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Der Israelit · 1890-11-13 · Heft 89 (13.11.1890) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 89 (13.11.1890)
Date
1890-11-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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-.l-JW-.. 4.44..,. ji;a4..1 XXXI. Jahrgang. Beilage M 89»»- „Israelit & Ieschuruu^ Leitender Artikel. Mütterchens Inden. (Aus „Die Nation.") III. Als Alexander II. den Nihilisten erlag, war für den der russischen Verhältnisse Unkundigen keine sichtbare Veranlassung zu besonderer Schärfe gegen die Juden gegeben. In den letztvorhergehenden Jahren gequält wie immer, hatten sie sich mit den gewöhnlichen armseligen Mitteln vertheidigt und ein für den hohen Prozentsatz ihrer Gebildeten nur sehr geringes Kontingent zur nihilistischen Armee gestellt. Eine Jüdin sollte zwar in das Attentat verwickelt gewesen sein oder wenigstens par arnour davon gewußt haben, und ist sammt ihrem Kindlein auch in den Cachettes verschwunden. Indessen war sie Atheistin, Freiliebende und Radikale — eine Qualification, welche die drei Millionen russischer Juden, die keine tausend Freigeister unter sich haben, mindestens ebenso abscheulich finden werden wie die Polizei. Sie den Juden aufbürden, wäre etwa ebenso richtig gewesen, als den Adel für ein Dutzend vornehmer Damen verantwortlich machen, welche sich mit Feder, Revolver und Gift an der Bewegung betheiligten; oder den Generalen die republikanischen Söhne anrechnen, an denen sie gelegentlich litten; oder dem Ton einer erlauchten Familie die bedenklichen Verse zuschreiben, die ab und zu von einem ihrer Mitglieder zirkulirten. In der That hat auch die russische Regierung, die nicht leicht von einer Wortfügung zurücksteht, welche ihr dienlich zu sein scheint, sich über jüdischen Nihilismus nie beklagt. Dennoch hat das ganze politische Rußland, das ja seine Jgnatieff's kennen muß, es für selbstverständlich gehalten, Zaren- und Judenmord in Verbindung zu setzen. Ils se sontfait lamain, sagte man allgemein fröstelnd oder schmunzelnd, je nachdem die Sympathien gingen. Der Zar hatte in dem Kampfe gegen die Rebellen persönlich den Kürzeren gezogen. Die Hekatombe, welche vorher verhör- und gerichtlos nach Sibiren deportirt worden war, hatte nichts genützt. Die Verdoppelung derselben gewährte weder Schutz für die Zukunft, noch auch nur eine genügende Rache für die Vergangenheit. Das ungeheuere Geschehniß eines Zarenmordes auf offener Straße und durch völlig untergeordnete Leute, während dergleichen Dinge sich bisher immer nur im Palais und entre nous ereignet hatten, verlangte einen anderen Maßstab der Bestrafung. Es mußte ein neuer, ein eindrücklicherer, empfindlicherer Maßstab sein. Es mußte den Ständen, welche die Verschwörer lieferten, oder durch ihre sträfliche zungenfertige Kritik mittelbar unterstützten, eine tiefergehende Lehre ertheilt werden. Diese Wirkung zu erzeugen und sie wiederum innerhalb gewisser Schranken zu halten, welche den wohlthätigen Schauder aller zunächst nicht zur allgemeinen Verheerung werden ließen, wählte man ein Element der Bevölkerung aus, um ein Beispiel zu statuiren und.fing natürlich mit dem wehrlosesten an. Das der russischen Gesellschaft gegebene erste Avertissement wurde nach dem üblichen Grundsatz Lat experimentum in corpore vili ertheilt. Die russische Gesellschaft begriff und verstand und hat sich zehn Jahre lang vor dem zweiten gehütet. Der Schrecken hält die Zungen gebannt, und der Nihilismus, den die russische Seele ohne das ermuthigende Gezische! der Gesellschaft nicht wohl erzeugen kann, kömmt nur zögernd wieder in Gang. Wenn man hinterher die blutige Gelegenheit doch dazu benützte, die gegen die Juden stets befolgte Politik der gleichzeitigen Aushungerung und Ausbeutung zu verschärfen, so haben verschiedene Gründe zu diesem Ereigniß allmählich zusammengewirkt. Während ganz Rußland wußte was geschehen war, galt es zunächst Europa über die veranstalteten Greuel zu täuschen und durch weitere Knebelung der Juden den Schein zu erregen, als ob man neuen Ausbrüchen einer übervortheilten Bevölkerung vorzubeugen habe. Europa ist so gern bereit Rußland, mit dem es auf Anstandsfuß zu verkehren hat, für anständig zu halten, und schlürft derartige Tränkchen immer nur allzu willig, auch wenn sie nicht von interessirten Apothekern verabreicht werden. Ueberdies war in Petersburg jede Veranlassung willkommen, welche die jüdische Pomeranze weiter ausdrückte und zertrat: sah doch stets der trägere russische Händler den thätigeren jüdischen gern gemaßregelt, und konnte der gestrenge Herr Beamte, von der betreßten Excellenz bis zum hemdenlosen Büttel hinab, von neuen Beschränkungen, die ihm um so öfter die Hand hinzuhalten gestatteten , nur neue Bestechungen erwarten. Daß man in den geplanten Maßnahmen so weit gehen würde, wie man unter den ungewöhnlich ermuthigenden Aspekten der gegenwärtigen Lage schließlich wohlgehen wird, war damals schwerlich vorausgesehen. Im Gegentheil ist die Centralkommission in den acht oder neun Jahren, die sie unter verschiedenen

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