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Der Israelit · 1890-11-10 · Heft 88 (120.11.1890) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 88 (120.11.1890)
Date
1890-11-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1598 Schuldigkeit. Sie reichten Berichte ein, auf Grund deren eine später gebildete Hauptkommission die in diesen Monaten angekündigten Gesetze ausgearbeitet hat, welche die russischen Juden entweder in Rußland begraben oder aus Rußlaud fortschaffen sollen. Man war in seiner Weise logisch vorgegangen. Man hatte die Juden Bestien vorgeworfen. Man hatte aus dem vergnügten Zuschnappen der Bestien auf eine Verschuldung der Opfer geschlossen. Man hatte dallach die gefolgerte Schuld deliberirend und resolvirend in eine behauptete verwandelt, und ihr schließlich Maßregeln entnommen, die die Juden, soweit sie nicht auswandern oder bestechen können, dem Hungertode in den Westprovinzen oder Sibirien preisgibt. Die neuen in Aussicht genommenen Gesetze laufen noch ungleich mehr als die früheren darauf hinaus, den Juden die Arbeit zu verbieten und diejenigen, die ungesetzlicherweise arbeiten und sich ernähren wollen, zu deportiren. Warum? Was ist der Anlaß einer Steigerung, welche die Natur des russischen Staates in so ungenirter Nacktheit enthüllt? Was ist die Ursache einer Excentricität, welche die geliebten drastischen Mittel in so unvorsichtigen Dosen verschreiben läßt, daß sogar der Kredit darunter leidet? Der Kredit, das einzige, an dessen Achtung dem Russenthum in diesem Moment der eiligsten und umfassensten Rüstungen gelegen ist? Der Kredit, dessen Erschütterung die neuen Gesetze telegraphisch abzulügen zwang, während sie bereits in der Durchführung begriffen waren? Auch abgesehen davon, daß sie die Klimax der für die allgemeine menschliche Psychologie so lehrreichen antisemitischen Bewegung enthalten, sind diese Fragen für die Kenntniß russischen und jüdischen Wesens, russischer innerer und äußerer Politik gleich bemerkenswert^. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 8. Nob. Die „Nation" berichtet in eingehender Weise den Fall Stöcker und kommt dabei auf den Antisemitismus zu sprechen, worüber sie sich wie folgt äußert: Scheint aus diesen einzelnen Thatsachen auch hervorzugehen, daß der Antisemitismus sich nicht mehr einer besonderen Verhätschelung zu ersreuen hat, so sind wir damit in Deutschland der Krankheit doch nicht ledig. Das Unkraut, das Fürst Bismarck üppig aufschießen ließ und das Herr von Puttkamer mit kundiger Hand als konservative Nutzpflanze pflegte, es stirbt noch nicht sogleich dahin, wenn die Zeit auch weniger günstig ist. Das Gift hat sich zu fest in Deutschland eingeniftet, und es wird daher anhaltender und eifriger Anstrengungen aus der Bevölkerung bedürfen, um auch diese Folgen des Bismarck'schen Regiments allmählich zu beseitigen. Der Antisemitismus, der so große moralische Vernichtungen in unserer Bevölkerung angerichtet hat, findet heute seinen stärksten Rückhalt in den gesellschaftlichen und populären Vorurtheilen und in kleinlichem geschäftlichen Konkurrenzneid. Gegen diese Mächte zu kämpfen, ist aber nicht mehr eine reine politische Ausgabe, und soll diese Aufgabe gelöst werden, so müßten sich daher zu zielbewußter Thätigkeit alle jene Elemente Deutschlands zusammenschließen, die es eines Kulturvolkes allein für würdig erachten, daß der einzelne Bürger wegen seiner schlechten Handlungen und nicht wegen seiner Religion und Abstammung verachtet und zurückgesetzt wird. Berlin, 28. Oetober. Im Kreise Landsberg- Soldin ist am Samstag der freisinnige Kandidat, Kammergerichtsrath Schröder in Berlin, mit etwa 9000 Stimmen gegen 7200 konservative und 250 sozialdemokratischen zum Reichstagsabgeordneten gewählt worden. Bei dieser Wahl hat sich wieder gezeigt, daß der Antisemitismus mehr und mehr zum Rettungsanker für die Konservativen wird. Mit welchem Erfolg sie in die Schule der Pickenbache und Genossen gegangen sind, mag folgende Stelle aus einem ihrer Wahlaufrufe gegen Herrn Schröder beweisen: „Sind diese Herren (die Freisinnigen), die alles aufsaugen und in die eigene Lasche stecken, unsere wahren Freunde? Ja, sie halten die Freundschaft mit uns, welche der Wolf mit den Schafen übt, und doch sind viele Bauern so kurzsichtig, sie für wirkliche Freunde anzusehen.Stellen wir uns doch vor, die Leitung unserer Regierung käme in die Hände der Herren Bamberger und Richter oder gar Singer, Stadthagen und Liebknecht l Wie würden sich unsere Abgeordneten zu einer solchen Regierung zu verhalten haben? Sollen sie zu der Herabdrückung der Preise unserer Erzeugnisse, zu einer unerschwinglichen Besteuerung des Grund und Bodens, zur Herstellung des Freihandels und der Wucherfreiheit, zur Zinssklaverei des Bauernstandes und Vernichtung des Handwerkers, zu unserer Unterjochung unter einer asiatischen Rasse, zur Vertreibung des Bauern aus seinem Eigenthum, von Haus und Hof u. s. w. etwa „Ja" und „Amen" sagen? Nein, solche Abgeordnete können wir nicht gebrauchen und wollen wir auch nicht wählen. . . . Wir wollen selbstständige Staatsbürger bleiben und nicht die Zinssklaven und Arbeitsmaschinen einer asiatischen Rasse werden, in deren Adern kein Tropfen deutschen Blutes, Sinnes und Geistes rinnt; wir wollen von den Herrschergelüsten dieserMasse und ihres Anhanges, von de-

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