Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 95 (4.12.1890)
- Date
- 1890-12-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1708 deutung: „verbinden" und „verbünden" und wird als Adjectiv in dieser Bedeutung in dem bekannten: ty’NB 17’N ^3 D’ran iriN (Richter, 20, 11) gebraucht. Es ist daher erstaunlich, wieso Herr Dr. Güdemann darauf verfällt: „Hillel bediene sich der jeden Zweifel ausschlietzenden Umschreibung" und uns glaubhaft machen will, „der Ausdruck „-an" sei von Haus aus der allgemeine Ausdruck für „Nebenmensch", weßwegen ihn Hillel dem Heiden gegenüber gebraucht."!! Warum aber Hillel nicht den Ausdruck „Rea" gebraucht — liegt auf der Hand: Die Conversation zwischen Hillel und dem Heiden wurde im aramäischen Idiom geführt; die Heiden, wie der jüdische Idiot verstanden nicht Hebräisch und sprachen Aramäisch (Dvm Mp); im Aramäischen gibt es aber für das hebräische „pyp^" keinen andern Ausdruck als „Ton>". 6. Herr Dr. Güdemann nennt den Hillel'fchen Satz: „“l’3yn *psn^ ’JD -[byT2) (Sabb. 31 a.) „Eine negative Umschreibung des Nächstenliebe-Gebotes". Wir müssen nun abermals annehmen, daß der Herr Verfasser aus dem Gedächtnisse citirt und sicherlich das neunzehnte Capitel im 3, B. M. nebst den Targunim z. St. nicht nachgelesen hat, er würde anders den Hillel'fchen Satz nicht für eine „negative Umschreibung des Gebotes von der Nächstenliebe" angesehen haben. Lesen wir Cap. 19 (3. B. M.) aufmerksam, so finden wir da von Vers 9 bis Vers 18 durchwegs Verbote, die mehr oder weniger vom Verhalten gegenüber unserem Nächsten handeln. Interessant ist V. 18 durch seine merkwürdige, anscheinend anreihende Satzverbindung. Der erste Theil lautet: „Du sollst Dich nicht rächen und nicht Zorn nachtragen den Kindern Deines Volkes." Diese Gebote, wie alle vorstehenden Gebote, haben sozusagen einen concreten Inhalt, denn sie sprechen präcis von Handlungen, die man zu meiden hat. Der Schluß-Satz allein: „und Du sollst lieben Deinen Nächsten wie Dich selbst", enthält nichts Concretes, da er eigentlich keine Handlung präcisirt — sein Inhalt ist ein allgemeiner und tangirt alle unsere Handlungen im Verkehr mit unserem Nächsten — er ist ein ethischer Lehrsatz. Es fällt daher bald in's Auge, daß der Gesetzgeber mit diesem Schluß-Ausspruche bloß die Ethik der vorangeschickten Verordnungen und Gebote gleichsam — summire n, und diesen als den Schlüssel für jene geben will; diese bezeichnen die That, jener nennt den Geist. Oder, wie Rabbi Akiba sagt: „mim bru bbl DT", „Du sollst lieben Deinen Nächsten, wie Dich selbst", ist der allgemeine, ethische Lehrsatz, der bei all' den vorherstehenden Verboten zum Ausdruck kommt und gilt für dieselben zur Regulatur. Da aber alle jene Vorschriften von einem Unterlassen Jonathan übersetzt dagegen: „N'vvyp rrannv HN Nvp", mithin von Radix „njn" und scheint zu lesen ’jnn. Das hebräische ran (Ezech., 37, 16) wird dem Sinne ensprechend mit „pnTlN" von Jonathan übersetzt. Wo aber “an im Hebräischen — „verbünden" ist, gibt Jonathan (Jesaja, 1, 23), „ü'lJlb j’BmtEn*. Merkwürdig ist die Stelle (Malachi 2, 14): „"lfm nttfNi irran N’m", wo der Parallismus mit „pnra" dem „^rron" die Bedeutung „Verbündete" aufprägt, daher Jonathan: „*]0’pnn’Ni nnsnisy ntn". 