Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 95 (4.12.1890)
- Date
- 1890-12-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1707 Wir haben diese Erläuterung unserer Gesetzeslehrer ausführlich gebracht, weil sie die traditionelle Gesinnung des Judenthums hinsichtlich der GlcichachtunK der Menschen von Gott manisestirt. Diese Lehre der ältesten Tanaiten, der Träger der Misch na-Tradit i on, hatte für das Judenthum ----- Gesetzeskraft als mündliche U eberliefer ung (HD min), die mit dem schriftlichen Gesetze (]n33P min) gleichen Alters ist — und daher lange vor dem Evangelium dem Judenthum heilige Gesetzesnorm war!... Ausschlietzend und absolut abweisend waren die Lehren des Jndenthums nur gegen den Götzendienst, gegen die Sittenlo sigkei t Verderbtheit, Gewallt ha tigkeit und Nn Menschlichkeit der dam ali gen Heiden, worauf die heilige Schrift ausdrücklich einleitend hinweist (3. B. M. 18, 3): „Ihr sollt nicht so thun, wie im Laude Egypten geschieht. .. auch nicht so wie im Lande Kanaan geschieht. Meine Rechte sollt ihr ausüben und meine Gesetze sollt ihr beobachten, darnach eueren Lebenswandel einzurichten." Hat aber der Nichtjude t'W seinen Lebenswandel nach den Sittcngesetzen des Judenthums eingerichtet und solche bethätigt “ffi'N), dann fragte das Judenthum nie darnach; ob semitisches Blut, ob arisches u. s. w. in seinen Adern stieße. — Denn die Thora, das heilige Gesetz lautet: „Durch sie lebt der Mensch (D"iNn), wenn er sie ansübt, ewiges Leben (3. B. M. 18, 5)"! Diese Lehre stammt aus dem Judenthume, dies ist offenkundig und braucht der Beweise nicht - veritas ipsa loquitiu1! Wien, 10. October 1890. Zeitungsnachrichten mtb Correspondenzen Deutschland. Gießen. Die Hinterlasscnen der in Gießen verstorbenen Aron Heichelheim'schen Eheleute haben ein Vermöchtniß im Betrage von 40,000 Ml. für Unterstützung von Personen, welche durch mißliche Verhältnisse in Bcdrängniß gerathen sind, gemacht. Frankfurt a. M. Professor Weigert hicrselbst, dessen Name und Thäligkeit von Geheimrath Koch bei Gelegenheit des Vortrages über sein Mittel gegen die Tuberkulose ehrend erwähnt worden ist, war früher an der Universität Leipzig thätig, hat aber diesen Ort vor einigen Jahren verlassen, weil die sächsische Regierung ihn als Juden bei der Besetzirng der ordentlichen Professur übergangen hat. Breslau, 1. Dec. Es war wieder mal nichts. Die antisemitischen Blätter, voran die „Kreuzzen-mg", hatten in die Welt posaunt, der Rabbinatsamts- Kar.didat Max Bernstein Hierselbst habe einen Ehristenknaben in seine Wohnung gelockt und ihm „zu rituellen Zwecken" Blut „abgezapft". Bernstein wurde im vorigen Jahre wegen dieses Verbrechens der Körpeivcletzung in der That zu einer Gcfängnißstrafe von drei Monaten verurtheilt; da aber die jüdische Zeitschrift „Laubhütte" mittheilte, daß er das gleiche Verbrechen auch an acht jüdischen Knaben begangen habe, beschloß der Gerichtshof, Bernstein v Geisteszustand beobachten zu lassen. Das erste Gutachten der Aerzte widersprach sich, während ein Ober-Gntachten des Breslauer Medizinal-Kollegiums sich für die Zurechnungsfähigkeit Bcrnsteln's entschied. Jetzt hat die als dritte und letzte Instanz angcrnfene Wissenschaftliche Deputation zu Berlin ihr Gutachten dahin abgegeben, daß Bernstein an chronischem religiös.'.! Wahnsinn leidet (paranoia chronica religiosa). In Folge dessen ist Bernstein gestern aus der Haft entlassen worden. O e st e r r. U u g a r. M o n a r ch i c. Wien, 30. Nov. Im israelitischen Bethause in dev Leopoldftadt, Große Schiffgasse Nr. 8, entzündeten sich gestern Abend kurz vor 5 Uhr in Folge mangelhafter Konstruktion des Ofens die oberhalb desselben im Plafond befindlichen Dippelbäume. Das Gotteshaus war. da gerade die Sabbat-Abendgebete verrichtet wurden, mit Andächtigen vollgefüllt, die auf die ermahnenden Worte eines Vorstandsmitgliedes sich in aller Ruhe ans dem Bethause entfernten. Außer dem regelrechten Ausgange winden auch die beiden Nothansgänge rasch geöffnet und innerhalb eines Zeitraumes von zwei bis drei Minuten hatte sich das Gotteshaus — ein rückwärts tm Hose befindlicher drei Stockwerke hoch reichender Bau — geleert. Mittlerweile war die städtische Feuerwehr mit zwei Löschtrains auf dem Platze erschienen. Vom Polizei-Kommissariate Leopoldstadt hatten sich der Bezirksleiter Polizeirath Rohrweck mit dem Bezirks-Inspektor Grabner, dem journalisircnden Polizei-Kommissär und einer Abtheilung Sicheihcilswachc eingefunden. Die Feuerwehr unterdrückte den Brand nach einstündigcr Arbeit. Der Plafond mußte, um einem Einstürze desselben vorzubcugcn, gepölzt werden. Der Schaden, der durch das Feuer verursacht wurde, ist nicht bedeutend. Rußland. Petersburg, 28. Nov. In dem Maße, als die Arbeiten der' beim Ministerium des Innern tagenden „Judenkommission" ihrem Ende nahen, nimmt die Zeilungspolemik über die Judenfrage einen immer leidenschaftlicheren Charakter an. Besonders maßlos ist in ihren Ausfällen gegen die Inden die „Nowoje Wremja", welche sogar die Regierung auffordcrt, so eine ArtPlebiscit zu veranstalten und die Bevölkerung zu befragen, ob sie gestatten wolle, daß sich die Juden in ihrer Mitte ansiedeln und menschliche Rechte genießen. Das antisemitische Hetzblatt spricht die Ucberzeugung aus, daß sich die gesammtc Bevölkerung Rußlands gegen dieses Ansinnen einstimmig aussprechen und verlangen werde, daß die Rechte der Juden noch mehr beschränkt werden sollen. Gegen diese Behauptung treten heute die „Nowosti" in einem langen geharnischten Artikel ans und zum Beweise dessen, daß die russische Bevölkerung weit toleranter und humaner gesinnt sei, als ihre Preßorgane, führt das