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Der Israelit · 1890-11-17 · Heft 90 (17.11.1890) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 90 (17.11.1890)
Date
1890-11-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1618 welche wohl die Entlassung Stöckers zu betrachten ist. In der Sprache hat der Kaiser schon früher unzweideutig erklärt, daß er mit den Anschauungen, welche man an den Namen des Herrn Stöcker zu knüpfen Pflege, nichts gemein habe, und Graf Douglas fügte in seiner vom Kaiser als zutreffend bestätigten Rede hinzu: „Darüber besteht volle unzweideutige Klarheit. Und wenn versucht worden ist, den Kaiser sogar mit der antisemitischen Bewegung in Verbindung zu bringen, so ist auch dies eine Dreistigkeit, der sich auf das Bestimmteste entgegentreten kann. Der Kaiser ist sich bewußt, daß er auch in dieser Beziehung aus einer höheren Warte steht als auf der Zinne der Partei." Aber die Kundgebung des Großherzogs von Hessen ist bedeutsam, auch wenn sie nur für seinen engeren Staat politische Wirkungen üben soll. . . . Die Auslassung des Großherzogs von Hessen, welche mit dem neulichen Erlaß des hessischen Konsistoriums in Einklang steht, kann nicht als einseitig betrachtet werden. In dem Schreiben des Staatsminifters Finger wird gesagt, das Ende des Antisemismus werde beschleunigt werden, „wenn der sittlich höher stehende Theil der israelitischen Bevölkerung cs sich nach Kräften angelegen sein läßt, den Ursachen zu Klagen über die Handlungsweise mancher seiner Glaubensgenossen nachzusorschen und mit den geeigneten Mitteln abzuhelfen." In der That wi d das Gebühren mancher Juden nirgends schwerer empfunden und beklagt als von den Juden selbst, und seit Jahren sind jüdische Kreise beflissen, in der von dem Großherzog bezeichneten Richtung zu wirken, eine Arbeit, welche durch nichts mehr erschwert wird als durch den gehässigen Antisemitismus, der keinen Unterschied zwischen sittlich tief und sittlich höher stehenden Elementen im Judenthum kennt und jede schimpfliche Handlung eines einzelnen Juden zu einer falchen Verallgemeinerung mißbraucht. Der Reinigungsprozeß im Judenthnm wird sicherlich um so mehr gefördert, je weiter der Antisemitismus in den Hintergrund gedrängt wird. Aber der Antisemitismus will diese Reinigung gar nicht. Er will die Juden ohne Rücksicht auf ihren sittlichen Werth rechtlos machen, er will sie politisch und gesellschaftlich richten, und darum spricht der Großherzog von Hessen sein tiefstes Bedauern über diese Bewegung ans und seine ernstliche Erwartung, daß der gesunde und christliche Sinn der Bevölkerung diese Verirrung überwinden werde, indem er hinzufügt, in ihren verfassungsmäßigen und gesetzlichen Rechten würden die isr. Bürger ebenso geschützt werden wie diejenigen anderer Bekenntnisse. Es ist kaum zu erwarten, daß Kundgebungen wie diejenigen des Großherzogs von Hessen alsbald die antisemitische Bewegung beseitigen werden. Aber es steht zu hoffen, daß sie einen Damm gegen weitere Fortschritte dieser Bewegung bilden und dazu beitragen werden, daß allmählich in einer Reihe von Jahren die Wogen abfließen werden, wie sie erst allmählich gestiegen sind. Das Wachsthum des Antisemitismus beruhte in erster Linie auf der Meinung, daß Fürst Bismark diesem Treiben mindestens mit wohlwollender Neutralität gegenüberstehe. Je weiter > Kaiser, Buudesfürsten und Regierungen für sich jede Gemeinschaft mit dem Antisemitismus abweisen, um so eher wird das Zerrbild nationaler Gesinnung schwinden, welches Kaiser Friedrich mit Recht eine „Schmach" für unser Vaterland genannt hat. Posen. In der hiesigen Isr. Waisen-Knaben- Austalt waren 1889 22 Zöglinge; neu ausgenommen wurden 3, in die Lehre traten 4. Breslau, 7. November. Die Thcilnahme an der Beerdigung des Rabb. Dr. Joel war trotz des strömenden Regens eine gewaltige. Einladungen sind von Seiten der Gemeinde nicht ergangen, gleichwohl sind ans Nah und Fern College» und Verehrer eingetroffen. Etwa 30 Rabbiner waren erschienen. Der von brennenden Kerzen umgebene Sarg mit der sterblichen Hülle wurde in die neue Synagoge gebracht. Einen besonders wohlthuenden und ergreifenden Eindruck machte es, daß weder in der Synagoge noch auf dem Friedhofe die schwarze Bahre von Blumenschmuck berührt wurde. Nach Absingung eines Psalms betrat der hiesige Vertreter JoM's, Herr Dr. Knoller, die Kanzel, um in schlichten, präcisen und warmen Worten ein Bild des Dahingeschiedenen zu geben, worauf der Schwiegersohn, Dr. Ziemlich, Nürnberg, in schmerzbewegter Rede den schweren Verlust schilderte, den die Familie betroffen. Der schmerzbezwingende Trost, den der Verblichene einst dem Redner beim Tode eines Kindes zugerufen: „Gott hat es so gewollt!" werde auch die Familie erheben. Hierauf setzte sich, nachdem der Chor einen Psalm gesungen, der Zug nach dem Friedhofe in Bewegung. Voran schritten die Zöglinge der Waisenanstalt, neben dem Sarge die Hörer des Rabbiner-Seminars, hinter dem Sarge die Familienmitglieder, dann die auswärtigen Rabbiner. In der Leichenhalle schilderte der Amtsgenoffe des Verstorbenen, Rabb. Dr. Rosenthal, die Wirksamkeit Joöl's für Haus und Gemciude und lobte dessen Friedenssinn und Frömmigkeit. Dr. Maybaum sprach hierauf Namens des Rabbiner-Verbandes. Mit dem Verstorbenen sei der anerkannte Führer eines großen Kreises dahingegangen, einen Ersatz für ihn gäbe es nicht. Dann redete Dr. Vogelstein, Stettin und Dr. Jacob im Namen der Seminaristen. Hierauf ergriff der zweite Schwiegersohn des Dahingeschiedenen, Herr Dr. Eckstein, Bamberg, das Wort zum Abschiede von dem thenern Heim-

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