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Der Israelit · 1890-12-04 · Heft 95 (4.12.1890) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 95 (4.12.1890)
Date
1890-12-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1706 „Warte nicht, bis er fällt, und dessen Aufrichtung erschwert wird, sondern unterstütze ihn vorher, daß er nicht falle." — „Wenn Du Geld leihst meinem Volke, sollst Du es dem Armen thun" (2. B. M., 22, 24). — „Verhärte Dein Herz nicht, und verschließe Deine Hand nicht gegen Deinen dürftigen Bruder; thue ihm Deine Hand auf und leihe ihm, so viel er bedarf, so weit sein Mangel reicht" (5. B. M., 15, 7—8), Namentlich gilt der allgemeine Lehrsatz: „Thue, was in den Augen des Ewigen recht und gut ist" (5. B. M., 6, 18). Unsere Gesetzeslehrer wenden den Ausdruck „2112m "ittf’n" dahin an: man müsse über das Maaß des strengen Rechts („p"in mittfD DUDP") verfahren" (Talm. Baba-mezia 6 a, 35 a u. a. tu.). Vergl. Comment. Nachmanides z. S. Ja, unsere Gesetzeslehrer nominiren: „Thora, Mizwoth (-Gebote und Verbote) und WohltHaien (O'l^pQi □'3112), mit welchen letzteren die Bethätigung von Wohlwollen überhaupt ausgedrückt wird, denn Spenden für die Armen fallen unter die Classe „msö“. . Die Jnterßolation des Hillel: „N? imn1? UD T2Jjn" ist zu übersetzen: „Was dir sin der Lage deines Nächstens verhaßt wäre, swenn es dir dein Nächster thätes, das thue deinem Nächsten nicht." Diese Ethik liefert den Gradmesser für unser Verhalten gegenüber dem bedrängten Mitmenschen, indem sie uns befiehlt, daß wir uns stets in die Situation unseres Nächsten zu versetzen haben, und in diese uns hineingedacht, erwägen sollen', was für ein Verhalten uns dann von einem Andern verhaßt, feindlich und lieblos wäre. Da uns aber in einer eventuellen mißlichen Lage ein hartherziges, theilnahmloses Verhalten von unserem Nächsten gewiß verhaßt wäre, so dürfen wir dies ihm in seiner Lage nicht thun. Dieser Gedanke kommt in folgender Bibelstelle deutlicher zum Ausdrucke: „Den Fremdling sollt ihr nicht unterdrücken, ihr kennt ja, wie es dem Fremdlinge zu Muthe ist, denn Fremdlinge wäret ihr in Egypten (2. B. Moses 23, 9)". Die heilige Schrift weist uns damit an, uns in die Lage des Fremdlings zu versetzen, und unsere Handlungsweise gegen ihn diesem Empfinden gemäß einzurichten. So dachte das Judenthum! «L-o dachten und handelten die alten Juden! 7) Wir haben oben ausführlich — so weit es uns der Rahmen einer Rezension gestattet — nachgewiesen, daß Hillel feine Definition des Gebotes von der Nächstenliebe aus der heiligen Schrift selbst geschöpft hat, und selbst im Falle, wenn uns dieser Nachweis nicht gelungen wäre — gilt uns doch Hillel für den Träger der mündlichen Tradition (Aboth 1, 12), die mit der schriftlichen Lehre, mit den fünf Büchern Moses, gleichen Alters, und gleichwerthig ist, und daher ist für uns sein Spruch: mündliche Tradition (,"D by'ZW min). Wir haben dies hier ausdrücklich constatirt, um damit den weiteren Ausführungen des Verfassers so kurz als entschieden zu begegnen.4) 8) Mehr noch als gegen die Götzendiener machten die Tanaiten Front gegen das Renegatenthum der für Fanatiker geltenden Minim: n"*?1? lrOBTlD to pHN po. Denn es ist 4) Hier nehmen wir Gelegenheit, die unmostivirte Behauptung des Herrn Dr. G., „Hillel habe die Bestimmung des Altentestamentes über das Erlaßjahr außer Kraft gefetzt," durch bloßen Hinweis auf die betreffenden Quellen als völlig unwahr hinzustellen. Vgl. Talm. Gitin 36 a: Nt2l2L7v Nn”"ilN“!C"? *Tö NIi'N »ci nin »an n’yotto ”2n idn? nddb/d nth ibv\ ponm n’j/’uip pu’cty un: N1? jnu Suv '»n Kbw uty mmn) . . . pnm ((’"tsn) Vergl. noch Toßv. zur Stelle und Jad- Hachsaka hilchoth Schmitta e. g, 15 ff: Mein Freund 3i. ein gelehrter Jurist, äußerte mir, daß das Schmita (Erlaßjahr) beziehungsweise einer Verjährung gleichkomme, die Ueberantwortüng der schuld an das Gericht (T2P vnnüttf noic) einer Unterbrechung der