Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 93 (27.11.1890)
- Date
- 1890-11-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. Beilage m M 93 i>rs „Israelit & Ieschurun" Leitender Artikel. Zur Allsglcichung der focialen Gegevsötze in Bibel unb Talmud. Von Rabbiner Heinrich Galandauer in Soborren (Böhmen). .Fortsetzung.) Aus all dem bisher Gesagten ist ersichtlich, daß Alle die gleiche Pflicht haben, durch ihre Arbeit Allen nützlich zu sein, daß alle Arbeit gleichwerthig ist, und die, welche sie verrichten in der Gesellschaft gleichgestellt sind, denn der Erfolg und der Ertrag der Arbeit hängt gar nicht von dem Arbeiter ab; ob dadurch Reichthum oder Armuth erreicht wird, hängt allein von Gott ab. Der Eine kann bei den größten Fähigkeiten und bei angestrengtem Fleiß in Elend verkommen, während der Andere in seiner Unfähigkeit mit leichter Arbeit zu Reichthum und Wohlstand sich verhilft. Und weil Reichthum kein eigenes Verdienst und Armnth kein eigenes Verschulden ist, darum werden auch die reichen Arbeitenden den armen vollkommen gleich geachtet, weil die Letzteren gleich den Ersteren ihr e Pflicht der G esammtheit g ege nü der erfüllen. Das dem so ist, beweisen folgende Citate: Es gibt kein Handwerk, bet dem es nicht ebenso Armuth wie Reichthum gibt. (Kiduschin 82, a)1) ferner: Weder Reichthum noch Armuth ist das Ergebniß der Arbeit, sondern der Erfolg derselben ist allein bei dem, dem aller Reichthum angehört. (Das.) 2). Wie das Einkommen des Menschen am Neujahrsfeste bestimmt wird, so wird ihm auch jeder Verlust vorher bestimmt (BabaBathra 10,a)* 3). Im Zalmub ist überhaupt alles, was der Mensch durch seine Arbeit erreicht, Vorherbestimmung Gottes. Gott hat, so heißt es, daselbst, drei Schlüssel in seiner Hand zurückbehalten, welche er keinem Mittler überläßt, einer davon ist, wie die Palästinäer sagen, der Schlüssel der Ernährung. (Daanith 2,b4). .(N"y a"E> psyrTp) nn’tryi nrjy na iw nyciN jw (1 n^n nuD\vn p nrr^y n^ nuciNn p nray (2 .(DB') ibv mnynw »dp ■p r-utEtn pnid t> ca*aisp din bw nuncs? dbo (3 .(N"y /’ Nina Naa) rmri b'nid cntsp vnunon i'a hddj t+*bw rrapn bw rra ninnso (4 ■(yy /a rp n’jyn) none w nnsv »in n»N Naiyca | Gott sitzt in den Weltenhöhen und vertheilt selbst die Nahrung unter seinen Geschöpfen (Peßachim ll8,a)5). Von dem, der in den Höhen thront verlange Deinen Lebensunterhalt (Temurah 16, a,)6). Manchem sind die Lebensbedürfnisse, bei der größten Anstrengung so schwer zu erringen, als es schwer ist die Welt zu erlösen, oder das Schilfmeer zu spalten, noch viel schwerer als die Wehen einer Gebärerin. (Peßachim 118, a).7). Daraus ist zur Genüge ersichtlich, daß der Mensch den Erfolg und das Erträgniß seiner Arbeit nicht in seiner Gewalt hat, und der Arme ist keineswegs schuld daran, wenn seine Arbeit ihm nicht zu Wohlstand verhilft; er hat seine Pflicht ebenso erfüllt wie der Reiche und der Letztere har nicht das Recht den Ersteren nnd dessen Arbeit für minderwertig zu achten, als sich selbst und seine nutzbringende Beschäftigung. Fassen wir nun alles zusammen, was aus dem bisher Ausgeführten hervorgeht, so ergeben sich folgende soziale Pflichten: 1) Alle sind gleich zur Arbeitsamkeit verpflichtet. 2) Jede Arbeit und jeder Arbeiter sind gleich zu achten. 3) Jeder Müssiggang ist zu verachten. 4) Almosennehmen und Bettelet ist für Arbeitsfähige zu meiden. 8) Die letztere von diesen Pflichten hat hauptsächlich der Arme zu beobachten, und dessen wettere Pflichten brauchen nicht besonders betont zu werden, weil die Erfüllung derselben schon vermöge seiner Abhängigkeit in der Gesellschaft als garantirt erscheint. Wir müssen daher hier besonders die Pflichten der Reichen im Auge haben, welche die Macht und die Mittel haben, die sozialen Gegensätze hervor treten zu lassen. Um dies zu verhüten, schreibt die Bibel folgende Pflichten für den Reichen vor. Er muß den Armen als seinen gleichberechtigten Bruder betrachten, er darf ihm nicht mit Stolz und Hochmuth begegnen und nicht geringschätzig behandeln. Die Bibel nennt ihn nna bzb vnuiita p^nci aby bw nana aer rrapn (5 .(N"y ,ri"’p onoe) mtcn) nuwa ueb wpy owinni D’jrPy -np ’ia (6 .(N"J? ,?*D cd’ nynpa 'di r~\b)mü inv din bw vnuiro pvp (7 .(N"y ,n"'p dtidd) rrfrva D’^sa 'di tpo 8) Es gab zwar Arme und Bedürftige bei den Hebräern, aber niemals kannte man Bettelei bei ihnen. Dieses Wort kennt die hebräische Sprache gar nicht. (I. D. Michaelis, Mos. Recht. Bd. 2 § 124.