Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 92 (24.11.1890)
- Date
- 1890-11-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448111--31101-2478885- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 22. Nov. Stöcker sprach gestern in einer größeren Versammlung über eine sozialmonarchische Vereinigung. In einer, seine bisherigen Leistungen überbietenden Mischung von Politik und Religion erläuterte er das Programm der neuen Vereinigung. Sie soll in Berlin und den anderen Großstädten zur Bekämpfung des politischen und sozialen Umsturzes alle staatserhaltenden Elemente über den bisherigen Begriff hinaus zusammenfaffcn, ohne eine neue Partei zu bilden; sie will der Geldherrschast, der Pöbelherrschast, dem Manchesterthum, dem Kommunismus, der Revolution, der Reaktion entgegenwirken, natürlich auch den durch das Judenthum verursachten sozialen Verwüstungen. Kurz, eine neue Firma für die alten Stöcker'schen Phrasen. Kassel, 21. November. Eine heute von dem hiesigen Schöffengericht verhandelte Preßbeleidigungssache förderte eine interessante Thatsache zu Tage. Der wegen Beleidigung des israelitischen Lehrers H. von Nieder-Weisel bei Butzbach angeklagte Redacteur des hier erscheinenden evangelisch-orthodoxen und antisemitischen „Kasseler Sonntagsblattes" gestand auf Ansinnen des klägerischen Anwalts, Rechtsanwalts Grünewald-Gießen, zu, daß der beleidigende Artikel von zwei oberhessischen evangelischen Geistlichen verfaßt und ihm zugesandt sei. — Der Artikel hatte in hämischer Form ein Jubiläumsfest bckritelt, das dem Privatkläger von seiner Gemeinde und von Freunden bereitet worden war, und — indem er dem Kläger vorwarf, er habe vorzeitig sein Jubiläum gefeiert um Geschenke zu erhalten — „Geld und Ehre" als die Ideale des Semitenthums bezeichnet. Der Anwalt des angeklagten Redakteurs, Dr. Jouvenal-Kassel, sprach seinerseits sich mißbilligend darüber aus, daß die eigentlichen Beleidiger den Schleier ihrer Anonymität nicht lüften und den Redakteur stecken lassen wollten. Der Beleidigte wird wohl nunmehr die beiden Urheber belangen. Aus Westphalen, 21. Nov. Welche Einigkeit in der deutsch-sozialen (antisemitischen) Partei herrscht, davon gibt die antisemitische „Reform" in Dortmund ein Pröbchen. Sie schreibt einem Herrn in Siegen: „Es ist uns keineswegs entgangen, daß Herr Dr. Böckel trotz unserer energischen Abmahuung in den Wahlkreis des Herrn Stöcker cingebrochen ist, unr Herrn Stöcker daraus zu verdrängen. Glauben Sie nicht, daß wir solch' unqualifizirbarem Gebühren gegenüber die Hände in den Schooß legen werden; bleibt es bei diesem ersten Versuch, so werden wir vielleicht die Sache auf sich beruhen lassen, sollte sich jedoch „in dem Wahnsinn Methode" zeigen, so werden wir nicht allein eine sehr deutliche Sprache reden, sondern auch Maßregeln ergreifen, die ihre Wirkung nicht verfehlen würden. Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt." Witten, 20. Nov. Der Antisemit Dr. König ist heute von den Stadtverordneten als Stadtarzt nicht wiedergewählt worden. O este r r.-U n gar. Monarchie. Wien, 11. Nov. Wie alljährlich am St. Martinstage wurden auch heute, einer althergebrachten Sitte gemäß, von der israelitischen Cultusgemeinde zu Preßburg die für den Kaiser bestimmten Martinsgänse in der Hofburg abgeliefert. Zwei Vorstandsmitglieder dieser Gemeinde überbrachten die Gänse, wahre Prachtexemplare, und übergaben dieselben in der „Kammer" des Kaisers. DaS Geschenk wurde von einem Kammerdiener in Empfang genommen. Die Gänse waren mit Bändern in den ungarischen Farben, weiß-roth-grün, reich geputzt und auf weißer, zierlich geordneter Unterlage gebettet. Wie es heißt, ist eine der beiden Gänse für die Kronprinzessin-Wittwe Stephanie bestimmt, während die zweite in ihr Heimathland Ungarn zurückwandert, nach Gödöllö, wo jetzt der Kaiser weilt. Wien, 12. Nov. Der Schriftsteller Spiridion Gopcevics ist auf die Denunciation, ein Mitglied des Kaiserhauses beleidigt zu haben, in Haft genommen worden. Gopcevics ist ein geborener Triestiner und einer der rührigsten Apostel des Panslavismus, in dessen Dienst er sich und seine Feder seit Decennien gestellt hat. Er war Kriegsberichterstatter während der verschiedenen kriegerischen Aktionen auf dem Balkan und hat die bei diesen Gelegenheiten gesammelten Erfahrungen und Kenntnisse in sehr instruktiven und interessanten, wenn auch nicht unparteiischen Büchern ntedergelegt. Im Mai d. I. erwarb er die „Gemeindezeitung", die er unter Abänderung des Titels in „Tagespost" zu einem Organ sowohl des Panslavismus, als auch des Antisemitismus umwandelte. Die Verfolgung seiner panslavistischen Absichten war ihm dabei wohl die Hauptsache, da er aber für diese Ideen kein Verftändntß in der Wiener Bevölkerung zu finden vermuthete, suchte er sie unter antisemitischer Flagge an den Mann zu bringen. Das Experiment mißlang aber völlig und schon vor längerer Zeit mußte sich Gopcevic Mittel zur Fortführung seines Unternehmens durch einen Appell an die Gesinnungstüchtigkcit seiner Leser zu verschaffen suchen. Auch dieser Versuch mißlang und seitdem hörte man von der „Tagespost" nichts mehr. Die Beleidigung eines Mitgliedes des Kaiserhauses soll Gopcevic begangen haben durch kritische Bemerkun-