Verjährung. eine bekannte Erfahrung, daß es keinen fanatisirteren Eiferer für irgend eine Sache gibt, als jenen, der sich zu derselben erst bekehrt hat. Rabbi Tarson sagte (Tal Sabb. 116 a): „Selbst wenn Jemand Rettung sucht vor einem Mörder, der ihm das Leben bedroht, oder vor einer giftigen Schlange, die hinter ihm läuft, soll er sich eher flüchten in das Haus des Götzenthums, als daß er das Haus dieser (Zadukim) betrete. Denn diese erkannten einst Gott und verleugnen ihn nun, während jene (die Götzendiener) ihn, Gott nie erkannt — und daher ungläubig bleiben." R. Jsmael ist gleicher Meinung und schließt: „lieber ihresgleichen sagte David (Ps. L39, 21): „Fürwahr, die Dich, Ewiger, hassen, hasse ich, ltttö Deine Gegner verabschene ich °, mit dem äußersten Hasse hasse ich sie, zu Feinden sind sie mir." Als Grund der Feindschaft wird bemerkt: „Weil sie Eifer, Feindschaft und Zorn zwischen Israel und seinem himmlischen Vater stiften." Diese Ansicht spiegelt sich wieder in der Stelle zu Aboth d'Rabbi Nathan (16 Ende) die wir bereits oben (Nummer 1) angeführt, und welche wie wirschen, von allen Tanaiten getheilt wird. Daß die Gegner, gegen welche diese Tanaiten ihre Aussprüche richteten, reagirt haben und mit toleranten Lehren Propaganda zu machen bestrebt waren, ist eine natürliche Erscheinung. Eüendeßwegen muß man es dahin gestellt sein lassen, ob ihnen bezüglich ihrer wirklichen Denkweise diese Toleranz zu gute geschrieben werden darf — da solche psychologisch genommen, blos ein xro domo berechnetes Kampfesmittel gewesen sein konnte, wofür die Ostentation, mit welcher sie sich am liebsten gegen biblische Sentenzen wendeten, nicht wenig spricht. 9. Bezüglich der Achtung eines frommen Nichtjuden gilt für das Judenthum folgende Tradition: „Es heißt in der heiligen Schrift (3. B. M. 18, 5); „Ihr sollt beobachten meine Gesetze und meine Rechte, durch die der Mensch, wenn er sie aus übt, ewiges Leben erhält", da sagte Rabbi Meir: „Es lautet da nicht: „Wenn sie ausübt der Priester, der Levite und der Jsraelite", sondern die heilige Schrift sagt: „Wenn der Mensch sie ausübt, (cnNH cniN riwj?» ntsw), daraus lerne, daß selbst wenn ein Nichtjude sie ausübt (nt7M '"CU V?’5NIP), verdient er sich das ewige Leben (Thor. Kohan. z. St.)" Ferner: „Es heißt in den heiligen Schriften (2. B. Sam. 7, 19): „lind dieses ist die Lehre des Menschen, o Herr und Ewiger!", es lautet da nicht: Dieses ist die Lehre der Priester, der Leviten und der Israeliten, sondern: „Dieses ist die Lehre des Menschen (D“Nn min nx?i); ehenso heißt es (Jesaia 26, 2): „Oeffnet die Thore, auf das hineingehe das fromme Volk (pill'U), das die bewährten Gesetze beobachtet;" Es lautet da nicht: Auf daß hineingehen die Priester, die Leviten und die Israeliten, sondern „Qeffnet die Thore, aus daß hineingehc der Fromme, der die bewährten Gesetze beobachtet." Ebenso heißt cs (Ps. 118. 20): „Das ist das Thor zum Ewigen, die Frommen werden da hineingehen, es lautet aber, nicht die Priester, die Leviten werden da hineingehen, sondern: „Die Frommen (-Gerechten-E'p'"!L) werden da hineingehen;" ebenso heißt es (Ps. 33, 1): „Freuet euch mit Gott, ihr Gerechte, den Redlichen geziemt das Lob (Gottes)", es lautet da nicht: freuet euch mit Gott, ihr Priester, Leviten und Israeliten u. s. w., sondern es heißt: „Freuet euch mit Gott, ihr Gerechten (E'p'NL), den Redlichen (E'nr^'P) geziemt das Lob (Gottes)"; ebenso heißt es (Ps. 125, 4): „Thue Wohl, o Ewiger, den Guten, denen, die redlich sind in ihren Herzen'", es lautet da aber nicht: thue wohl, o Herr, den Priestern , den Leviten und den Israeliten, sondern es heißt: „Thue wohl, o Herr, den Guten, den Redlichen" — hieraus folgt: Daß selbst, wenn ein Nichtjude (’U) nach den Vorschriften der Thora lebt, so ist er mit dem Hohenpriester in gleicher Achtnng („HN HtPjn ’U V?’DN NH Phj jncD Nin nn mmn (Jalk. 3. B. M. Nummer 591).

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