Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 95 (4.12.1890)
- Date
- 1890-12-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1712 Wien. Die türkisch-israelitische Gemeinde dahier erhielt von der ntederösterreichischen Statthalterei die Weisung, ein Musterstatut vorzulegen. Diese Gemeinde wurde im Jahre 1736 dahier durch den nachmaligen niederländischen Rath und Hofjuden Moses Lopez Pereira Diego d'Aguilar gegründet. Budapest. wrm „Deine Feinde werden Dir schmeicheln". Vor wenigen Jahren noch saß im ungarischen Abgeordnetenhaus auch der katholische Geistliche Ignaz Zimandy als Deputirter, der einer der verbissensten und wüthendsten Antisemiten war. Bei einer Neuwahl des Parlameuts fiel er dann schmählich durch und seitdem hörte man nichts von ihm. Derselbe veröffentlicht nun plötzlich im „Nemzet" hier eine Erklärung, daß er die konfessionellen Streitigkeiten für alle Zeiten verlassen habe und den Rest seines Lebens, sowie seines entbehrlichen Vermögens dem Wohlthun und der Nächstenliebe ohne Rücksicht auf die Religion widmen wolle. Aus einem Haman ist so plötzlich ein. ‘«■w um» Judenfreund geworden p. Budapest. Der Magistrat beschloß zu beantragen, daß die Subvention derPester israelitischen Cultusgemeinde von fl. 8000 auf fl. lO.OOO erhöht werde. Ein weitergehender Antrag der hauptstädtischen Finanzkommission (Erhöhung der Subvention auf fl. 12.000) wurde abgelehnt. Die Angelegenheit gelangt zugleich mit dem Budget vor den Municipalausschuß. Lemberg, 21 November. In der heutigen Landtagssitzung interpellirten Fürst Czartoryski, Baron Ziemialkowski, Ritter von Jaworski, Graf Stanislaus Badeni re. die Regierungsvertreter, weshalb die Baron Hirsch'sche Zwölfmillionenstiftung für humanitäre und Unterrichtszwecke in Galizien, welche eine Landesenquete unter Vorsitz des Landmarschalls für nothwendig erkannt hat, bisher nicht aetivirt wurde, nnd ob die Regierung das Jnslebentreten der Stiftung zu beschleunigen beabsichtige. Kascha«. In der nahen Dorfgemeinde Abanj- Szöplak feierte am 13. v. M. das greise Ehepaar, Herr Sigmund Reich und seine Gattin, Frau Johanna Reich, geborene Paßternak, das Fest ihrer diamantenen Hochzeit. Der Jubel-Greis, ein in allgemeiner Achtung stehender Gutspächter, ist trotz des hohen Alters von 85 Jahren noch sehr rüstig und ihm steht als würdige Partnerin die Jubelbraut treu und wacker zur Seite. Sie steht trotz der Last ihrer 80 Jahre noch immer als emsige und tüchtige Hausfrau ihrer großen und mühevollen Wirthfchaft vor. Die Beiden, welche nun schon seit 60 Jahren miteinander innig verbunden die Leiden und Freuden des Erdenlebens gemeinschaftlich durchkosten, sind echte und rechte Israeliten. Ihre ungeheuchelte, aus dem Herzen kommende Religiösität, ist sprüchwörtlich geworden und es umgibt diese beiden alten Leute nichts als Liebe, Anhänglichkeit und Werthschätzung. Sie haben sich dieselbe stets und immer durch ihr mustergiltiges Leben zu verschaffen und zu bewahren gewußt! Gott segnete diese glücklichen Eheleute nicht durch das hohe Alter allein, sondern ließ sie die Freude erleben, Enkel und Urenkel um sich zu sehen. Die Söhne dieser ehrwürdigen Allen nehmen alle geachtete Lebens-Stellungen ein. Wohl an die 35 theure Personen, es waren die Söhne, die Töchter, die Schwiegertöchter, die Enkel und Urenkel erschienen, belebten für wenige Tage das stille, bescheidene und doch so traute Heim der greisen Brautleute, welche im Vereine mit ihren Lieben diesen für sie so bedeutungsvollen Tag in größter Einfachheit und im allerengsten Familienkreise feierten. Möge es dem würdigen Paare von Gott beschieden sein, sich noch lange ihres schönen Lebens erfreuen zu können. Rußland. Die russische Oberpreßverwaltung hat bekanntlich den ohne Präventiv-Censur in Petersburg und Moskau erscheinenden Blättern verboten, von dem gegen die Judenhetze gerichteten Proteste hervorragender russischer Schriftsteller Notiz zu nehmen. Das ist leicht zu erklären, denn die zarische Regierung denkt gar nicht daran, in der Bedrückung der Inden in Rußland eine Milderung eintreten zu lassen. Im Gegentheil, es werden noch immer neue Zwangsmaßregeln beschlossen. Wie die „Times" mittbeilt, darf nach einem neuen Ukase kein Jude in die griechisch-orthodoxe Kirche ausgenommen werden, wenn nicht auch seine Frau, seine Kinder, Brüder und Eltern ihren Glauben wechseln. Dieser Ukas hat den Zweck, zu verhindern, daß ein Mitglied einer jüdischen Familie zur griechisch-orthodoxen Kirche Übertritt und dann als Christ die Uebrigen als „Angestellte" beschäftigt. Sehr bezeichnend für diese Maßregel ist die Bestimmung, daß alle Vorrechte, welche durch einen Glaubenswechsel zu erlangen sind, sich lediglich aus die griechisch-orthodoxe Kirche, nicht aber auch auf die katholische oder protestantische beziehen. Wenn angesichts solcher Intoleranz der Machthaber sich doch ein Priester findet, welcher gegen dieselbe offen austritt, so ist das in der That ein bemerkenswerther Vorgang. Im Kloster des Heiligen Michael bei Odessa soll näinlich der Pope Remirow vor einigen Tagen von der Kanzel gegen die staatliche Verfolgung der Juden gedonnert haben. Welches Schicksal ihn auch erwarte, habe er gesagt, so fühle er sich doch verpflichtet, Zeugniß abzulegen gegen eine