Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 93 (27.11.1890)
- Date
- 1890-11-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1673 4» Vermischtes. <4- Müllheim in Baden. Der Abgeordnete L l eb e r m a n II v. Sonnenberg hatte gegen den Weinhändler Jacob Mayer dahier eine Jnjurienklage angestrengt wegen einer Aeußerung über das Hoch, welches Herr v. Liebermann auf den Großherzog von Baden in einer Versammlung ausgebracht hatte. Die Vertheidigung hatte der bekannte badische Abgeordnete Rechtsanwalt Oskar Muser in Karlsruhe übernommen. Es war auch bereits ein Termin angesetzt. Wie setzt mitgetheilt wird, hat kurz vor dem Termin Herr v. Liebermann telegraphisch die Klage zurückgenommen. Feuilleton. Der Segen des Fremdlings. Erzählung von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) Die ernste Zeit der Rückkehr zu Gott, der Einkehr in sich selbst war vorüber und das Freudenskst, Simchas-Thora, hatte Groß und Klein, Alt und Jung in den hellerleuchteten Räumen der Synagoge versammelt. Die heilige Stille, welche sonst in den Gott geweihten Räumen herrschte, war heute verschwunden, und ein Summen und Brausen tönte dem Fremdling, der eben in's Gotteshaus trat, entgegen, daß er erstaunt den Fuß zurückhielt, der die geweihte Stätte betreten sollte. Als er jedoch die heiteren Gesichter und die festliche Stimmung der frommen Versammlung bemerkte, flog ein Lächeln über sein schönes, männliches Antlitz und er begab sich, vor dem Allerheiligsten sich verneigend, in den überfüllten Raum.. „Ogil weesmach besirachas Thoro!“ laut es über seine Lippen und bald theilte er die allgemeine Freude und verfolgte mit Interesse und Andacht den Gottesdienst. Neben ihm stand ein alter Mann mit einem kleinen Mädchen, dessen Schönheit dem Fremdling auffiel. Beide beteten so andächtig, auf ihren Gesichtern trohnte ein so heiliger Ernst, daß der Fremde es gar nicht wagte, sie im Gebet zu stören. Als aber das Maariv- Gebet beendet war und der Umzug mit deu Thorarollen begonnen hatte, richtete er folgende Frage an deu Herrn: „Wieso hat man hier den polnischen Ritus, mein Herr?" Befremdet sah der also Angeredete auf; als er den Fremden erblickte, lächelte er und sprach: „Seit ich mich erinnern kann, beten wir nach polnischem Minhag; Sie scheinen fremd zu sein, daß Sie mich danach fragen." „Ja," erwiederte lächelnd der Fremde, „wie man es nehmen will. Ich bin fremd und bin auch nicht fremd dahier." „Das verstehe ich nicht," versetzte bedächtig der Alte, „und heute habe ich nicht Lust, Räthsel zu lösen. Doch Sie entschuldigen, mein Name wird gerufen; ich bekomme ein Sefer zu tragen." Majestätisch, als ob er ein König wäre, schritt der Alte vor die heil'ge Lade und nahm eine Rolle aus den Händen des Schammes, und als nun unter Gesang und Jubel der Umzug begann, tanzte der Alte so freudig mit seiner Thora, als ob er seine Braut im Arme hätte. Das Mädchen verwandte keinen Blick von ihrem Begleiter und ihre schönen Augen glänzten in Begeisterung und Glück. „Wer ist der Herr, der gleich dem Könige David vor der Bundeslade tanzt?" fragte der Fremde. „Das ist mein Großvater," erwiederte sie stolz, „uud heute ist er neunzig Jahre alt geworden." „Neunzig Jahre! ein hohes Alter", rief der Fremdling, seine Blicke verwundernd auf das Mädchen richtend. Wer hätte gedacht, daß die Synagoge ihn dem Ziel seiner Wünsche so nahe bringen würde! Vor ihm stand ja, was er suchte — ein Gesicht von außerordentlicher Schönheit mit dem Ausdruck eines Kindes. Dieses Gesicht fehlte ihm noch auf seinem Bilde, und nun hatte es ihm der Zufall in den Weg geführt. „Wie heißt Du denn, oder pardon, wie heißen Sie denn, liebes Kind?" „Nun," entgegnete die Kleine belustigt, „zu Kindern sagt man doch nicht „Sie". Sagen Sie nur Du und Rahel, denn ich bin ja noch ein Kind und heiße Rahel Schlesinger." „Schlesinger, Schlesinger — ich hatte einen Freund und Kameraden dieses Namens, der aus dieser Gegend stammte und den ich —" Ein junger Mann, der um Platz zum Durchgehen bat, schnitt die Rede des Herrn ab, und als er Raum gegeben hatte, war das Mädchen durch einige Kinder, mit denen es sprach und denen es Süßigkeiten gab, von ihm getrennt worden. Kurze Zeit daraus kam der Großrater wieder an seinen Platz und der Fremde wollte eine Unterhaltung mit ihm beginnen, doch vergeblich. Der alte Herr machte ihn darauf aufmerksam, daß das Gotteshaus nicht zur Unterhaltung geeignet sei, und daß er, wenn der Herr etwas von ihm wolle, ihm jederzeit in seiner Wohnung Rede zu stehen bereit sei. „Wo wohnen Sie denn?" fragte der Fremde. Der Alte nannte Straße und Hausnummer. „Und wann kann ich Sie morgen oder heute sprechen?" „Wann Sie wollen!" Und sofort stimmte er wieder in den Gesang ein, den Gemeinde und Vorsänger während des Umzugs abwechselnd hören ließen. Der Fremde verneigte sich leicht und gewann mit einiger Mühe den Ausgang. Er begab sich in