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Der Israelit · 1890-11-13 · Heft 89 (13.11.1890) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 89 (13.11.1890)
Date
1890-11-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1600 schriebenen, welche am besten geeignet sind in das Gemüth eines Volkes Eingang zu finden und in sein Wesen ganz etnzudringen, deßhalb verordnet auch die Bibel alle die hier angeführten sozialenPflichten zwischen Armen und Reichen als gottg efälligeSittengesctze, durch deren Ausübung man sich Gottes Liebe und Gnade erwirbt; sie werden anempfohlen als Sitten und Bräuche, welche im Hebräerstaate zur Gewohnheit werden sollen, um dadurch die gesellschaftlichen Gegensätze in demselben nach Möglichkeit auszuglcichen. Um dieses Ziel zu erreichen, stellt die Bibel als leitendes Prinzip für die sozialen Pflichten, welche sie vorschreibt, die all ge meine Pflicht zur Arbeit auf, welche alle Glieder in der Gesellschaft gleichmacht, und welche gar keinen Unterschied zwischen arm und reich zuläßt. Die Arbeitsamkeit ist nicht nur eine Pflicht für den, der ihrer zum Lebensunterhalt nöthig hat, sondern auch für den, der ihrer nicht bedarf. Die Arbeit hat außer ihrem objectiven auch einen subjectiven Werth; sie hat einen moralischen, sittlichen Werth. Um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, geht der Wilde auf die Jagd oder auf Raub aus. Ist für den Augenblick der Hunger gestillt, so verbleibt er so lange in Unthätigkeit und Trägheit bis ihn das Bedürfniß des Augenblickes wieder zur Arbeit zwingt. Ganz anders ist es mit dem Culturmenschen, er ist nicht blos für sich auf der Welt, sondern auch für die Gesellschaft, und jeder Einzelne in der Gesammtheit hat die Pflicht dem Andern zu helfen und ihn zu ergänzen. Die Arbeit wird unter Alle vertheilt; jeder muß seine Anlagen und Fähigkeiten in irgend einer Arbeitsleistung zur Wohlfahrt Aller bekunden; sowohl der Herr als der Diener, sowohl der Reiche als der Arme, alle sind zur Erfüllung ihres Berufes in der Gesammtheit gleich verpflichtet. Keine Arbeit darf geringgeschätzt werden, sie erniedrigt ebensowenig den Höchsten wie den Niedrigsten, weil sie nicht allein bestimmt ist dem Arbeitenden allein zu nützen, sondern der Gesammtheit und Allen gleich zu dienen. Was oder wie gearbeitet werden soll, kommt hier nicht in Betracht, denn das bleibt der unantastbaren persönlichen Freiheit anheimgestellt, sondern nur daß Jeder in der Gesellschaft die gleiche Pflicht hat zur Arbeitsamkeit, etwas zu thun, zu leisten, zu schaffen, zu streben und zu wirken zum Wohle der Gesellschaft. Die Arbeitssamkeit ist das höchste Prinzip, worauf die soziale Gleichheit beruht, die Trägheit aber, welche nur aus Zwang oder Nothwendigkeit die Arbeit zuläßt, bringt nothwendig auch alle Gegensätze in der Gesellschaft hervor, wodurch sich reich und arm strenge von einander scheiden; weil die allgemeine Arbeitspflicht kein Ansehen der Person kennt, und der Reiche in dieser Pflicht dem Armen gleichgestellt wird, wird der Elftere genöthigt den Letzteren als seinesgleichen zu betrachten, und das Muß desselben ebenso zu achten, wie das Soll, welches ihm selbst auferlegt wird. Aus alldem geht deutlich hervor, daß sowohl jede Arbeit, als auch jeder Arbeiter moralisch vollkommen g le ich ge sch ätz t und gleichw erthig ist, und darum ist auch die allgemeine Arbeitspflicht das oberste Prinzip, von welchem alle Pflichten, welche zur allgemeinen sozialen Gleichheit führen, ausgehen müssen. In Gegensatz zu den Anschauungen der Egypter, Griechen und anderer antiken Völker, welche die Arbeit als entehrend und entwürdigend hinstellten, betrachtet sie daher die Bibel als den höchsten Zweck, als die ed elfte Be st im mung des Menschen, durch welche er erst zu einem auf sittlicher Höhe stehenden Wesen wird. (Fortsetzung folgt.) Was find wir unfern Kindern fchuldiz? Berlin, 5. November. Dieses Thema beleuchtete Herr Redacteur Wiener in dem „Verein für jüdische Gemeindcinteressen", dessen Mitglieder erschienen waren, um nach dem wissenschaftlichen Theil die Neuwahlen vorzunehmen und über die Geschäftsführung zu discutiren. Ehe der Redner sein eigentliches Thema behandelte, stellte er die Frage, ob wir das Judenthum fortbeftehen und unsereKinüer dem Judenthum erhalten zu sehen wünschen. Der religiös denkende Jude kenne allerdings diese Zweifel nicht. Jndeß müßten wir auch mit den religiös Emancipirten rechnen, denn auch die — außerhalb des Judenthums stehend — einer objectiven Würdigung desselben fähig sind, sollten zugeben, daß der Untergang des Judenthums ein schwerer Verlust für die Culrur wäre. Denn das Judenthum vertrete in unseren Tagen den reinen Glauben und dürfe darum nur der größer« nicht einer kleineren Wahrheit das Feld räumen*). „Daß sich das Judenthum gegen die um so vieles überlegenere physische Macht behauptet hat, verdankt es den geistigen Mitteln, mit denen cs gefochten hat." In diesem geistigen Kampfe habe es Kräfte und Fähigkeiten erworben, durch deren Preisgeben die Cultur eine schwere Einbuße *) Glaubt Herr Wiener, daß es noch eine größere Wahrheit geben könne, als die Offenbarung auf dem Sinai? Red.

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