Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 92 (24.11.1890)
- Date
- 1890-11-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1657 „Aber Tante," bat die Brünette, „nächsten Freitag Abend mußt Du weitererzählen." „Gerne," versetzte die Tante, „wie wäre es aber, wenn Jettchcn selbst wcitererzählte?" „Ach ja, Mama, wenn Du das fertig brächtest!" „Nun?" „Ich hätte Dich nocheiumal so lieb." „Wäre das denn möglich? Ich glaubte, Deine Liebe zu mir sei keiner Steigerung mehr fähig!" „Ja, Mama, Du hast immer Recht," sagte, wie von einer Purpurwelle übergossen, das junge Mädchen und schlang ihren Arm liebkosend um den Hals der Mutter. Mit Spannung erwarteten die beiden Mädchen den nächsten Freitag Abend. Gr faut mit seiner Weihe und seinen Lichtern, mit seiner himmlischen Ruhe und seiner besecligenden Botschaft. Am Freitag Abend ist die ärmste Hütte, in welcher ein Jude wohnt, ein Schloß, er selbst ein König, ein Bräutigam, der seine Braut empfängt. Die weihevolle Stille, die er mit sich bringt, ist so recht geschaffen zum Erzählen, und gar Mancher sehnt sich heute jene Zeit wieder herbei, wo er selbst ein Kind war und mit gerötheten Wangen und glänzenden Augen am Schoße der Mutter oder des Vaters lehnte und deren Worten bebend lanschte. Ja, du bleibst mir unvergeßlich, du selige, goldene Zeit, du Zeit des hehrsten Glückes, der reinsten Freude! Wie freuten sich unsere Eltern auf den Freitag Abend, wie zählten wir Kinder die Tage der Woche, um endlich am Freitag sagen zu können, heute, heute Abend! Auch heute war es wieder Freitag Abend, und die Mutter hatte ihr Versprechen eingelöst, Jettchcn Dreyfuß war gekommen, um mit ihr von alten Zeiten zu plaudern. Auf die Bitte der Mutter hin, war sie sofort bereit, den Mädchen die Geschichte ihres Lebens und ihrer Liebe weiterzuerzählen. Sie begann, nachdem die Mutter ihr mitgetheklt, wie weit die Mädchen diese Geschichte von" ihr selbst erfahren, folgendermaßen: „Die Nachricht von dem Tode meines Vaters schien mich schier erdrücken zu wollen. Und doch sollte ich an jenem Tage noch mehr erfahren. Mein einer Bruder, der mich zu besuchen kam, brachte mir an jenem Tage die Nachricht, daß der Name meines Verlobten unter den Vermißten sich befände und derselbe wahrscheinlich gefangen worden sei. Das war für meinen schwachen Körper zu viel; ich bekam einen Rückfall und schwebte wiederum acht Wochen zwischen Tod und Leben. Endlich schien die Macht der Krankheit gebrochen; ich begann mich zu erholen, und nächst Gott verdanke ich hier meiner Freundin, die mich aus die aufopferndste Weise pflegte, mein Leben. Meine Kräfte stellten sich bald wieder ein, und ich lebte. Daß ich Freude am Leben gefunden hätte, kann ich nicht sagen, aber die Pflicht, die ich meinen Brüdern gegenüber hatte, gab auch meinem Leben einen Werth. So verging ein Jahr nach dem andern. Gar mancher brave und chrenwerthe Mann bot mir seine Hand an — ich schlug alles aus; selbst die glänzendsten Verhältnisse konnten mich nicht bewegen, mein gegebenes Wort zu brechen und ihm untreu zu werden, den vielleicht das Sklavenjoch drückte. Alle meine Bemühungen und die Bemühungen der deutschen Regierung, etwas über den Verbleib meines Bräutigams zu erfahren, blieben erfolglos, und als zehn Jahre vorüber waren, erklärten ihn die Gerichte für tot." Hier machte die Erzählerin eine Pause und ein Seufzer entfloh den Lippen der beiden aufmerksam zuhsrcndcn Mädchen. „Meine Brüder," fuhr Jettchen nach einer Weile fort, „kamen nun, nachdem sic gedient, nach Hanfe und setzten das Geschäft des sel. Vaters fort. Doch gefiel es mir nicht bei denselben, denn sic hielten weder den Sabbat, noch die Speisegesetze, so daß ich stets in Zank und Hader mit ihnen lag. Als sich nun mein älterer Bruder verheirathete und die junge Frau, den Lehren der Reform huldigend, unseren Haushalt nach ihrer Manier einrichtete, überließ ich den Brüdern das elterliche Mus und begnügte mich mit zwei Zimmern und Küche im ersten stock. Dort wohne ich heute noch, führe meinen koscheren Haushalt und bekümmere mich nicht um die Angelegenheiten meiner Brüder. Doch das gehört nicht hierher; das ist eine Sache, die täglich vorkommt. Meine Schwägerin ist eine ganz tüchtige Frau und wir leben im besten Einverständniß, seitdem die „ewige Kalle", so nennt man mich spottweise, für sich selbst haushält. Obschon ich ein altes Mädchen geworden war, hielt in den nächsten Jahren doch ein Alaun, den ich hochachten gelernt, um meine Hand an. Meine Brüder, meine Verwandten, meine Freunde drangen in mich, das Glück, das sich mir abermals bot, doch zu ergreifen. Ich zauderte und bat uni Bedenkzeit. — Es war an einem Sonnabend Nachmittag, im Oktober des Jahres 1883, als ich mit meiner Schwägerin vor unserem Hanse saß. Wir sprachen gerade über die erwähnte Sache und meine Schwägerin rieth mir, doch auch an mich selbst zu denken und eine bejahende Antwort nach F. (dort wohnte jener Mann) gelangen zu lassen. Ueberlegend blickte ich die Straße entlang, ohne auf die Menschen zu achten, welche an uns vorüber kamen. Da fühlte ich einen Stich im Herzen und glaubte das Opfer einer Sinnestäuschung zu sein! Die Straße herauf schwankte, zerlumpt und abgerissen ein Mann — mein Bräutigam. Ich stieß einen Schrei aus, eilte