Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 92 (24.11.1890)
- Date
- 1890-11-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1660 selbst für etwas weniger Hartes Zutreten bestechen zu lassen. Sie sind in diesen hundert Jahren zu dreivtertel bettelarm gemacht, leben von Rinden gehen in Lumpen und wissen nie, ob der Erwerb, aus dem sie sich die Rinden und Lumpen holen, ihnen nicht morgen durch den Zaren oder seinen Polizei-Sergeanten an der nächsten Ecke entzogen werden wird — der letztere ist in Bezug auf sie ja mindestens ebenso omnipotent, wie der erftere. Sie führen diese Existenz inmitten einer Bevölkerung, welche, weniger geplagt wie sie, ebenfalls in rechtlosen Zuständen lebt, sich ihnen, soweit ihre Gewandtheit reicht, ebenfalls zu entziehen sucht, und bei der herrschenden geringen geistigen und sittlichen Kultur für die schwerer Unterdrückten mehr Hohn als Mitleid hat. Diesem Staat und dieser Gesellschaft stehen sie mit einer durch mehrtausendjährige Kultur großgezogene Begabung gegenüber, welche, wie Aksakoff, unzweifelhaft sehr übertrieben, aber doch unter dem Beifall von Moskau und Petersburg sagen konnte, sie zu Herren alles russischen Besitzes machen würde, gäbe man ihnen Gewerbefreiheit. Die Thätigkeit und Begabung, nicht die geschäftliche Redlichkeit oder Unredlichkeit wird an dieser Stelle hervorgehoben. In der That hält sich der russische Kaufmann in letzterem Punkt dem jüdischen durchaus für gewachsen, der jüdische allerdings sich dem russischen auch nicht gerade für inferior. Es ist nach Landessitte so lang wie es breit ist und auf beiden Seiten recht amendirbar. Das Niveau der geschäftlichen Anständigkeit ist in jenen Längengraden nur bei einer Minorität aller Konfessionen ein hohes. Die Klage über jüdische Unredlichkeit, welche der pfiffige russische Kaufmann sich schämen würde zu führen, geht auch in der Regel nur von Grundbesitzern aus, die ihr Land oder die Bewirthschaftung desselben durch Hypotheken verlieren und pflegt auch dann auf großrussische beschränkt zu sein, denen dergleichen durch Leichtsinn, Unfleiß und die neuerliche Umwälzung ihrer agrarischen Verhältnisse öfter passirt als Polen und Lithauern. Freilich sind die Praktiken, welche dem zweifelhaften ländlichen Schuldner gegenüber der berufsmäßige Darleiher zu üben pflegt, hier nicht anders als in den irischen Dörfern, in denen der strenggläubige Katholik sie gegen den Katholiken gebraucht, oder in den moskovitischen, in denen der rechtgläubige Priester seine Pfarrkinder gerne bewuchert. Nur daß die Juden den Ausschluß von so vieler ehrlicher Nahrungsgelegenheit, die amtliche und halbamtliche Aussaugung und meist auch den Kampf mit der äußersten Noth als mildernde Umstände anzuführen haben. Im Ganzen ist es zu verstehen, wenn Freiherr von der Brüggen, ein kurländischer Baron, dessen staatsmännische Darstellung seiner örtlichen Erfahrungen eine Hauptquelle für diese Dinge geworden ist, den russischen Juden ein starkes Ehrgefühl unter sich, aber die Beschränkung desselben auf ihre eigenen Kreise zuschreibr und diesen Zustand, „da die Juden eine geistige Aristokratie im Lande bilden und es bis zum ärmsten herab wissen", unerträglich findet. Obschon er seine Mittheilung modifizirt, indem er sie in dauernden Verhältnissen verläßlich und bei ihrem sicheren Urtheil für den Grundbesitzer, so lange es ihnen leidlich geht, werthvoll nennt, was bleibt, auch wenn der Nachsatz nicht in Betracht gezogen wird? Gehetztes Wild, das von dem bischen Recht, welches sonst im Lande waltet, ausgeschlossen, sich auf sich selbst zurückzieht und seine eigenen Maßstäbe bildet. Kann die russische Regierung, die notorisch vom Vortheil und Schein bestimmt wird, eine Befugniß haben, die Juden moralisch anzuklagLN, solange sie 2 225 000 von ihren 3 000 000 Krden *) gewaltsamer Hnngersnoth und gesellschaftlicher Ehrlosigkeit überliefert und von ihnen trotzdem den Ehrenpunkt unter sich immer noch nicht hat austreiben können. Die Verlängerung dieses Zustandes erschwert seine Verbesserung. Vom Gesetz verstoßen und zur modernen Bildung nicht zngelassen, haben sich die russischen Juden der religiösen Aufklärung entzogen, welche eine Vorbedingung für ihren näheren Anschluß an die Umgebung bildet. Je länger die Sonderstellung anhält, je starrer sie der Abschluß und die Verbitterung macht, desto mehr wächst die Wahrscheinlichkeit, daß bei eventueller Erleichterung ihrer Lage die russischen Juden eher eine Macht im Staate werden als sie durch Erwerbung moderner Kultur zur politischen Annäherung bereit sind. Dieser Perspektive wird durch die gewerbliche Entwicklungsfähigkeit der Juden und die geringe kulturelle Anziehungskraft der russischen Gesellschaft eine erhöhte Tragweite gegeben. Erwägt man, daß die Juden in manchen Theilen der polnischen Provinzen den ganzen, in anderen den halben Mittelstand bilden, so läßt sich der Umfang der Frage übersehen. Nur eine umsichtige Annäherung könnte hier wirksam und allerdings ungleich langsamer und schwieriger ähnliche Ergebnisse zeitigen wie in den westlichen Kulturländern. (Schluß folgt.) *) Letzthin wurden sie von einigen auf 4000000, von Leroh Beaulien sogar auf 5 000000 geschätzt. Die genaue Zahl läßt sich so wenig bei ihnen, wie bei einem anderen russischen Bevölkerungstheil seststellen.