Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 92 (24.11.1890)
- Date
- 1890-11-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1658 ihm entgegen und fing den Zusammenbrechenden in meinen Armen auf. Ich hatte mich nicht getäuscht. Krank und elend, gebrochen an Körper und Geist kam er aus der Gefangenschaft vom Innern Afrikas zurück. Wir brachten ihn in's Bett und pflegten ihn, so daß er bald gesundete. Meine Freude über sein gutes Aussehen sollte sich aber bald trüben, denn ein anderer war mein Bräutigam, als er mich verließ, ein anderer, wie ich ihn jetzt kennen lernte. Er hatte jeden sittlichen und moralischen Halt verloren und jeder Tag zeigte mir auf's Neue, daß' er für mich gestorben, eine Verbindung mit ihm unmöglich war. Je mehr ich dieses einsah, um so trauriger wurde ich, und eines Tages begann er: „Willst Du mir einen Gefallen thuu, mein Schatz?" Ich eilte zu ihm hin und fragte, was er wolle. Da faßte er meine Hand, sah mir in die Augen und weinte bitterlich. Ich beruhigte ihn und fragte, was ihn so errege. Nach einer Weile begann er: „Es muß klar werden zwischen uns, denn so ertrage ich es nicht länger. Ich bin Deiner nicht mehr würdig und Du überhäufst mich mit Liebe und Wohlwollen. Höre mich an und sprich' mein Urtheil." Und nun begann er mir zu erzählen. Ich schauderte vor dem Sumpf von Niedrigkeit und Gemeinheit, in den er mich blicken ließ. Der Abfall von unserer heiligen Religion, der ihn moralisch zu Grunde gerichtet, machte mein Herzblut stocken. Er erzählte mir alles und schonte sich selbst nicht. „So hast Du nun mein Bekenntniß gehört," schloß er, „ich erwarte mein Urtheil." „Nicht mir geziemt es, zu urtheilen und zu richten," entgegnete ich traurig, „das ist die Sache Deines Gewissens, Deines Gottes. Nur der ist verloren, der sich selbst verloren gibt. Das wäre keine Liebe, die den verirrten Geliebten sich selbst überließe oder gar von sich stieße. Du hast gefehlt; wir sind alle Menschen und nicht unfehlbar, darum versuche, aus den rechten Weg zu gelangen; meine Liebe bleibt Dir, meiner Hilfe kann Du sicher sein." „Du bist ein Engel," rief er aus und ehe ich es verhindern konnte, lag er zu meinen Füßen und hatte schluchzend meine Knie umfaßt. In demselben Augenblicke öffnete mein Bruder die Thüre und schloß sie gleich wieder mit einem spöttischen: „Ich will nicht stören." Mein Bräutigam erhob sich; bleich wie der Tod sah er aus, doch eine Energie strahlte mir aus seinem Angesicht entgegen, die mich das Beste hoffen ließ. „Du sollst Dich nicht in mir getäuscht haben!" rief er aus. „Bei unserer Liebe und Deiner Treue, ich will verdienen, Deiner werth zu sein." Noch an demselben Tage reisten wir zusammen nach D. Ich cquipierte ihn vollständig, er miethetc sich eine Wohnung und begann ein neues Leben, indem er von nun an alle Pflichten unserer heiligen Religion auf das Pünktlichste erfüllte. Er hatte nun Glück. Da man seine wunderbaren Schicksale erfuhr, fühlte man die Pflicht, ihn, der ja nur für das Vaterland gelitten, doppelt zu entschädigen und zog ihn in alle Kreise und wandte ihm Verdienst zu, wo man nur konnte. Das Geld floß ihm nur so zu und mit seinem materiellen Wohle wuchs auch sein sittlicher Muth und seine moralische Kraft. Fast schien es, als wollte uns das Glück nocheinmal lachen, aber es schien nur so. Der Aufenthalt im ungewohnten Klima hatte in ihm den Keim zu einem unheilbaren Leiden gelegt. Nach zwei Jahren zeigten sich die Symptome dieses Leidens, welches zwar die Ausübung seines Berufes gestattete, uns aber den Traum auf ein spätes Glück zerstörte. (Siehe Schluß in der Beilage.) „Israelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindesten» 2 Bozen. Prei» de» Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'» Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel bestehen bet E. F. Slrtnacker, Leipstg, Uoßplatz 18. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und vesterrrich 14 Reichs-Mark oder ö fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franko eönMstrchen. Inhalt (Hanptblatt): Leitender Artikel: Perek Schirah. — Zur Lage der Juden in Rußland. — Zeitungsnachrichten und Corresponbenzen: Deutschland: Darmstadt. Lüneburg. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Drohobycs. — Frankreich: Paris. England: London. — Amerika: New-Aork. — Vermischtes. — Feuilleton: Die ewige Kalle. Inhalt her Beilage: Leitender Artikel: Mütterchens Juden. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Berlin. Kassel. Aus Westphalen. Witten. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Wien. — Italien: Rom. — Feuilleton: Die ewige Kalle. Inhalt der Extra-Beilage: Betr. Uebersetzungsbuch zu den Gebeten der Mittelstufen von Dr. Th. Kroner. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz.—Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hosbuchdruckerei-Actien-Gesellschast in Mainz. Hierzu eine Beilage.