Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 91 (20.11.1890)
- Date
- 1890-11-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1687 Trauerzuge bis vor die Stadt, um alsdann umzukehren und den Weg nach dem Bahnhof einzuschlagen. Und doch war der Mann, den man so in der Stille in's kühle Grab senkte, einer der bedeutendsten Musiker seiner Zeit gewesen, und doch hatte er, da er noch gelebt, ein für alles Schöne, Edle und Gute empfängliches Herz gehabt, und doch hatte seine Hand, als sie noch nicht erstarrt war, gar manches kranke Herz durch die Macht der Musik getröstet, gar manche arme Wittwe unterstützt, manche Waise aufgerichtet, für sie gesorgt und gesonnen, sie geführt und geleitet, bis deren Lebensweg derart eben geworden, daß ein weiteres Führen unnöthig war. Keiner von all' denen, die er geliebt und denen er wohlgethan, stand an dem Grab, in welches man ihn zur ewigen Ruhe bettete. Die drei Personen, die ihm auf seinem letzten Wege eine kurze Strecke das Geleite gaben, das waren Jettchen Dreyfuß und deren Brüder, die, da sie Kohanim waren, den Friedhof nicht betreten durften. Schweigend schritten die Geschwister nebeneinander her, jedes in seine Gedanken versunken. Niemand sah, daß aus dem Auge der Schwester Thräne um Thräne perlte und auf den Schnee der Straße herabrollte und dort zu Eis erstarrte. Und wie die Thränen unter der Eisdecke des Schnees, so erstarrte das Gefühl der Liebe zu ihren Brüdern im Herzen der Schwester; es erstarrte unter der Eisdecke der Gefühllosigkeit und Theilnahmlosigkeit. Wie hatte sie die Brüder bitten müssen, bis diese sich entschlossen, sie zu begleiten, um dem Entschlafenen die letzte Ehre zu erweisen! Was hatte sie alles anhören müssen, bis man die Residenz erreicht hatte! Jetzt freilich, vor der Majestät des Todes schwieg die Rohheit und vor der Gewalt des Schmerzes schwand die Energie, mit welcher die Thränen seither von ihr zurückgehalten wurden. Man hatte den Bahnhof erreicht und sich stille an einen Tisch im Wartesaal gesetzt. Der Zug, auf den man wartete, fuhr sausend in die Halle; die Säle leerten sich und auch Jettchen stieg ein, während ihre Brüder sich von ihr verabschiedeten. Sie wollten zur Messe nach Leipzig weiterfahren und eilten jetzt, sich Plätze zu sichern, da der Zug, mit dem sie fahren wollten, schon zur Abfahrt bereit stand. Nun war Jettchen allein, allein mit ihrem Schmerze, denn der, den man heute zur ewigen Ruhe gebettet, war ihre Jugendliebe, ihr Bräutigam — seit dreißig Jahren. Dreißig Jahre! — eine lange Zeit. Die meisten ihrer Altersgenossen sind schon dahin gegangen, von wannen es keine Rückkehr gibt. Sie denkt zurück an jene selige Zeit, da sie sich ihm verlobt hatte, als sich ihre Herzen gefunden, da ihnen die Welt wie ein Himmel erschien, in welchen die Menschen gesetzt wären, um ein endloses Glück zu genießen. Ach, wie rasch war sie entflohen, diese sel'ge, diese gold'ne Zeit! O, daß sie ewig grünen bliebe, Die schöne Zeit der jungen Liebe. Der Zug sauste durch die Felder, an Dörfern und Meilern vorbei, ohn' Aufenthalt. Endlich hielt er an einer kleineren Station. Hier stiegen wenig Personen aus. Unter diesen Wenigen war Jettchen Dreyfuß, welche, um in die Heimath zu gelangen, noch einen Weg von zwanzig Minuten zu machen hatte. Auf diesem Wege begegneten ihr zwei junge Mädchen in Begleitung einer älteren Dame, welche Jettchen recht wohl kannte, denen sie aber, da sie nicht in der Stimmung war, eine Unterhaltung zu pflegen, aus dem Wege ging. „Hast Du die ewige Kalle gesehen?" fragte das eine der beiden Mädchen, eine Blondine von sechzehn Jahren, „sie ging eben an uns vorüber." „Die ewige Kalle? Wer ist denn das?" fragte die andere, die in demselben Alter, brünett und eine Cousine der ersteren war. „Die kennst Du nicht? — Mama, erzähl' ihr doch von der ewigen Kalle, und wenn wir zurückkommen, mache ich Dich mit ihr bekannt." „Ja, bitte, liebe Tante, sag' mir, was Du von ihr weißt!" „Da wirst Du nichts Lustiges zu hören bekommen", versetzte die Dame ernst. „Jettchen Dreyfuß, oder die ewige Kalle, wie ihr sie genannt habt, hat ihr eigenes Glück geopfert, um das Wort der Schrift zu erfüllen: Ehre Vater und Mutter." „Wieso?" fragten die Mädchen zu gleicher Zeit. „Nun," entgegnete die Dame, „ich will Euch erzählen, was ich selbst davon weiß. — Sie waren in die Nähe des Bahnhofs gelangt und traten nun, da das Wetter sich trübte, den Rückweg an. Die Mädchen legten jede ihren Arm in den der Dame, und diese begann: „Jettchen Dreyfuß ist in meinem Alter. Sie ist vielleicht zwei Jahre älter als ich und ich erinnere mich noch sehr gut der Zeit, da wir jüngeren Mädchen ihren Umgang suchten, denn sie war schön, liebenswürdig und geistreich. Als sie vierzehn Jahre alt war, kam sie in das Pensionat der Frau S. in M., woselbst sie fast zwei Jahre blieb. Ihren sechzehnten Geburtstag feierte sie wieder bei ihren Eltern. Wie beliebt sie in dem Pensionat war, konnte man aus den herzlichen Briefen ersehen, welche sie an diesem Tag von dorten erhielt. Jettchen war aber auch ein herziges Mädchen und ganz P. wetteiferte, sich ihr lieb und angenehm zu machen. Für jeden hatte sie ein liebes Wort, für jede Aufmerksamkeit einen herzlichen Dank. Sie war der Liebling aller. Kein Wunder, daß, als damals die Einweihung unserer neuerbauten Synagoge herannahte, Jettchen Dreyfuß bei den zu veranstaltenden Festlichkeiten die Haupt»