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Der Israelit · 1890-12-08 · Heft 96 (8.12.1890) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 96 (8.12.1890)
Date
1890-12-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1732 geren Städte bezügliche Beispiele gegeben werben, die als typisch angesehen werden dürfen. Was die geschlossene Armenpflege anbelangt, so betrifft dieselbe außer der Armenkrankenpflege vorwiegend nur die Alters- und Siechenversorgung, da die Waisenpflege für dieses Volk sowohl wegen des ausgeprägten Familiensinnes im weiteren Sinne, als wegen des Umstandes, daß meist beide Elterntheile handeltreibend sind und die Handelsthätigkeit der Kinder meist höchst frühzeitig beginnt und gewöhnlich keine in irgend einem Waisenhanse erlernbare Vorkennlnisse voraussetzt, weniger Bedeutung hat. Jedoch scheint die geschlossene Armenpflege geringfügig zu sein. So weist Polek in seiner „Statistik des Judenthums in der Bukowina" (Wien, Statistische Monatsschrift 1889, für die ganze Bukowina nur ein einziges Armenasyl aus. Das Wiener Siechenhans der Cultusgemeinde beherbergt 26 Personen mit einem Aufwands von fl. 6855; in Prag bestehen einige gestiftete Israelitische Versorgungs- und Unterkunftshäliser. Dagegen richtet sich die Belhätigung weit mehr auf die offene Armenpflege, als bei der allgemeinen kommunalen Armenpflege, und zwar ganz begreiflicher Weise, weil familienlose Arme und Sieche bei den Juden sehr selten Vorkommen. Diese offene Armenpflege ist ganz vorherrschend auf Geld gerichtet und Beispiele von Naruralbetheiligung sehr selten. In Czernowitz, und dies ist in den östlichen Cultusgemeinden allgemein, fährt im strengen Winter der Gemeinde-Holzwagen in die Höfe der Häuser der armen Juden und ladet gewisse Quantitäten ab. Auch ist um Ostern eine Vertheilung von Naturalien rituellen Charakters, besonders in der Osterzeit, üblich. Das Prager Israelitische Armeuiilstitut betheilte 65 Personnen mit 1588, die Marienbader Cultusgemeinde 5 Personen mit 70 und die Czernowitzer unbekannt wieviel Personen mit 3270 fl. — Aus dem Gesagten ergiebt sich somit gewiß die Richtigkeit der Behauptung von dem gänzlich verschiedenen Charakter der christlichen und der jüdischen Armenpflege, wobei letzterer zugegeben werden muß, daß sie das richtige Ausgangsmomeut und viele ungemein rationelle Einrichtungen im Einzelnen besitzt, welche die christlich-gesellschaftliche Pflege nicht hervorgerusen hat. Sie kennzeichnet sich vor Allem durch ihr Prinzip, die Armen mit Geld zu versehen, und zwar in solcher Menge, daß dessen produktive Verwendung möglich sei; bei ihr haben die Gaben nicht so sehr die Eigenschaft von Genußmitteln, als von Kapital. Allerdings ist sie den Armen gegenüber in einer besseren Situation, indem die ökonomische Stellung der Juden, insbesondere durch ihre Zuwendung zu den allergeringsten Handelsgeschäften, eine Verarmung weit seltener zuläßt". Nicht minder lesenswerth sind auch die Ausführungen des Verfassers über die Vereinsarmenpflege. In erhöhtem Maße treten nach diesen Ausführungen die rein weltlichen Vereine hinter den kirchlichen zurück. Unter diesen bleiben wieder die protestantischen an Zahl und Bedeutung hinter den römisch-katholischen und jüdischen zurück, so daß als konstltuirende Faktoren der Vereinsbildung nur diese Beiden in Betracht kommen. Zu den jüd. Vereinen übergehend, schreibt der Verfasser: „Dagegen ist es interessant, im Zusammenhang mit demjenigen, was oben über den Charakter der spezifilch-jüdischen Armenpflege gesagt wurde, auch den Charakter der jüdischen Vereine zu betrachten. Wir