2) Der Satz ist eliptisch, und ist hinzuzudenken ’JD -jbyn xrayriN1?, (— daß es geschehe); diese Ellipse, bestehend aus dem Infinitiv des in dem Hauptsatze vorkommenden Verbs, ist im Aramäischen und in der Talmudsprache oft zu finden, wie überhaupt „*]Py H NO" zu ergänzen ist. (nttfyft N^) handeln, so muß nothwendig deren Ethik im Grunde einen negativen Sinn geben, und die ethische Regel: „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst", ist bei Anwendung auf die vorhergeschickten Verbote zu ergänzen durch die Interpolation: „und daher sollst Du Deinem Nächsten nichts anthun, was Dir in seiner Lage verhaßt, d. i. feindlich, lieblos sein würde.s) Hillel, der die concreten Verbote nur dem Selbststudium des wunderlichen Proselyten anempfehlen konnte, bediente sich mithin blos der umgekehrten Methode der heiligen Schrift; denn während diese die concreten Verbote zuerst lehrt und deren ethische Regel zum Schluffe darlegt, gab Hillel zunächst dem Lehrling die allgemeine ethische Regel zur Hand und verwies ihn behufs Anwendung auf's Studium. ("pdj Nin ntsnTS fmi) Herr Dr. Güdemann aber erklärt: „Es ist der Lehre der Menschenliebe schon genug gethan, wenn wir unseren Nebenmenschen nichts Uebles zufügen, auch wenn wir uns nicht bestreben, ihnen Gutes zu thun . . ." Diese Theorie ist keinesfalls eine jübischel . . . . Es widerstrebt uns fast, hiefür Belege aus der heiligen Schrift citiren zu sollen, da jedes Blatt, jedes Capitel in Fülle deren enthält. „Wenn Dein Bruder neben Dir abkommt und seine Hand sinken läßt, sollst Du ihn unterstützen, sei er ein Fremdling oder ein Jnsaß, er lebe bei Dir" (3. B. M., 25, 35). Unsere Gesetzeslehrer bemerken erläuternd hierzu: 3) Targ. Jonathan (3. B. M., 19, 18): w*p3n^ rrami rv^ *V3yn rfi od p:n ]on cjnrD)". Die Interpolation dient zum Verständniß der Satzverbindung. Darnach ist der hebräische Text zu übersetzen: „Du sollst Dich nicht rachen und nicht Zorn halten gegen die Söhne Deines Volkes, denn Du mußt lieben Deinen Nächsten, (wie Dich selbst) (und daher darfst Du ihm'nicht das anthun — nämlich Dich rächen u. s. w. — was Dir selbst in seiner Lage gehässig und feindlich wäre). Nach dieser von Hillel tradirten Auffassung ist „“pöD pyp^ mnNl" ein Begründungssatz für das Blpn N^", und nach unserer Ausführung bildet er die ethische Begründung für alle vorherstehenden Verbote. Deutlicher in folgender Stelle (4. B. M., 19, 33 bis 34): „Wenn sich ein Fremdling in Deinem Lande aufhält, so dürfet Ihr ihn nicht drücken; der Fremdling, der sich bei Euch aufhält, soll Euch so gut wie ein Einheimischer sein. Du mußt ihn lieben, wie Dich selbst, denn Ihr seid Fremdlinge gewesen im Lande Aegypten." Unsere Gesetzeslehrer (Baba-mezia 59 a.) erklären den Ausdruck „um n1?" für „nicht kränken", d. i.: Du sollst den Fremdling nicht durch Reden, anspielend auf seinen Stand als Fremdling — kränken (Dmn nNJlN). In diesem Sinne Jonathan: Mp p^’D3 n’rv Uin, den angeführten Schlußsatz wiederum: on« ,n^ rayn i? od pn Non *jrvn3 nnnni„ ". . . pmn JVTH. Hier tritt diese Interpolation klar und unzweideutig in's Licht, sie besagt: „Du sollst den Fremdling nicht durch harte Reden (anspielend auf seinen Stand) kränken, denn Du mußt ihn lieben, wie Dich selbst, so daß Du ihm nichts anthust, was Dir selbst verhaßt wäre, denn Ihr selbst wäret Fremdlinge..., d. i. die Kränkung durch Anspielung auf den Fremdlingsstand müßte Dir selbst verhaßt sein: „fon} “lONP Pn *'3(7 DiD". Vergl. noch (5. B. M., 10, 19): „~un pn DPXiNi", wo im Targum Jonathan diese Interpolation fehlt, weil eben kein concretes Verbot vorangeht, und daher im Hebräischen das „*po3" nicht vorkommt, und der Satz blos als eine allgemeine ethische Lehre erscheint.