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Der Israelit · 1890-12-01 · Heft 94 (1.12.1890) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 94 (1.12.1890)
Date
1890-12-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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< XXXI. Jahrgang. Beilage?u M 94 de» „3srnelit & Ieschurim? Leitender Artikel. Mütterchens Inden. (Aus „Die Nation.") (Schluß.) VI. Die russische Regierung hat nie eine politische Annäherung an die übrige Bevölkerung gewollt, hat also auch kein Recht diesen ernsteren Theil der Frage zum Vorwand der Unterdrückung zu nehmen. In früheren Zeiten die Juden als bloßes Ausbeutungsobjekt im Tiegel behandelnd, hat sie, seitdem sich die Autokratie, die vormals sich selbst genügte, durch nationale Brunst zu festigen suchte, diese Klasse ihrer Unterthanen vor allen anderen nichtmoskowitischen zum Untergang oder Exil bestimmt. Deutsche, Schweden, Lithauer, Finnen und Nussinen denkt sie ebenso sicher, wenn nicht ebenso schnell denationalisiren zu können wie Kirgisen, Jakuten und Burjaten, und ist gern bereit, ihnen den Vorzug sämmtlicher zarischer Unterthanenrechte zu garantiren, sofern sie nur Sprache, Glauben, Recht und Sitte aufgeben und dafür die betreffenden superioren moskowitischen Talmis annehmen wollen; die Juden dagegen sind durch die Religion voraussichtlich für längere Zeit unverdaubar gemacht und müssen weichen oder sterben, da Mütterchen Eile hat, ihr Haus zu bestellen. Da die Juden die Gleichstellung um den Preis ihrer Religion— ein von der russischen Regierung sehnlich erstrebtes Ziel — beharrlich ablehnen, so liegt auch hierin, obschon auch einige Tausend aus Verzweiflung übergcgangen sind, keine Rettung. Wie können sie, abgesehen von allem anderen, zu einer Kirche übergehen, welche von ihren gebildeten „Bekennern" fast durchgchends gering geschätzt wird? Der Hofjournalist Fürst Meschtscherski verlangte ihre Gesammtaustreibung nach mittelalterlichem spanischen Muster; die zarische Regierung weiht sie dem Hungerlode durch geheim erlassene und bereits langsam in der Ausführung begriffene, wenn auch im Interesse des Nubelkursts zunächst noch offiziös und telegraphisch abgelogcne Verfügungen. Sie sollen nicht mehr die Dörfer besuchen, in Dörfern hausiren, auf Jahrmärkten handeln oder ihre Hütten vererben dürfen. Sie sollen, da sie nur in Städten wohnen dürfen, aus hunderten plötzlich zu Dörfern erklärten Städten ausgewiesen werden. Sie sollen sich außerhalb der altpolnischen Provinzen auch nicht mehr zeitweilig aufhalten, an größeren Gewerbe- und Aktienbetrieben nirgends theilnehmen dürfen und dgl. mehr. Mit der gänzlichen Durchführung dieser Maßregeln würde eine Million Menschen, also der dritte oder vierte Theil der Juden aus ihrem Erwerbe in erwerbslose Oertlichkeiten verbannt. Und sie sind vorher halb verhungert! Es ist wahr, auch diese Edikte des Zaren würden, wie alle anderen, von seinen Beamten häufig gegen baar suspendirt werden. Aber die Opfer würden durch die Häufigkeit der benöthigten Suspensionen die Möglichkeit die erforderlichen Mittel zu erwerben noch mehr verlieren wie bisher. Der wilde Fluß, in welchen diese Strömungen im Rausch der französischen WaffengemeinschaftStoafte neuerdings gelangt sind, können das unverständliche Unterfangen, drei Millionen Menschen beseitigen zu wollen, nicht begreiflicher machen. Die angesammelten seelischen Niederschläge von Jahrhunderten vergewaltigender Politik reichen ebenfalls nicht aus, die Genesis des Unthunlichen zu erklären. Die Lösung liegt in der nihilistischen Färbung des Moskowiterthums. Wo ein organisches Gebilde sich nicht zu gestalten vermochte, glaubt man wohl alles herbei und hinweg zaubern zu können. In diesem Lande ist der Radikalismus nicht aus die Rebellen beschränkt. „Euer Majestät Vater", sagte der greise Ataman der Kosaken zur Kaiserin Elisabeth, der Tochter Peter I., „hätte meinem Rathe folgen, den schwedischen Adel und eine Menge Volks tödten und den Rest nach Rußland verpflanzen sollen. Dann wären wir auf einmal mit ihnen fertig gewesen." — „Wäre das nicht allzu blutig gewesen?" frug die Zarina, deren Mutter, ein Marienburger Dienstmädchen, das mäßigende Element in Peter's Leben gewesen war. — „Wie so?" meinte der Ataman. „Jetzt sind sie ja doch schon fast alle todt." Der Ataman lebt heute noch, obschon er jetzt einen Frack trägt. Indessen kann selbst in Rußland den Bäumen nicht befohlen werden in den Himmel zu wachsen. Die meisten russischen Juden sind zu arm, um auszuwandern und sich selbstständig anzusiedeln. Die Wohlthätigkeit der Kulturländer ist der Aufgabe, Millionen wegzuschaffen und zu neuem Erwerbe auszustatten , oder auch nur mittellos aufzunehmen, wenn sie selbstständig ankämen, ebenfalls nicht gewachsen. Amerika und England proteftiren schon heute. Für den größten Theil der russischen Juden bleibt daher, so traurig es ist, nichts übrig als zu verbleiben, wo er sich befindet. Die gesittete Menschheit wird abwarten, ob die zarische Regierung ihnen zu arbeiten verwehrt und sie zu verhungern zwingt.

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