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Der Israelit · 1890-11-24 · Heft 92 (24.11.1890) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 92 (24.11.1890)
Date
1890-11-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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diese hatten die Beamten davon verständigt. Thatsache ist, daß, während bei dem ersten Wahlgange nur 46 Postbeamte erschienen waren, bei dem zweiten 97 ihre Stimme abgaben, und zwar sämmtlich, bis aus zwei, sür den konservativen Kandidaten. Als die Angelegenheit zum ersten Male auf der Tagesordnung der Stadtverordueteu-Versaminluug stand, erachtete es letztere für wünschenswerth, das Bewcismaterial noch zu ergänzen, u. A. durch Einholung einer amtlichen Auskunft der Ober-Postdirektion. Der kürzlich ernannte Leiter dieser Behörde, Geh. Obrr-Postrath Griesbach, hat auf die Anfrage des Magistrats geantwortet, daß sein Vorgänger das Schreiben Pretzels vom 3. Mai den betheiligtcn Postanstalten zur Kenutuiß vorgelegt, der Vorüeher des einen Postamts eine Abschrift augefertigt und diese den bei der Wahl betheiligten Beamten und Unterbeamten seines Amtes, etwa sechs Personen, vorgeleseu, der des anderen aus der Liste die Namen seiner in Betracht kommenden Beamten, im Ganzen 2, herausgezogen und diese au die Erfüllung ihrer Wahlpflicht erinnert habe. Bemerkungen „über die Art der WahlauSsühruug oder über die zu wählende Person" sollen von keinem der beiden Vorsteher gemacht worben sein. Wenn wirklich das Schreiben nur acht Beamten gegenüber gebraucht worden ist, so würde das Resultat der Wahl allerdings dadurch nicht unmittelbar beeinflußt worden sein; der Wahlprüf,nrg8ausschuß der Stadtverordneten-Versammlung war aber der Ansicht, daß eine Wahlbeeinflussung vorliege und beschloß einstimmig, die Ungültigkeitserklärung der Wahl zu beantragen. Bemerkenswerth ist, daß auch der der Bürgerpartei angchörende Stadtv. Vite und der konservative Direktor der Charitö, Stadtv. Spinola, als Mitglieder des Ausschusses sür die Ungiiltigkeit stimmten. In der gestrigen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung wurde nach einer lebhaften Debatte, in welcher der Stadtv. Staatsarchivar Baileu so weit ging, die beiden Postbeamten,welche bei der Wahl für den liberalen Kandidaten gestimmt hatten, als die eigentlichen Veranlasser des Protestes zu bezeichnen, die Wahl BachlerS mit 107 gegen 3 Stimmen für ungültig erklärt. Die Mehrzahl der Mitglieder der Bürgerpartei hatte es vorgezogen, nicht zu erscheinen. Herr Baileu stellte in Aussicht, daß die Entscheidung der Verwalt uugsgcrichte angerufen werden müsse. Novellette von H. Berger. (Nachdruck verboten; alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung statt Schluß.) „In jener Zeit wurden wir gute Freunde," fuhr die Dame in ihrer Erzählung fort, „damals lernte ich Jettchen's goldenes Herz kennen und sie selbst lieben. Ihr Vater wurde immer kränker und die doppelte Sorge und der Gram um den Geliebten warfen sie auf's Krankenlager. Jettchen verfiel in ein hitziges Nervensieber und schwebte wochenlang in Lebensgefahr. Endlich jedoch siegte ihr junger Organismus und sie genas. Ich hatte sie gepflegt, und als die Genesung etwas weiter fortgeschritten war, blieb mir die traurige Pflicht, sie mit dem bekannt zu machen, was sich seit ihrer Erkrankung ereignet hatte. Eines Tages, als sie schon oftmals nach ihrem Vater gefragt und stets ausweichende Antworten erhalten hatte, wollte sie aufstehen und den Vater, der im oberen Stock liegen sollte, sehen. Sie ließ sich nicht langer znrückhalten, stieg aus dem Bette und wollte sich anziehcn. Aber sie hatte ihre Kräfte überschätzt; von einem Schwindel erfaßt, fiel sie auf das Bett zurück. Ich legte sie wieder in's Bett und als sie sich ein wenig erholt hatte, sprach sie: „Ich bin doch noch schwach; sage dem lieben Vater, daß ich ihn, so Gott will, in nächster Woche sehen werde. Dann werde ich zu ihm hinauf können." „Das glaube ich nicht", entgegnete ich, mit Thränen in den Augen. „Wieso nicht?" fragte sie, und als sie meine Thränen sah, rief sie aus: „Großer Gott! Du verbirgst mir etwas!" „Ich verberge Dir nichts; Du warft lange krank, fast acht Wochen sind es, seitdem Du Dich legtest." „Und mein Vater, wie geht es meinem Vater?" fragte Jettchen hastig. „Ihm ist wohl; er schlaft." „Verbirg' mir nichts", rief sie von bangen Ahnungen erfüllt aus; „mein Vater schläft nicht; er —" „Gewiß, schläft er, ganz gewiß; er schläft den Schlaf des Gerechten, und wird bei seinem Erwachen die Herrlichkeit Gottes schauen. Armes Kind," fuhr ich fort, als sie mich jetzt starr ansah, „es ist so der Laus der Welt, daß die Eltern vor den Kindern scheiden müssen, und da Gott Euch das Scheiden erleichtern wollte, rief er Dir den Vater ab, als Du selbst am Rande des Grabes schwebtest. Sein letztes Wort war Dein Name, ein Segen für Dich." „Und wann? Wann ging er von mir?" „Morgen sind es vierzehn Tage, daß man ihn zur Erde bestattete." „Wie sich der Schmerz jetzt Bahn brach, welch' herzerschütterndes Weinen und Klagen ich jetzt hören mußte, das kann ich Euch nicht beschreiben." „Ich möchte auch nicht an Deiner Stelle gewesen sein", sagte die Tochter zur Mutter. „Ich auch nicht", stimmte die Cousine bei. „Und doch dankt sie mir heute noch den Beistand, den Trost, den sie in jener Stunde bei mir fand. In traurigen Tagen kann man seine wahre Freunde kernen lernen, nicht bei Lust und Freud'." Die Damen hatten das Dorf erreicht und somit konnte die Mutter nicht weitererzählen.

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