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Der Israelit · 1890-11-24 · Heft 92 (24.11.1890) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 92 (24.11.1890)
Date
1890-11-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1654 ist Ausweisung. Oder der Inspektor verlangt von dem jüdischen Schneider, welcher nur zu nähen hat, daß er einen Rock zuschneiden, und von dem Zuschneider, daß er mit der Maschine nähen soll, — da Beide das Verlangte nicht leisten können, werden sie als unfähige Handwerker ausgewiesen. Eine ganze Reihe von Beschäftigungen, wie diejenigen der Bäcker, Glaser, Essigbereiter und Anderer, welche keine besondere Handfertigung erheischen, aber früher als Handwerk angesehen wurden, sind jetzt hiervon ausgeschlossen und die solche Arbeiten verrichtenden Juden ausgewiefen worden. Sämmtliche jüdischen Lehrer sind aus den öffentlichen Schulen und alle bei Notaren beschäftigten jüdischen Schreiber aus dem Dienste entlassen worden. Diese vermehren die Zahl der Beschäftigungslosen in erschreckender Weise. Die Gymnasiasten, denen die Universität verschlossen, die Aerzte, welchen das Praktiziren verboten und die gehörig gualifizirten Advokaten, denen das Plaidiren untersagt wird, können vielleicht auswandern, aber was soll werden aus den alten und schwachen Männern, aus den Frauen und Kindern, sowie aus den Jungen, welche ihre alten und schwachen Familienglieder nicht verlassen wollen? Ganz zu schweigen von den Gefahren, welche die Zusammendrängung so vieler armen Menschen in sanitärer Beziehung Hervorrufen muß. Zeitungsnachrichten nnd Correspondenzen. Deutschland. Darnrsiadt, 20. Nov. Das hier täglich erscheinende, bisher die Interessen der deutsch-freisinnigen Partei vertretende Blatt „Hessischer Volksfreund", ist, wie zuverlässig verlautet, in den Besitz eines Konsortiums durch Kauf übergegangen und wird fortan — auch ein Zeichen der Zeit — die christlichsozial-antisemitischen Tendenzen wahrnehmen. Als Kaufpreis wird die Summe von 20,000 M. genannt.*) Lüneburg, 11. Nov. Die hiesige Synagogengemeinde geht mit dem Plane um, eine Synagoge zu erbauen, da das alte gemiethete Lokal in keiner Weise den Anforderungen entspricht, die man an ein würdiges Gotteshaus stellen muß. Da ist es nun rühmend anzuerkennen, daß der hiesige Magistrat und das Bürgervorsteher-Kollegium diesem Plane *) Anmerkung der Red. Die jüngst von diesem Blatte angestimmte Lobeshymne auf die Juden sollte , wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, dazu dienen, den nunmehrigenSchritt zu rechtfertigen. Denn wenn, trotz des auf sie ergossenen Lobgesanges, unsere Glaubensgenossen sich nicht entschließen konnten, den Besitzern das Blatt um einen guten Preis abzukaufen, was blieb den Armen dann noch anders übrig als antisemitisches Geld zu nehmen. Hoffentlich werden die Herren Christlich- Sozialen dem Vorbesitzer ihres Blattes seinen „jüdischen" Schachergeist nicht vorwerfen! mit großer Liberalität entgegengekommen sind. Dieselben haben in Erwägung, daß der Plan einer Religionsgesellfchaft, sich ein würdiges Gotteshaus zu erbauen, an sich alle Unterstützung verdient; daß die hiesige Gemeinde, deren Mitglieder nur zum kleineren Theile wohlhabend sind, durch die Verzinsung nnd Amortisation der Baukosten, welche bei dem Mangel von Gemeindevermögen angeliehen werden müssen, ganz erheblich belastet wird, auf Antrag des Herrn Oberbürgermeisters Lauenstein beschlossen, den zu fordernden Kaufpreis für die Bauplätze, welche in öffentlicher Licitation zu 7, resp. 6,50 Mk. eingesetzt sind, auf 3 Mk. pro Quadratmeter zu ermäßigen. Der Herr Stadtbaumeister ist nun seitens der Gemeinde aufgefordert worden, einen Kostenanschlag vorzulegen, alsdann wird dieselbe einen definitiven Entschluß fassen. Da durch den Edelsinn einiger Gemeindemitglieder ca. 30,000 Mk. schon zur Verfügung gestellt sind, so ist wohl nicht daran zu zweifeln, daß es zum Bau kommen wird. O e st e r r. Ungar. Monarchie. Drohobyez, 11. Nov. Heute fand die Einweihung des von Herrn Moses Gartenberg vor zwei Jahren aus Anlaß des Kaiser-Jubiläums gestifteten Asylhauses in Anwesenheit des Herrn Statthalters Grafen Badeni, der Spitzen der Landes-, Kreis- und Stadtbehörden sowie eines überaus zahlreichen distinguirten Publikums ohne -Unterschied der Confessio» statt. Die Einweihungsrede hielt Herr Rabbiner Dr. Taubeles aus Bisenz in Mähren in polnischer Sprache. Er schloß seine Rede mit einem Toast auf den Kaiser, welcher die Verkörperung der geläutertsten Menschenliebe darstelle. Frankreich. Paris. Der in Angers am 7., 8. und 9. October tagende Congreß katholischer Juristen beklagte sich über die den Juden gehörenden Hypothekenschulden. Auf Grund einer eingehenden vom verstorbenen Prof. Eschbach, (einem Nichtjuden) in Straßburg angestellten Studie über das Jmmobilarvermögen weist Isidor Löb die Grundlosigkeit derartiger Beschuldigungen, soweit diese die Juden betreffen, nach. Im Jahre 1855 betrug die Hypothekenschuld Frankreichs 12 Milliarden, 46 Departements participirten mit hundert Millionen und in dieser Zahl nahmen die damals am meisten jüdisch bevölkerten Provinzen Ober- und Niederrhein den 29. und 35. Rang ein. Die größten Hypothekenschulden hatten die Bezirke Amiens, Orleans, Portiers, Rennes und Caen. Es ist, sagte Eschbach, nicht eine einzige jüdische Gemeinde in diesen am meisten verschuldeten Provinzen und ist es demnach nicht der jüdische Wucher, der eine solche Lage geschaffen.

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