Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 89 (13.11.1890)
- Date
- 1890-11-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1609 Zeitungsnachrichten und Correspondeuzen. Deutschland. Berlin. Der Rügende Arzt am UntersuchungSgefängniß zu Moabit, Geh. Sanitätsrath und Bezirksphysikus Dr. Leopold Lew in, feierte vorige Woche den siebzigsten Geburtstag. Dr. L. Lewin hat sich als Medicinalbeamter Verdienste erworben. 1862 wurde er Kreiswundarzt in Fraustadt, 1868 Kreispsysikus in Schrimm, um dann drei Jahre später nach Berlin versetzt zu werden. Es mag heute die Erinnerung an den Attentatstag vom 2. Juni 1878 ausgefrischt sein, an welchem Herr Sanitätsrath Dr. Lewin dem verletzten Kaiser die erste Hilfe darbrachte. An jenem unheilvollen Tage befand sich der genannte Arzt in der Mittagsstunde unter den Linden, als er plötzlich den Wagen mit dem von Nobiling verwundeten Kaiser Wilhelm an sich vorbei und durch den Thorweg in den Hof des Palais einfahren sah. Er eilte demselben nach und gelangte, ohne daß ihn Jemand aufgehalten hätte — der wachhabende Schutzmann hatte ihn erkannt, da Dr. Lewin Arzt der Schutzmannschaft war — bis in das Schlafzimmer des Kaisers. Der Kaiser lag noch völlig angekleidet auf dem Sopha. Dr. Lewin nannte seinen Namen und brachte zugleich mit dem durch den Haupteingang an der Rampe hinzukommenden Geheimrath Dr. Liman dem Monarchen die erste ärztliche Hilfe. Kurze Zeit darauf trafen dann die Leibärzte ein und vereinigten ihre Bemühungen mit denen der zuerst -Erschienenen. Da Dr. Lewin bereits damals Gefängnißarzt war, so fügte es sich, daß der Attentäter Nobiling, ebenso wie Hödel, welcher wenige Wochen vorher gleichfalls ein Attentat auf den Kaiser verübt hatte, unter seine ärztliche Obhut gestellt wurden. Er hatte dem die Regierung vertretungsweise übernehmenden Kronprinzen über das Befinden des Nobiling, welcher einige Wochen später an den Folgen der bei seiner Verhaftung erlittenen Wunden starb, regelmäßig Bericht zu erstatten. Dr. Lewin erhielt später den Hohenzollern'schen Hausorden — das Eiserne Kreuz und den Zähringer Löwen hatte er aus dem Feldzuge in Frankreich mitgebracht und wurde vom Kaiser und der Kaiserin überaus freundlich empfangen. Berlin, 11. November. Man bestätigt uns heute unsere Mittheilung, daß bei der Entlassung des Hospredigers Stöcker auch der evangelische Oberkirchenrath eine Rolle gespielt habe. Wie wir hören, ist dem bisherigen Hofprediger die Entlassungsurkunde durch Vermittelung des Präsidenten deS Oberkirchenraths zngestellt worden. Bor dieser Behörde soll übrigens bereits vorher ein Kolloquium mit Stöcker stattgesunden haben und zwar aus Anlaß seiner Reise nach Baden, die, wie man behauptet, von ihm ohne vorherigen Urlaub angetreten worden sei. Seine Reden in Villingen und Karlsruhe sollen bei dieser Gelegenheit Veranlassung zu ernsteren Erörterungen gegeben haben, so zwar, daß man Ursache hat, anzunehmen, die Absetzung Stöckers durch den Oberkirchenrath wäre ausgesprochen worden, wenn nicht fein eigenes Entlassungsgesuch und dessen Genehmigung durch den Kaiser dieser Entscheidung vorgegriffen hätte. O efterr.-U n gar. Monarchie. Budapest, 7. November. Der neue Schulinspector der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde, Dr. B. Munkascsi, stellte sich heute den beiden Sectionen des Religions-Lehrkörpers vor, bei welcher Gelegenheit er von den beiden Sectionspräsidenten, A. Stern und Adolf Györi, warm begrüßt wurde. Die beiden Redner gaben ihrer Freude darüber Ausdruck, daß die Gemeinde eine so tüchtige Kraft für die oberste Leitung ihrer Religionsanstalten gewonnen hat. Dr. Munkascsi dankte in schwungvollen Worten für diese Vertrauenskundgebung und versprach, seine Kräfte und seinen Einfluß der Hebung des Religionsunterrichtes widmen zu wollen. Pest. Der Prinz von Wales hat bei seiner jüngsten Anwesenheit seinen Aufenthalt im Schlosse des Barons Hirsch um eine Woche verlängert. Die Baronin Hirsch bereitete eines Abends dem von Stampfen zurückkehrenden englischen Thronfolger eine Ueberraschung. Sie ließ nämlich in derMitte des SchloßhoseS einen Tanzboden Herrichten, auf welchem 40 Bauernburschen und 40 Bauernmädchen, in ihre Nationaltracht gekleidet, unter den Klängen einer ungarischen Kapelle Nationaltänze aufführten. Der Prinz, sowie die anderen Gäste waren entzückt von dn-sen dal champetre. Sowohl das Schloß, als auch der ^rchloßhos waren decorirt und alle Räume electrisch beleuchtet. Spät nach Mitternacht erst zog sich der Prinz in seine Gemächer zurück. Die Bewohner von St. Johann hatten freien Zutritt zu diesem improvisirten Balle, und die Burschen und Mädchen, welche sich an dem Tanze detheiligten, wurden auf Auftrag des Prinzen von Wales mit je 5 fl. beschenkt und von Seite der Baronin mit Speise und Trank reichlich versehen. Beim Abzüge ließen es die Burschen sich nicht nehmen, dem bereits in seinen Gemächern weilenden Prinzen ein Ständchen zu bringen. Der Prinz erschien am offenen Fenster und horchte den ungarischen Weisen mit großem Wohlgefallen. Görz, 2. November. Am vergangenen Simchat-Thorafeste ertönten in unserer Synagoge zum ersten Male Orgelklänge, nachdem unser Rabbiner in einem Memorandum an unseren Cultusvorstand seine Einwilligung zu dieser Reform „mit betrübtem Herzen", wie er selbst sagte, gegeben hatte. Vor einigen Tagen ist im nahen Ddrfe Aidussina der Kaufmann Guiseppe Bolaffio im Alter von 71 Jahren gestorben. Derselbe war ein strenggläubiger Jude und hatte mehr als vierzig Jahre die Stelle eines Gemeinderathes bekleidet. Seine Leiche wurde auf dem hiesigen Friedhofe beigesetzt und war sein Wohnort dabei durch eine besondere Deputation mit dem Bürgermeister an der Spitze vertreten. rrasan. Rußland. Petersburg, 7. Nov. Die „Nowofti", die einzige russische Zeitung, welche die bei den übrigen Blättern beliebte Judenhetze verurtheilt, veröffent«