kirchenplatz kommt. — Aus der sonstigen Tagesordnung der Sitzung ist hervorzuheben die Bewilligung von Theuerungszulagen an einzelne Beamte, sowie die Einführung der wiederbezw. neugewählten Vorstandsmitglieder. Berlin. Das Jubiläum des Musikdirektors Lewando Wski findet nicht, wie irrthümlich berichtet wurde, am 13, sondern erst am 27. d. M. statt. An diese m Tage werden Vormittags die Adressen, Ehrengaben u. s. w. überreicht, während Abends ein Fest tu der Gesellschaft der Freunde gegeben wird. Frankfurt a. M., 16. November. Hente Nachmittag tagten im Hotel „Römischer Kaiser" hier die Vertreter der Gemeinden des Großherzogthums Hessen, um über gemeinsame Maßnahmen zu berathen, welche gegen den immer weiter sich verbreitenden Antisemitismus zu ergreifen seien. Man war allgemein der Ansicht, daß man die immer weitere Kreise ergreifende Bewegung durchaus nicht ignoriren dürfe, sondern mit allen möglichen Mitteln dieselbe bekämpfen müsse. Mit den Paragraphen des Strafgesetzbuches sei dieser gefährlichen Sache nicht beizukommen, auch nicht mit dem sonst vielberufeucn „Groben Unfugs-Paragraphen". Nur mit geistigen Waffen tonne man der Bewegung entgegentreten und ihrer schließlich Herr werden, dazu gehört vor Alleni eine kräftige Agitation, die Schaffung einer guten zielbewußten Presse, welche geeignet sei, die verhetzten Bolksmassen aufzuklären, tüchtige Redner, welche es verständen und welche den Mut!) hätten, den antisemitischen Wanderaposteln entgegenzutreten, die massenweise Verbreimng aufklärender Flugblätter, sodann aber auch eine innere Mission innerhalb des Judenthums selbst, Schaffung tüchtiger Schüler, Heranbildung charaktervoller Lehrer, Gründung von Handwerkervereinen u. s. w. Zu diesem Zwecke müßte eine Vereinigung gebildet werden, die später über ganz Deutschland ausgedehnt werde, deren Zweck es sei, die zur Herbeiführung obiger Maßregeln nöthigen Geldmittel zu beschaffen. Dahingehende Anträge wurden zum Schluffe angenommen. Aus d. Rgbzk. Cassel. Der Erlaß der Kgl. Regierung zu Cassel an die Herren Kretsschulinspektoren, den ihnen unterstellten Lehrern zur Pflicht zu machen, religiöse Duldung zu üben und zu lehren, hat gewiß in jedem jüdischen Herzen aufrichtige Freude hervorgerufen. In dem Lager der Antisemiten herrscht darob Schrecken und Bestürzung, und mancher tritt den Rückzug an, der noch vor kurzer Zeit die Waffen der Verfolgung hochgeschwungen. Daß auch unter den Lehrern Antisemiten sich befinden, bedarf wohl kaum des Nachweises. Nichtsdestoweniger darf es als freche Anmaßung bezeichnet werden, wenn sogenannte Jugendbildner außerhalb der Stätte ihres Wirkens antisemitische Propaganda zu machen sich anschicken, indem sie neben den auswendig gelernten Phrasen, Schriften verbreiten, deren Inhalt, ein Gewebe von Lug und Trug, geeignet, bei der ungebildeten Bevölkerung Haß und Verbitterung zu wecken und zu nähren. Vor einigen Wochen kam ein junger Lehrer aus dem Kreise Fritzlar nach dem im Kreise Hünfeld gelegenen Dorfe Mansbach. Der jüdische Lehrer, ein älterer, würdiger Mann, kam in das Wirthshaus, woselbst mehrere christliche Lehrer des Ortes und Umgebung anwesend, die dem Anstande Rechnung tragend, den fremden „Collegcn" vorstellten. Dieser erlaubte sich ohne Weiteres cynische Bemerkungen gegen Juden ohne Unterschied des Standes und Berufs und schimpfte weidlich nach dem Vorbilde der „Häuptlinge" auf die Nachkommen Sems. Doch gerade in Mansbach besteht ein seltenes einmüthiges Verhältniß zwischen den verschiedenen Confessionsgenoffen — mehrere Juden sind Mitglieder des Gemeinderaths — und so war der junge Pädagoge in der Wahl des Ortes nicht glücklich. In nächtlichem Dunkel mußte er, gepeitscht vom Winde, wenn er sich nicht andern Peitschenhieben aussetzen wollte, das Dorf verlassen. Der jüdische Lehrer, Herr B oley, machte der Königlichen Regierung von dem Geschehenen Anzeige, und unterliegt es keinem Zweifel, daß dem betr. Agitator die Lust verleidet worden, in der Folge eine Agitationsreise zu unternehmen. Sp. O e st e r r. - U tt g a r. Monarchie. Wien, 30. November. Im Feftsaale des Niederösterreichischen Gewerbcvereins fand gestern die Feier des 50jährigen Bestandes des israelitischen Handwerkervereins statt. Namens des Vorstandes schildert Gemeinderath Gustav Simon in kurzen Worten die Geschichte des Vereins und theilt mit,