begegnen hier ganz demselben Typus, welcher die jüdische Armenpflege so grundlegend von der alten christlichen unterscheidet. Es herrscht hier ganz dieselbe Tendenz, vermittels der Armenpflege die ökonomische Selbstständigkeit der Confessionsgenossen wiederherzustelleu oder zu kräftigen , ihn im Allgemeinen kapitalfähig zu machen, sei dies auch nur zum kleinen Hausii Handel. Die jüdische Armenvereinsthätigkeit ist ganz besonders stark in Prag, dann auch in Wien, Lemberg, Krakau, Czernowitz ausgeprägt, wo neben den beiden sich auch sonst vorfindendeu Formen der Frauenoereine (Wien 1816, Sechshaus, Lin; 1863, Graz, 1880) undjder allgemeinen Arinen-Ilnterstntzungsvereine (.Rudolfsheim, Graz 1832) noch besondere Vereine für Armenversorgung. Waisenpflege, Freitische, Klcinkinderbewahranstalten u. s. w. bestehen. Auch in der Vereinsthätigkeit ist, ebenso wie in der jüdisch-kommunalen die Brautausstattung sehr beliebt und bestehen hierfür eigene Vereine (Sechshaus). Besonders charakteristisch sind 3 jüdische Armen - vereine in Prag, welche die Unterstützung mittels unverzinslicher Darlehen entweder ausschließlich oder vorwiegend bezwecken. So gewährteir der „Nächstenliebeverein für Unterstützung verschmähter Israelitischer Hausarmen" 1885 ungefähr 2000 fl. an Darlehen, wobei die Außenstände fast ebensoviel betrugen, der Israelitische „Verein zur Unterstützung arbeitsloser, erwerbungsfähiger Individuen mittels unverzinslicher Darlehen" in Beträgen von fl. 20 —200 bei einem Vermögen von ca. fl. 26,000 288 Darlehen im Gesammtbetrage von fl. 33 825, ausständig waren fl. 18 688. Der Verein soll übrigens jetzt bei der Verleihung ohne Confessiousbeschränkung vorgehen. Der „Israelitische Zinsbeitragverein" giebt uur etwa 500 fl. für Miethzinse, dagegen das Doppelte an unverzinslichen Darlehen aus. Mau kann sich einen größeren Ge zensatz zwischen der christlichen und jüdischen Armenpflege gar nicht denken als gerade hier; denn die meisten, aus den Normen der alten Pfarr- Armen-Jnstitute beruhenden städtischen Armenstatuten verbieten geradezu die Darlehungsausgabe. Es schließen sih somit die jüdischen Armenpflegevereine vollkommen parallel und von demselben Grundgedanken beherrscht an die Armenpflege der Cnltusgemeinden au, uur ist hier die Gefahr der Doppelbetheiligung und Zersplitterung viel geringer, da die Cultusgemeinden selbst nur selten eine eigene Armenpflege ausüben und die nebeneinander bestehenden Vereine derselben Scadt verschiedene spezifische Zwecke verfolgen." Rußland. Petersburg. Nach dem Berichs des statistischen Central-Cornitss betragen die Z villings- und Drillingsgeburten in Rußland 1,192 Prozent sämmtlicher Geburten. Hiervon entfallen 0.692 Prozent auf die jüdische Bevölkerung. Von 10,000 jüdischen sind etwa 138,6 Zwillings- Drillings- und mehrzählige Geburten. 128,9 männliche Geburten stellen 100 weibliche gegenüber. Die Sterblichkeit bei den Kindern unter 1 Jahr beträgt in Rußland im Allgemeiuen 26,34 Prozent, bei den Juden jedoch nur 14,98. Belgien. Brüssel, 2. Dezember. Die Studenteuunruhen wiederholten sich heute beim B'ginn der Vorlesungen. Ein neuer „Zwischenfall Philippson" erregte die Studentenschaft so sehr, daß man ihm beim Betreten des L.hrsaals unter Pfeifen und Zischen zurief : „Nieder mit dem Lügner! Entlassung!" Philippson hat seine Entlassung aus dem Rektorat beantragt. Seine Vorlesungen sind vertagt. Algier. In Bel-Abbvs (Algerien) ist Frau Zahru Levy im Atter von 110 Jahre gestorben; ihr vor einigen Monaten verstorbener Mann war 107 Jahren alt geworden!

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