Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 89 (13.11.1890)
- Date
- 1890-11-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1608 Formen gesessen, mehreremale eingeschlafen gewesen und erst neuerdings, als man sich im Fortschritt der internationalen Entwicklung das äußerste erlauben zu können und sollen glaubte, zum Hauptschlag aufgeweckt worden. Als man das zu antienglischen und antideutschen Rüstungen erforderliche Geld von England und Deutschland größtentheils bekommen hatte und nun mit Francs die Shillinge und Mark zu ergänzen begann, hält man sich allmählich von der öffentlichen Meinung des Welttheils für unabhängig genug, um sich seinen eigenen Zielen ungehemmter hinzugeben als sonst. Die Sette, auf welche wir an dieser Stelle treffen, berührt mehr als die Judensache und die anderen inneren Monstrositäten des russischen Reichs. Im Bewußtsein der Mängel der russischen Rasse glaubte die Regierung von Peter bis Nikolas die fremden Nationalitäten unter ihrem Scepter möglichst intakt erhalten zu sollen, und war es wohl zufrieden, wenn jene, selbständiger Zwecke durch die Uebermacht beraubt, zur Stärkung des Staates so deutsch, schwedisch, finnisch, armenisch, als sie mochten, verblieben. Sogar der Pole, obschon ein eingestandener halber oder ganzer Gegner, wurde erst seit dem letzten Aufstand wirklich depolonisirt. Diese im wohlverstandenen eigenen Interesse zweihundert Jahre lang geübte Duldung ist indeß in ihr Gegentheil umgeschlagen, seit die letzten orientalischen Kriege den diplomatischen Borwand der höheren russischen Rassenwürde als einen dauernden Grundsatz in die innere Verwaltung übertragen und damit, da die russische Rasse eine der schwächsten im Reiche ist, zu seiner gewaltsamen Durchführung genöthigt haben. Die Unwahrheit, die man nach Außen zur Verhüllung der Eroberungssucht vorgeschützt, rächt sich an ihren Urhebern, indem sie nach innen schlagend die angebliche Herrschaftsberechtigung der eigenen Raffe auch da nur durch das Uebergewicht der Macht zu beweisen vermochte. So lange der Durchschnittsrusse im persönlichen Verkehr so viel weniger Chance hat, seine Etgenthümlichkeit auf Polen, Deutsche Juden zu übertragen, als vielmehr von der fremden Eigentümlichkeit gefärbt zu werden, kann das Russenthum auch seine häuslichen Siege nur durch die bekannte furchtlose Tapferkeit der Polizeibataillone erringen. Hier haben wir den Punkt, an welchem die sonst so kühl kalkulirende russische Regierung in eine an dieser Stelle geradezu verderbliche Nationaleitelkeit geglitten ist; hier den Grund des jüngsten Vorgehens gegen den baltischen Deutschen, den finnischen Schweden, den polnischen Juden. Als der verlassenste soll der letztere am summarischsten zersetzt werden; als der gefürchtesten einer am völligsten; aber zersetzt sollen sie alle werden, und Zersetzung in Rußland kann bei mangelnden intellektuellen Reagentien nur Zertretung sein. Da es eine russische Kultur nicht gibt, so hat die russische Regierung, wenn sie durch ihre eigenen Fiktionen berauscht, andere Kulturen auflösen will, keine Waffe als die Axt, — die Axt, das urväterische Geräth, das im russischen Necessaire noch immer dicht neben dem nie fehlenden Patschuli liegt. Daß man sich bei diesem schneidigen Verfahren der Elemente beraubt, deren Verwerthung im russischen Interesse das Reich geschaffen und ihm ein bischen Technik und Moral gegeben hat, ist den kleinen Einsichten, und großen Eitelkeiten, welche es augenblicklich regieren, unverständlich und unbelangreich. Man wähnt seine Russen allmählich so gescheit gemacht zu haben wie die anderen auch, und ist sicher Pflicht, Fleiß und Zusammenhang ersetzen zu können durch die Disziplin. Man hat sich seiner Zeit am Schipkapaß in den Fanatismus hineingeredet, redet sich seitdem alle Tage immer tiefer hinein, und hat die Nation schließlich von oben herunter infizirt- Die Nation, die früher die entgegengesetzte Behandlung gewöhnt war, macht natürlich von der plötzlichen Erlaubniß, sich für die beste unter ihren nichtrussischen Mitunterthanen zu halten, reichlichen Gebrauch und gewährt der Regierung den beruhigenden Eindruck, eine Befriedigung hervorgerufen zu haben, wo so viele andere fehlen. Ueber die innere und äußere Gefährlichkeit dieses Sports setzt man sich mit russischem leichten Sinn hinweg. Denn, wie jeder nationale Chauvinist in Rußland es glaubt und offen sagt (obschon jede Zeitung das Gegentheil drucken muß und wir so gut sind es nachzudrucken), sieht ja der Krieg doch vor der Thür. Siegt man, so ist alles gut; siegt man nicht, so ist alles schlecht; aber man siegt, denn man hat Frankreich für sich. Jedenfalls wird es diesmal eine Feuerprobe, und da kann es nicht allzu sehr auf vorhergehende Allotria ankommen. Warum soll man sich am Vorabend der Campague nicht noch ein wenig mit dem Mord polnischer Juden, der Entwürdigung deutscher Barone und der Knechtung skandinavischer Männer unterhalten? Kann übrigens die Befugniß zu neuen Kriegen, neuen Unterjochungen besser erhärtet werden als durch die Macht, die früher Eroberten zu mißhandeln? A la Russe, comme ä la Russe. Während die herrschenden Faktoren des unglücklichen Reiches in diesem entsetzlichen Taumel schwelgen und die Judenfrage als ein bloßes chauvinistisches Detail unter vielen anderen traktiren, hat sie einen ernsten Kern, welcher die gegenwärtige Phase überdauern wird und einer besonderen Betrachtung lohnt. (Fortsetzung folgt.)