Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 89 (13.11.1890)
- Date
- 1890-11-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1601 erleiden würde. „Um hier nur Eines anzuführen — unsere Geschichte hatte die Wirkung, daß die Juden die Freuden und Leiden Anderer selbst in den entlegensten Ländern mitempfanden und auch werkthätiger Liebe für sie fähig waren, zu einer Zeit, wo anderwärts der Menschenliebe um so vieles engere Schranken gesetzt waren." „Ist nun in unseren Tagen das Vorbild bereits überflüssig geworden, daß auch bei der glühendsten Liebe für sein Vaterland das Mitgefühl des Menschen mit Andern über die Pfähle der eigenen Nation hinauszureichen hat?" Es klinge nicht als Vorwurf, wenn öehauptct werde, daß die Menschheit unter der Herrschaft der monotheistischen Tochterreligionen das Ideal der Culturentwickelung, das der Prophet mit so erhabenen und zugleich so lieblichen Worten gezeichnet, weder erreicht hat, noch gegenwärtig demselben besonders nahe sei." „So lauge aber," fährt Redner fort, „die Menschen, die Menschheit dieses Ideal nicht erreicht hat, fällt dem Judenthume die Aufgabe zu, ihm zuzustreben, und die Fähigkeit die Erreichung dieses Zieles fördern zu helfen, wohnt dem Judenthume vermöge seiner Lehre und seiner Geschichte unzweifelhaft inne." Weil das Verständniß für die Culturmission des Judenthumes, wie für den ceremoniellen und dogmatischen Inhalt desselben geschwunden, glauben sich viele Juden vor die Frage gestellt zu sehen, ob sie nicht ihre Kinder zum Christenthume übertreten lassen sollen. Die in jüngster Zeit veröffentlichte Statistik der Uebertritte gereiche dem Judenthume zur Schmach, die sich weder direct, noch indirect mit der antisemitischen Bewegung entschuldigen lasse. „So verdammenswerth dieselbe war und ist — um wie vieles furchtbarere Leiden hatten unsere Vorfahren zu bestehen." „In jenen Zeiten wurden die Reihen der Juden durch Scheiterhaufen decimirt. das ist ein Ehrendenkmal in unserer Geschichte, heute wird unsere Zahl durch die Taufe gelichtet, das ist ein Schandmal!" Und diese Schmach werde nicht kleiner, indem mit der Taufe heute ein ungemein anwidernder Schacher getrieben werde. — Die Taufe der Kinder findet Redner im Widerspruch mit unserer Aufgabe, unsere Kinder sittlich zu erziehen. „Gewissenhafte Eltern hüten ihre Kinder vor nichts eifriger, als vor der Unwahrheit." „Mit der Taufe aber schaffen die Ellern in ihren Kindern das Bewußtsein, daß sie einen Glauben beschworen haben, ohne an denselben zu glauben." „Gedeihen solche Kinder sittlich, so haben die Eltern keinen Theil an dieser Entwickelung; wenn sie sittlich verkommen, tragen hingegen die Eltern die volle Verantwortung dafür, die ihrer Eitelkeit, ihrem Ehrgeiz oder ähnlichen unsittlichen Motiven ihre Kinder zum Opfer darbringen." Redner geht nun zur Erörterung der zweiten Frage über, durch welche Mittel wir die Kinder dem Judenthume erhalten sollen. Auch hier lägen die Dinge für den strenggläubigen Juden leichter, der seine Kinder durch das Ceremonialwesen seßle, das gerade Kinder anmuthe und an den angestammten Glauben binde. Um vieles schwerer sei die Aufgabe für die Kreisewelche die A u s ü b u n g der Gesetze von sich abgestreift. Diese Gegner des jüdischen Ceremonialwesens dürften um so weniger in den Fehler verfallen, in ihrem Hause fremde Religionsbräuche zu pflegen. „Für jüdische Kinder einen Christbaum anzuzünden, ist eine Nachäffung, die in jedem Falle verdammenswerth bleibt." Die Rechtfertigung, daß es sich hierbei um einen heidnischen Weihnachtsbaum handle, beschönige diese Gesinnungslosigkeit gar nicht, da sich kein ernstlicher Grund dafür anführen lasse, daß wir Inden zu den Sitten des Heidenthums zurückkehren. Aber der Redner will endlich positiver sagen, was wir unfern Kindern schuldig sind. Zunächst, meint derselbe, hätten wir die Kinder mit Fähigkeiten auszurüsten, den Angriffen entgegenzutreten, Dte gerade vor Kindern so oft gegen das Judenthum gerichtet werden. Unsere Kinder sollen die guten Lehren des Judenthums kennen, und sollen diejenigen zu widerlegen verstehen, die das Gegentheil in die Welt hinaustragen. Sie sollen auch um die guten Eigenschaften der Inden Bescheid wissen und die Quelle der schlechten, noch nicht ganz abgestreiften Gewohnheiten in der tausendjährigen Verfolgung erkennen, welche die Ahnen derjenigen verschuldeten, die uns heute mit Vorwürfen überhäufen. Und wenn die Juden, trotz einschränkender Gesetze, die Hinneigung zu wohlanständigen Erwerbszweigen und zn idealsten Berufen bekundeten, so ist das allein das Verdienst ihrer unsterblichen Meister, deren Vorbild ihnen selbst in der Nacht drückender Knechtschaft nicht verdunkelt wurde. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, im November. Es ist ein Akt der Dankbarkeit, auf eine Persönlichkeit hinzuweisen, deren rabbinische Wirksamkeit es verdient, die Anerkennung weiter Kreise zu finden. Während eines längeren Aufenthaltes zu Wiesbaden in diesem Herbste hatte der Unterzeichnete die