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Der Israelit · 1890-12-01 · Heft 94 (1.12.1890) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 94 (1.12.1890)
Date
1890-12-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1697 überall aufzukeimen droht, muß es jeden edlen Menschen und namentlich jeden unserer Glaubensgenossen mit hoher Freude und hehrer Genugthuung erfüllen, wenn er vernimmt, daß unsere Obrigkeit das gemeine Treiben der Antisemiten aufs schärfste mißbilligt und geeignete Schritte thnt, jener verderblichen Saat den Boden zu entziehen. In der beute dahier stattgehabteu Konferenz der hiesigen Lehrer verlas der die Conserenz leitende Herr Superintendent, Jnspector Dr. Vtal eine Verfügung der hohen Königl. Regierung zu Cassel des Inhaltes: Es sei hoher Kgl. Reg. bekannt geworden, daß vielfach christliche Schulkinder die israelitischen Schulkinder und auch erwachsene Israeliten öffentlich verhöhnen und verspotten. Es sei ferner hoher Kgl. Reg. nicht entgangen, daß manche Lehrer in schwerer Versündigung gegen ihr Amt durch unziemeude Redensarten ihren Schülern gegenüber jenem Unfuge Vorschub leisten. Deßhalb beauftrage hohe Kgl. Regierung die Herren Kreisschulinspektoren , bei der zunächst stattfindendcn Conferenz den Lehrern ihres Kreises die Mittheilung zu machen, daß hohe Kgl. Regierung ein derartiges Gebühren der Lehrer als im höchsten Grade unpädagogisch erachte und aufs schärfste mißbillige. Der Lehrer habe vielmehr die Pflicht jeden Fall einer derartigen Schmähung und Verhöhnung strengstens zu bestrafen und seine Kinder durch geeignete Belehrung zur Duldung und Achtung Andersgläubiger zu gewöhnen. Das ist gewiß ein Wort zur rechten Zeit. Roch wohlthnender als die Verlesung dieser Verfügung wirkten auf die versammelten Lehrer, die sämmtlich dem Antisemitismus sernstehen, die in tiefem Ernste gesprochenen Worte, die der Herr Superintendent an diese Verlesung knüpfte. Es sei leider wahr und er kenne solche Fälle von Beschimpfung und Verhöhnung der Israeliten aus eigener Anschauung. Diese Uebclstände seien jedoch die Früchte einer verderblichen Zeitströmung, die jeden wahren Christen mit tiefer Betrübniß und Abscheu erfüllen müsse. Der wahre Christ muß edcldenkend und weitherzig sein und Liebe und religiöse Duldung übeu. Diese Worte des hohen geistlichen Herrn legen ein beredtes Zeugniß von der hierorts allbekannten sehr humanen Gesinnung des Herrn Superintendenten und von seiner unbegrenzten Menschenliebe ab, die keinen Unterschied der Raffe kennt und die hierorts ihre segensreiche Wirkung nicht verfehlt. Das Ganze zeigt jedoch deutlich, daß der Hüter Israels nicht schlummert und nicht schläft. Gewiß wollte Seine Gnade dazu beitragen, daß unsere Chanukasreude ungetrübt wie die Chanuka-Lichtlein anfleuchten könne. M. R u ßb an m, Lehrer. Hamburg, 24. November. Die Tochter eines hiesigen jüdischen Kaufmanns, welche vor etwa zwei Jahren bei ihrem Bruder in Berlin weilte, lernte daselbst einen Rechtsanwalt aus einer christlichorthodoxen Familie kennen. Die jungen Leute liebten sich lind gedachten sich zu verloben, jedoch wollte der Vater des Rechtsanwalts diese Verbindung nicht anders zugeben, als wenn die Braut zum christlichen Glauben übertrete. Der Vater der Letzteren wünschte, daß seine Tochter wenigstens bis zu seinem Tode dem Glauben ihrer Väter nicht untreu werden möge. Trotzdem fand an einem Dezembertage des vorigen Jahres Nachmittags 2 Uhr die feierliche Taufe und Verlobung des jungen Mädchens mit dem Rechtsanwalt in Berlin statt. Etwa eine Stunde nachher traf eine Depesche aus Hamburg mit der Trauerkunde ein, daß der Vater der Braut am selben Tage uni 2i[2 Uhr von einem Schlagansall getroffen und verschieden sei. Bei Eröffnung des Testaments des Verstorbenen stellte sich heraus, daß derselbe seiner Tochter ein Legat von 20,000 M., außer dem Pflichttheil, vermacht hatte, im Falle sie bis zu seinem Tode Jüdin bleiben würde. Da sie nun eine halbe Stunde vor seinem Tode Christin geworden war, so war sie des Legats verlustig. Ein Prozeß, der von der Tochter gegen das Testament angestrengt wurde, hatte keinen Erfolg. Oe st er r. Ungar. Monarchie. Pefth. Hier hat unter dem Vorsitze des provisorischen Präsidenten Wilhelm Lövinger die konstituirende Generalversammlung des jüdischen Gesellenvereins ftattgefunden. Der Vorsitzende begrüßte die Versammlung und skizzirte den Zweck des Vereines. Rach einer mehr als zweistündigen Verathung wurde der Stalutenentwurf mit einigen Modifikationen angenommen. Eine dreigliederige Deputation begab sich hieraus in die Wohnung des zum Präsidenten gewählten Reichstags-Abgeordneten Dr. Alexander v. Ullmann, der bei seinem Erscheinen mit stürmischen Eljenrufen empfangen wurde. Lövinger begrüßte in warmen Worten Herrn von Ullmann. Reichstagsabgeordneter v. Ullmann dankte für die Wahl, erläuterte den Zweck und die Interessen des Vereins in einer halbstündigen Rede und sagte: Wir wollen mit diesem Verein zwar kein Ghetto bauen und uns der Assimilirung verschließen, sondern wollen der Religion vereint mit dem Patriotismus mit Eifer und Begeisterung eine Werkstätte, ein Heim gründen, wo alles Gute und Edle zum Nutzen des Staats und der Gesellschaft gepflegt und großgezogen werden soll. Aber so wie der Baunr der Pflege nicht entrathen kann, so können auch Parteien, Gesellschaften und Vereine ohne Unterstützung nicht gedeihen. Redner schloß mtt den

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