Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-11-27 · Heft 93 (27.11.1890) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 93 (27.11.1890)
Date
1890-11-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448112--31115-2478900
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

1674 sein Hotel und beschloß, den Besuch noch heute zu machen. Er machte Toilette, erkundigte sich nach dem Wege und verließ nach einer Stunde den Gasthof. Als er an der Synagoge vorbeikam, schien der Gottesdienst zu Ende zu sein, denn ein ungeheurer Menschenstrom ergoß sich ans die Straße und hemmten den Verkehr. Der Fremde wurde von dem Strome erfaßt, und er ließ sich, da er ihn seinem Ziele näher brachte, von demselben forttreiben. Bald hatte er das Ende der Straße erreicht und nun mußte er links adbiegen. Da sah er auch schon Rahel und deren Großvater vor sich hergehen. Er folgte ihnen in kurzer Entfernung. Vor einem großen Hause machten sie halt und schienen auf Jemand zu warten. Da erblickte Rahel den Fremden und machte den Großvater auf denselben aufmerksam. Mit höflichem Gruße kam er näher und stellte sich vor. „Reinhold Gasbe, ein unbedeutender Maler, erlaubt sich, zu Ihrem Ehrentage die herzlichsten Wünsche darzubringen." „Danke Ihnen, mein Herr," entgeguete der Alte, „treten Sie, bitte, in unsere Wohnung ein." Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er dem Portale zu. Der Fremde und Rahel folgten. Die Thür des ersten Stockes öffnete sich vor dem Alten, ohne daß er zuvor geschellt hatte, und als Rahel eingetreten war, schloß sich dieselbe automatisch wieder. Der Fremde nahm seinen Ueberzieher ab und Rahel führte ihn in ein Zimmer und bat, einige Augenblicke zu verweilen. Das Zimmer, in welchem sich der Fremde befand, war höchst behaglich und comfortabel eingerichtet. Hohe Bücherschränke, gefüllt mit den seltensten Werken bedeckten ringsum die Wände. Mächtige Folianten, die aus dem Tische aufgeschlagen waren, zeigten, daß die Bücher nicht als Staffage dienten, sondern fleißig benutzt wurden. Mehrere Stühle, die um den Tisch herum vor den Folianten standen, ließen vermuthen, daß der Besitzer nicht immer allein arbeite, sondern auch in Gemeinschaft mit anderen studire. Gerade wollte der Fremde in eines der großen Bücher sehen, als die Thür sich öffnete und der alte Herr eintrat. Mit fast jugendlicher Elafticität näherte er sich dem Besucher und bat denselben, Platz zu nehmen. „Und nun, womit kann ich Ihnen dienen, mein Herr?" fragte er freundlich. „Ich habe eine große Bitte an Sie", entgegnete der Fremde. „Ich bin Maler und habe ein Bild in Arbeit, welches, s. G. w., meinen Ruhm begründen, meine Zukunft sichern soll. Das Bild ist fertig, bis auf eine Figur. Ich konnte, so viel Mühe ich mir auch geben mochte, seither kein passendes Antlitz dazu finden. Heute habe ich es gefunden, und in Ihrer Hand, mein Herr, liegt meine Zukunft." „Das bedaure ich recht sehr," entgeguete der Alte, „aber ich habe mich noch nie in meinem Leben malen oder phothographiren lassen und ich kann auch Ihrethalben nicht von Grundsätzen, an denen ich mein langes Leben festgehalten, abweichen." „Aber, mein Herr!" „Ersparen Sie sich jede Mühe, Sie wissen nun Bescheid." „Aber —" „Uebrigens ist das keine Unterredung für Simchas Thora. Sie sind doch auch Jude?" „Gewiß, mein Herr!" „Run, so kommen Sie mit in mein Wohnzimmer und seien Sie heute Abend mein Gast." Ohne erst die Antwort des Fremdlings abzuwarten, ging er zur Thüre, öffnete diese und bat seinen Besuch, doch näher zu treten. (Schluß folgt.) „JSraelit" und „Jefchurun" erscheint wöchentlich zweimal, MontagS und Donnerstags, jedeSmal in mindesten» - Bogen. Preis deS Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'S Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhantel tu bestehen bei E. F. Steinacker. Feipstg. Daßplah 18. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Direkte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franeo einzusende«. Inhalt (&auptPtatt): Leitender Artikel: Des Propheten Habakuk Weissagung. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen : Deutschland: Wiesbaden. Memel. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Wien. Budapest. Drohobycs. — Italien: Neapel. — Rußland: Moskau. — England: London. — Vermischtes. — Feuilleton: Der Segen des Fremdlings. Inhalt dev Beilage: Leitender Artikel: Zur Ausgleichung der socielen Gegensätze in Bibel und Talmud (Fortsetzung). — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Darmstadt. Alzey. Wiesbaden. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Kaschau. Krems. — Rußland: Petersburg. Samarkand. — Amerika: Buenos Aires. Inhalt d. „Blätter f. d. isr. Schule": Bericht über die VI. Konferenz des Vereins israel. Lehrer und Kultusbeamten des Landrabbinatsbezirks Emden am 26. und 27. August zu Emden. — 35. Jahres-Versammlnng der isr. Lehrer von Rheinland-Westphalen in Bielefeld am 27. und 28. Mai 1890. — Literarischer Bericht. — Zum 100 jähr. Geburtsage Diesicrwegs. Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzeichnisse. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz.—Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu drei Beilage«.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.