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Der Israelit · 1890-11-24 · Heft 92 (24.11.1890) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 92 (24.11.1890)
Date
1890-11-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXI. Jahrgang. Beilage?„ JVs 92 i>w „Israelit & lefdjurun“ Leitender Artikel. Mütterchens Inden. (Aus „Die Nation.") V. Als Kaiser Nikolas im Jahre 1845 den Miuisterialrath Karzeff verkleidet und inkognito nach den jüdischen Ackerbankolouien in Südrußland schickte, um sich über die Lage der neuen, bereits amtlich geplünderten Gründmlg zu informiren, erstattete derselbe einen Bericht, in welchem der folgende Passus vorkam: „Das russische Volk verdankt die ganze Entwicklung seines Handels den Juden. Die Jahrhunderte lang betriebene Ausrottung der Inden im westlichen Europa führte eine große Menge derselben in die slavischen Länder, wo ihnen die Niederlassung gestattet und längere Zeit eine gute Behandlung zu Theil wurde. Diese Juden, welche mit dem gepackten Sack auf dem Rücken und dem Wanderstab in der Hand die Produkte der damals noch halbbarbarischen Slavenländer zu den kultivirteren Nachbarn im Westen und Süden brachten und die Erzeugnisse der letzteren zu uns zurücktransportirten, waren die Pioniere der Civilisation, welche die Verbindung zwischen Ost und West eröffneten und für unsere ersten Fortschritte verhältnißmäßig mehr gethan haben, als die Eisenbahnen dieses Jahrhunderts für die Gegenwart." Wie man aus diesem freimüthigen, die heutigen polnisch-russischen Länder betreffenden Bericht ersteht, täuschte sich die Petersburger Regierung über die Nützlichkeit ihrer jüdischen Unterthanen nicht, als sie noch fest genug stand, um wenigstens im internen Verkehr der Behörden die Dinge sachlich nehmen zu können. Mit diesem Bericht — er würde vollständiger gewesen sein, wenn er die Einführung der Handwerke den Juden, die sie in den altpolnischen Provinzen noch heut überwiegend treiben, und unter der vorigen Regierung auch im Zarat treiben sollten, ebenfalls zugeschrieben hätte — mit diesem Bericht vergleiche man, was der ehrliche Moskovitenenthusiast Aksakoff im Jahre 1881 druckte: „Freiheit für die Juden bedeutet Sklaverei für die Russen. Das russische Volk lebt heute schon unter dem wirthschaftlichen Joch der Juden. Werden sie gleichgestellt, so müssen wir ihnen unterliegen und Rußland hört auf, für die Russen zu existiren." Und das, obschon noch im Jahre 1865 die Gouverneure von Mohtleff, Witepsk, Minsk, Kiew und Podolien und danach der Minister des Innern in seinem zusammenfassenden Bericht die jüdischen Handwerker und Händler der Westprovinzen als „so bettelarm und ungenügend beschäftigt" dargestellt hatte, daß „sie aus Noth die billigste und schlechteste Abeit thun müssen, um nur leben zu können." In diesen drei Aeußerungen haben wir die ökonomische Geschichte der Juden unter russischer Herrschaft an einen fortlaufenden Faden gereiht. Als das Regierungsintereffe noch nicht die Zersetzung alles Nichtmoskovitischen durch Gewalt und Schimpf zu fordern schien, konnte sich das Gouvernement es gönnen, den nationalökonomischen Werth seiner Juden zu begreifen, und die schwere Armuth, die cs, ursprünglich um den polnischen Mittelstand zu gewinnen, ihnen auferlegt, durch Ackerbaukolonien auf nichtpolnischem Gebiet zu heben. Diese Kolonien, in welche sich die Juden nach verschiedenen ministeriellen Berichten drängten, konnten, bei der selbst durch verkleidete Oberkontroleurc unhemmbaren Ausbeutung durch die Behörden, nicht gedeihen, und aufs Neue melden die westlichen Gouverneure von der Maffenarmuth der Juden. Da man sie trotzdem auf polnischem Gebiet von den vielen russischerseits eingeführten Beschränkungen nicht befreite, so suchten sie. bei dem durch Eisenbahnen und die Aufhebung der Leibeigenschaft gesteigerten Geschäftsverkehr in das Zarat zu gelangen, und riefen dort, obschon es nur einigen hunderttausend gelang, in wenigen Jahren Aksakoff'sche Einwendungen hervor, denen der Handelsstand zustimmte. So demüthigend dieses Geftändnitz der Nichtkonkurrenzfähigkeit für die so viel wohlhabenderen und gesicherten Russen hätte sein sollen, so wenig ähnliche Stimmen auch in den altpolnischen Provinzen hörbar wurden, in welchen die Juden sechshundert Jahre länger sitzen, so sekundirte doch die Regierung, um auch das kommerzielle Interesse für den Zweck der nationalen und polischen Nivellirung zu verwerthen. Und zwar, wie gesagt, mit pointirter Betonung der moralischen Seite der Sache. Mit so pointirter Betonung der amtlichen Ethik, daß sogar ein Jgnatieff, ein sprichwörtlicher Vater der Lüge, nach veranstaltetem Blutbad es sich nicht versagen konnte, die mangelhaften Geschäftsusancen der jüdischen Firmen als die Veranlassung des ganzen Jncidenzfalles darzustellen und auf ihnen seine weiteren Maßnahmen mit ernster Miene aufzubauen. Die russischen Juden unterliegen seit hundert Jahren einer Macht, welche sie unter die Füße tritt und gleichzeitig die Hand hinhält, um sich gegen sich

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