Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 95 (4.12.1890)
- Date
- 1890-12-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1708 Blatt eine sehr interessante Petition an, welche die hervorragendsten Vertreter der Kaufmannschaft und der Industrie Moskaus im Jahre 1882 an den Finanzminister gerichtet hatten, als Graf Jgnatjew seine Bedrückungsmaßregeln gegen die Juden plante bezw. ausführte. Da man den Juden den Aufenthalt in Moskau (wie überhaupt in allen Städten außerhalb des Judenrayons) sehr erschwerte, ja oft geradezu unmöglich machte, so wandten sich die bedeutendsten Vertreter der Moskauischen Kaufmannschaft an den Minister und legten ihm dar, daß diese Zwangsmaßregeln die Interessen des russischen Handels überhaupt und der Moskauischen Industrie insbesondere sehr schädigen würden, und sie ersuchte denselben, seinen Einssuß anzuwenden, um diesem verderblichen Treiben ein Ziel zu setzen. Dieses Dokument ist zu umfangreich, als daß ich es selbst im Auszuge mittheilen könnte. Dasselbe weist auf den großen Nutzen hin, welchen die Juden dem Handel und der Industrie Rußlands bringen und protestirt sehr energisch gegen die beschränkenden Regierungsmaßregeln. Ferner werden in der Denkschrift das barbarische Verfahren bei den Judenkrawallen von 1881 und die wahnsinnigen Hetzereien auf das Entschiedenste verurtheilt. Durch diese Ausschreituugen seien nicht nur die Juden, sondern auch die Christen betroffen worden und das Eigenthumsprinzip höchst bedenklich erschüttert. Daher verlangen die Petenten Gleichstellung der Juden. Selbstverständlich ist dieses Gesuch nicht berücksichtigt worden, und daß sich die Lage der Juden seitdem stets verschlimmert hat, ist bekannt. Feuilleton. Aas Geschenk der Großtante. Erzählung von S. K»hu, Verfasser von „Gabriel." Jeder unbefugte Nachdruck wird mit saller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungsrechte Vorbehalten. Erstes Kapitel. „Wir sind jetzt einundzwanzig Jahre verheirathet, und ich habe Dich auch schon früher, bevor ich Deine Frau wurde, gekannt; aber daß Du ein so eigensinniger Mensch bist, davon hatte ich wahrhaftig keine Ahnung", rief Pauline Speier. Die Sprecherin ist eine schöne Frau von etwa ein-, zweiundbierzig Jahren, die man leicht für eine Dreißigerin halten könnte. Das noch immer schöne, kastanienbraune Haar ist von einem einfachen Haushäubchen verhüllt, die Züge ihres leicht gefärbten, gut geformten, ovalen Gesichtes, sowie ihre großen, schönen, braunen Augen drücken Güte und Klugheit, in dem Augenblicke auch Aufregung aus. Sie ist mittelgroß und trägt ein hochschließendes grünes Merinikleid, das ihr einen matronenhaften Anstrich verleiht und sie vortrefflich kleidet. Ihr gegenüber sitzt ihr Gatte, Philipp Speier, ein Mann in der zweiten Hälfte der Vierzig, dessen große Aehnlichkeit mit ihr — so weit eben ein Mann einer Frau ähnlich sein kann — sich dadurch erklärt, daß seine Mutter die ältere Schwester seines Schwiegervaters gewesen, daß er seine Cousine geheirathet hatte. Er ist ein schöner, kräftig gebauter Mann mit einem braunen Vollbart. — Es dauert eine geraume Weile, bevor er den Vorwurf seiner Frau erwidert; endlich sagt er mit leicht umflorter Stimme: „Du thust mir wahrhaftig unrecht, ich bin nicht eigensinnig, wär' ich's, Du hättest mir schon längst diesen Fehler abmerken müssen. Hättest Du mich von dieser häßlichen Seite gekannt", fuhr er offenbar in der Absicht dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, scherzhaft fort, „hättest Du mich vielleicht gar nicht zum Gatten gemocht! . . . Hm, Pauline, wenns Dich gereut, gibt's ja auch ein Mittel! Unsere Religion gestattet die Ehescheidung. Du bist noch eine schöne Frau, Jedermann hält Dich für etne Schwester Deiner Tochter, unserer Therese. — Du bist auch eine reiche Frau; — wahrhaftig, Du könntest noch eine brillante Parthie machen. Soll ich mit dem Rabbiner sprechen, er möge die einleitenden Schritte zur Scheidung vornehmen? .Hör' mal', Pauline, Aufsehen würde die Sache erregen, und Jeder würde mich, nicht Dich verurtheilen! Du weißt, ich Hab' Dich lieb und thu' nur, was ich Dir von den Augen absehe; — also soll ich mit dem Rabbiner sprechen?" Speier ergriff die Hand seiner Frau und blickte ihr liebevoll in's Gesicht. Pauline entzog ihm ihre Rechte und sprach unwillig: „Ich begreife es nicht, wie ein so kluger Mann, wie Du es bist, scherzen kann, wenn ich eine so ernste Angelegenheit mit Dir besprechen will. Es handelt sich um das Lebensglück '.unseres Kindes, unserer einzigen Tochter. Therese liebt Theodor Perlberg, den Sohn Deines und meines Cousins, den Sohn Deines verstorbenen besten Freundes, wir kennen ihn von seiner Kindheit an. Du gestehst es, daß er ein braver, tüchtiger, solider, junger Mann ist, er liebt Therese, er würde sie aus Händen tragen; — auch seiner Erziehung, seinen Anschauungen nach, paßt er zu uns, wie kein Zweiter. Er ist schon seit langer Zeit Dein Geschäftsleiter, Du lobst ihn auch als tüchtigen, verläßlichen Kaufmann, Du kannst Dir ja keinen bessern Schwiegersohn auf der ganzen Welt denken und wünschen,