Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 91 (20.11.1890)
- Date
- 1890-11-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1636 rolle spielte. In einem kleinen Singspiel, welches unser Lehrer extra zu dieser Gelegenheit geschrieben hatte, spielte sie ihren Part so gut, daß wir alle von ihr entzückt waren. Die Musik zu diesem Singspiel hatte ein junger Musiker aus D. geschrieben; schon damals hatte er einen geachteten Ruf als Musiker und er pflegte, trotzdem er Jude war, bei kleineren Hoffestlichkeiten, Bällen, Thödansants der hohen Aristokratie mit seiner Kapelle dort zu spielen. Auch nach P. hatte man ihn berufen, um bei den Festlichkeiten der Synagogeneinweihung und dem sich daran anschließenden Ball zu musiciren. H. war ein hübscher Mann, ganz dazu angethan, jungen Mädchen den Kopf zu verdrehen. Von hübscher Gestalt und mit feinem, durchgeistigten Angesicht, schwärmerischem Blick und bestechender Liebenswürdigkeit, war es ihm ein Leichtes, das junge Herz der unerfahrenen Jettchen in Fesseln zu legen, und noch ehe der Ball zu Ende war, hatten sich beide verlobt, sich gegenseitig ewige Liebe und Treue geschworen." „Das ist rasch gegangen", bemerkte die Blondine. „Ja, es war ein übereilter Schritt, und doch war das ganze Dorf außer sich über die gute Parthie, die Jettchen machte und man beglückwünschte die Eltern und das Brautpaar. Die Eltern hatten ihre Einwilligung freilich nur sehr schwer gegeben, gerade, als ob die Mutter der Braut mit prophetischem Blick das vorausgesehen hätte, was kommen würde. Aber den Bitten und Versprechungen des Bräutigams, den Thränen und dem Flehen der Braut gelang es, die Bedenken der Mutter zu beseitigen und das Ja-Wort zu erhalten. Ein halbes Jahr später starb die Mutter. Auf ihrem Totenbette ließ sie sich von Jettchen das Versprechen geben, den Vater, der selbst leidend war, nicht zu verlassen, nicht eher zu heirathen, bis ihre Brüder erwachsen wären. Jettchen versprach dieses und sie hat ihr Versprechen treulich gehalten." „War denn der Bräutigam damit zufrieden?" fragte die Cousine. „Darüber kann ich Dir nichts sagen", versetzte die Dame; , es mag wohl manchen Zwist darüber gegeben haben, jedoch erfuhr Niemand etwas davon. Jettchen war seit dem Tode ihrer Mutter sehr ernst geworden und dieser Ernst machte sie noch schöner. Der Bräutigam erhielt mehrmals Offerten zu einträglichen Kapellnieisterstellen, aber er schlug alle aus, um in der Nähe seiner Verlobten bleiben zu können. So oft er Zeit fand, kam er von D. herüber, um seine Braut zu besuchen. Er verdiente ein schönes Stück Geld und hätte sich wohl ein Heim gründen können, wenn Jettchen sich nicht geweigert hätte, zu heirathen, bevor sie ihr der Mutter gegebenes Wort erfüllt hatte. Dazu kam, daß der Vater krank wurde und die Brüder, welchen die strenge Hand des Vaters fehlte, ihr vielen Verdruß und Kummer bereiteten. So lag denn die Sorge für den kranken Vater, die ganze Last der großen Wirtschaft, der Oekonomie und des nicht kleinen Geschäftes auf ihren Schultern. Aber sie wußte sich zu rühren und zu helfen. Die Brüder kamen zu tüchtigen und strengen Geschäftsleuten in die Lehre, die meisten Aecker wurden verpachtet, das Geschäft nur so groß geführt, daß sie allein die Arbeit bewältigen konnte. Da kam das Jahr 1870. Der Krieg brach aus und einer der ersten, die in's Feld rücken mußten, war ihr Verlobter. Zuerst erhielt sie gute Nachrichten. Die in übrrmüttilgem Tone geschriebenen Briefe athmeten Liebe und flössen über von Schelmerei. Plötzlich jedoch blieben die Briefe aus; Niemand wußte warum, und schon begann sie zu befürchten, daß eine feindliche Kugel ihren Bräutigam getroffen habe." (Schluß folgt.) „JSraelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstag-, jedesmal in mindesten»« Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 18 Reichs-Mark, für'S Ausland IS ReichS-Mark. Man adonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch de» Suchhunde! )U bestehen bei E. F. Steinacker, Leipstg, Uoßplatz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oefterrcichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., für'S Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco rinznsenden. Inhalt (Hanptblatt): Leitende Artikel: Zur Ausgleichung der socialen Gegensätze in Bibel und Talmud (Fortsetzung). — Was sind wir unfern Kindern schuldig? (Schluß.) — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Darmstadt. Berlin. Frankfurt a. M. Homburg. Witten. Neustadt b. Pinne. Halle a. S. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Wien. Pest. — England : London. — Rußland: Odessa. — Feuilleton: Die ewige Kalle. Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Mütterchens Juden (Fortsetzung). — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen : Deutschland: Berlin. Frankfurt a. M. Aus Thüringen. Leipzig. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Pest. Debreczin. — Frankreich: Paris. — Vermischtes. Inhalt der literarischen Beilage: Moderne Exegese. Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzeichnisse. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz.—Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu drei Beilagen.