Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 94 (1.12.1890)
- Date
- 1890-12-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Rußland steht vor großen Erschütterungen. Läuft der Krieg, den es unermüdlich vorbereitet, so übel ab wie das letzte Mal, so werden die durch Galgen, Sibirien und Chauvinismus zeitweise niedergehaltenen Revolutionäre mit neuer Kraft an die Arbeit gehen; endet er siegreich, so wird die Verteidigung des Errungenen gegen die nunmehrig ernstlich gefährdeten Gegner Anstrengungen erfordern, in welchen das Reich sich zu bewähren hat. Nicht in dem Charakter der Handelnden, in dieser Situation vielmehr, in welche sie sich und das arme Land versetzt haben, liegt die Aussicht, daß sich einige Millionen Menschen an der europäischen Grenze nicht so leicht werden vernichten lassen, als viele Tausende im Kaukasus vor einem Menschenalter vernichtet oder vertrieben worden sind. Wenn aber das Lob von Souverän und Nation eine Bedeutung haben soll, wo es verdient wird, was müssen wir von Alexander III. und dem moskowitischen Staate halten? Zeitungsnachrichten und Correspoudeuzen. Deutschland. Berlin, 18. November. Bekanntlich hat das Herrenhaus in seiner letzten Session bei der Etats- Berathung im Mai d. I. eine längere Debatte über die Stärke der jüdischen Schülerzahl in den höheren Lehranstalten geführt und auf Antrag des Grasen Pfeil und Genossen mit großer Majorität den Beschluß gefaßt: „Aus Grund der vom Herrn Minister der geistlichen Angelegenheiten konftatirten Thatsache, daß bei preußischen öffentlichen höheren Lehranstalten wegen der Ueberzahl jüdischer Schüler an den jüdischen Sabbaten und Festtagen der Unterrichtsplan hat verändert werden müssen, die königliche Staatsregierung um Erwägung von Maßregeln zur Beseitigung der hieraus erwachsenden Uebelstände zu ersuchen." Darauf hat das Staatsminifterinm dem Herrenhause folgenden Bescheid zugehen lassen: „Die Stärke des jüdischen Schülerelementes in den höheren Lehranstalten wird in den diesseitigen statistischen Erhebungen fortgesetzt beobachtet und bildet auch in den Verwaltungsberichten der Provinzialbehörden einen Gegenstand der Besprechung. Spezielle Maßnahmen in der Richtung des nebenstehenden Beschlusses hat die Staatsregierung bisher nicht für angezeigt erachtet." Berlin, 28. Nov. Wie ich aus gut unterrichteter Quelle erfahre, gehört der durch seinen Handel mit Koch'scher Lymphe so viel von sich reden machende Dr.'Levy dem Judenthume nicht an. Seine Eltern sowohl, wie seine Großeltern sollen bereits als Christen geboren sein. Im Uebrigen hat der Minister von Goßler in seiner heutigen Rede j die Unetgennützigkeit, mit der bisher die Privatklinik dieses Arztes geleitet wurde, besonders hervorgehobeu. Aachen, 25. November. Infolge Anfrage bei dem Central - Comitä der Alliance Jsraelite Universelle in Paris ist ein Bericht über die Abgebrannten jüdischen Glaubens in Salonichi nach hier gelangt, welcher eine so überaus traurige Darstellung der Verhältnisse jener Unglücklichen enthielt, daß derselbe Veranlassung zur Bildung eines einschlägigen Unterstützung^-Count b's dahier bot, obwohl schon eine größere Anzahl von Spenden von hier aus nach Paris gesandt worden ist. Das Comitö hat durch Versendung eines Aufrufes an die zahlungsfähigen Gemeinde-Mitglieder und darauf folgende Kollekte die Summe von M. 1473.83 zusammengebracht. Von der Ansicht ausgehend, daß auch andere Gemeinden, wenn sie die traurigen Verhältnisse kennen lernen, zu nochmaliger Beihilfe sich aufraffen, ersuche ich Sie im Namen des Comitß's nachstehende Stelle unseres Aufrufs in Ihrem geschätzten Blatte zu veröffentlichen. Der Präsident des Lokal-Comitßs der „Alliance Jsraelite Universelle" in Salonichi, Dr. H. Perere, schreibt: Unser Hilfs - Coniiw (in Salonichi) hat 600 jüdischen Familien die miethweise Erlangung eines Obdaches durch einen Zuschuß von je 3 Pfund Sterling Türkisch erleichtern können. Nun aber sind selbst schlechteste Zimmer für hohe Preise nicht mehr zu finden, und so müssen wir zum Bau kleiner Häuschen übergehen, um die Unglücklichen unter Dach zu bringen. Wir haben noch unterzubringen: 570 Familien, welche in Zelten wohnen; 200 Familien, welche sich im Talmud-Thora-Lokale befinden; 300 Familien, welche provisorisch in verschiedenen Karawansereien untergebracht sind; 150 Familien, welche in Cafes, Schulen und verschiedenen Synagogen lagern, — also 1220 Familien, welche der Hilfe harren. Nach dem Kostenanschlag beträgt jedes der Hänschen, welche als Winter-Unterkunft für unsere unglücklichen Glaubensgenossen erbaut werden müssen, und welche je 4 Familien fassen sollen, 4000 Francs, Sie sehen, daß wir unser Ziel nur erreichen können, wenn die auswärtigen Menschenfreunde fortfahren, uns zu Hilfe zu kommen. Durch Beschaffung weiterer Spenden werden Sic an den Beklagenswerthen ein eminentes Werk der Nächstenliebe üben. Der Winter naht mit starken Schritten, die Zeit drängt. Mit gespannter Hoffnung erwarten wir, daß die Glaubensgenossen unserm Ruse nach Hilfe, nach Rettung entsprechen werden. Hersfeld, 26. November. In einer Zeit, in welcher die Stöcker'sche Giftsaat des Judenhasses