Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 94 (1.12.1890)
- Date
- 1890-12-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1694 die heil'ge Stätte rasch verlassen. Da streckte sich ihm ein nackter Arm entgegen und eine feine Stimme sprach die Worte: „Zedokoh tazil mimowes.“ Als ob ihn etwas erschreckte, so blieb er beim Klange dieser Stimme stehen und als er das Mädchen sah, welches diese Worte gesprochen, stürzte er auf dasselbe zu mit den Worten: „Rahel! meine Rahel, wie kommst Du hierher?" und er bedeckte Hände und Gesicht des Kindes mit seinen heißen Küssen. Das Mädchen wehrte erschreckt die Zärtlichkeiten des Fremden ab und sprach: „Ich heiße wohl Rahel, aber ich kenne Dich nicht und weiß nicht, woher Du mich kennst." „Bist Du denn nicht Rahel, mein Kind, das mir nachgezogen in's heil'ge Land?" fragte er, sie mit seinen glühenden Blicken betrachtend. „Nein, mein Herr," entgegnete sie, „ich bin hier geboren, meine Eltern liegen beide krank im Hospital und ich erhalte mich und mein Brüderchen durch die Gaben der frommen Leute, die hier an heil'ger Stätte ihre Andacht verrichten. Denn —" „Zedokoh tazil mimowes 1“ rief sie plötzlich einem anderen Pilger zu, und streckte ihren mageren Arm nach der Gabe aus, die ihr zu Theil wurde. „Gott vergelte es tausendmal!" rief sie dem Mildthätigen nach, dann wandte sie sich wieder an den Mann, der ihre Hand immer noch in der seinigen festhielt.? „Lassen Sie mich, daß ich nach Hause gehen kann," bat sie, „mein Brüderchen wird nach mir verlangen." „Kann ich Dir auch nicht Geld und Geldeswerth geben," sprach der Fremde zu ihr, „so sollst Du doch meinen Segen haben!" Und er kniete nieder, legte seine Hände auf ihr Haupt und sprach: „Gott segne Dich, wie er gesegnet unsere Stammmutter Sarah, Rebecka, Rachel und Leah. Der Herr segne und behüte Dich, er lasse sein Antlitz Dir leuchten und sei Dir gnädig, er wende sein Antlitz Dir zu und gebe Dir Frieden, Glück und Segen. Möge mein Segen sich erfüllen an Dir und an Derjenigen, welcher Du so ähnlich siehst, und die in fernem Laude des Vaters harrt — ach, vergeblich! own an t; roa aawrn mm." Dann erhob er sich und das Mädchen eilte fort; lauge noch stand der Fremde und blickte ihr nach. Mein Bild stellt den Augenblick dar, da der Fremde die Worte spricht: Leroeliaus al rausohchem gowru ad raum haschomajim und es heißt: Der Segen des Fremdlings." Tiefe Stille herrschte nach den Worten des Malers. Hatte er doch soeben die Segeusformel ausgesprochen, die sie alle nur aus einem Munde gehört, aus dem des Hausherrn. Dieser selbst stand auf und winkte dem Maler, ihm zu folgen. Sie gingen in das Arbeitszimmer zurück. Dort drehte sich der Alte hastig nach dem Maler um und fragte: „Und was ist aus dem Manne geworden, der also jenes Kind gesegnet, wissen Sie, wie er hieß?" „Jener Mann ist nicht mehr; auf seinem Grab steht der Name rvbx Yr.n 'n iijjdip." „Mein Sohn, mein Sohn!" rief der alte Mann aus und sank schluchzend in den Sessel. * * Der Maler hat das*Bild beendet. Rahel saß ihm einigemal dazu und heute hängt das Gemälde in dem Arbeitszimmer des Großvaters des Mädchens. Himmlische Ruhe thront auf dem Antlitz des segnenden Fremden, engelgleiche Heiterkeit und Milde zieren das Angesicht des Mädchens. Vater und Tochter, die ein unglückliches Geschick so früh von einander getrennt hatte, sie wurden auf einem Bilde wieder vereinigt; dieses Bild hieß: Der Segen des Fremdlings. „JSraelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, MontagS und Donnerstags, jedeSmal in mindestens 8 Bogen. Preis deS Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'S Ausland IS ReichS-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch -en Kuchhandri begehen bei S. F. St rinacker. Leidig, Noßplatz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile ober deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einznfenden. Inhalt CHauptblatt): Leitender Artikel: Zur Ausgleichung der socialen Gegensätze in Bibel und Talmud (Fortsetzung). — Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Berlin. Cöln. Schönlanke. Tauberbischofsheim. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Wien. Budapest. — Italien: Livorno. — England: London. — Vermischtes. — Feuilleton: Der Segen des Fremdlings. Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Mütterchens Juden (Schluß). — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Aachen. Hersfeld. Hamburg. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Pest. Vukovar. — Italien: Turin. — England : Portsea. — Feuilleton: Matthias Claudius über die Israeliten. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz.—Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschast in Mainz. Hierzu eine Beilage.