Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 88 (120.11.1890)
- Date
- 1890-11-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. Beilage m M 88„Israelit & Irschurun^ Leitender Artikel. Mütterchens Inden. (Aus „Die Nation.") II. Keinen Monat nach der Ermordung Alexander II. (3. März 1881) verbreitete sich in den Provinzialhauptftädten Südwestrußlands das Gerücht, der neue Zar habe seinen christlichen Unterthanen das antrittsgnädige Privilegium ertheilt, die Juden einmal recht schlachten und plündern zu dürfen. Gleichzeitig wurden gedruckte Plakate desselben Inhalts vertheilt und in den verschiedenen Orten verschiedene Anfangsdaten gesprächsweise bekannt gemacht. Da diese von der ganzen Bevölkerung erregt diskutirten Dinge nur der Polizei nicht zu Ohren gekommen zu sein schienen, machten jüdische Deputationen den Gouverneuren ihre Aufwartung und baten um Schutz. Sie wurden abschläglich beschieden. In Kiew, der Hauptstadt der Südwestprovinzen, welche unter 140,000 Einwohnern 20,000 Juden, darunter die gesuchtesten Aerzte der reichen Stadt und hundert Kaufleute erster Gilde zählt, wurde die vom Rabbiner Dr. Zuckermann geführte Deputation vom Gouverneur General Drentelen dahin beschieden, daß er wegen des Judenpacks seine Soldaten nicht belästigen könne. In Jelisavetgrad, das 10,000 Juden unter seinen 30,000 Einwohnern hat, hörte der ebenfalls vor Ausbruch der Unruhen besuchte Gouverneur die Deputation ruhig an, sagte und that nichts. Ebenso ging es anderswo. Mittlerweile waren von Kursk und anderen östlichen Gegenden, in denen die Juden nicht wohnen dürfen, ganze Eisenbahnzüge zerlumpter großrussischer Bauern mit Anführern und Geld genug in der Tasche in den westrussischen Provinzen angekommen, um, wie sie jubelnd erzählten, an der allergnädigst befohlenen Plünderung theilzunehmen. Nachdem diese Großrussen über Kiew, Charkoff, Pultawa, Jekaterinoslav, Jelisavetgrad, Krementschug und viele andere Orte vertheilt und die benachbarten kleinrussischen Bauern in die Städte gezogen waren, ging es am 27. April in Jelisavetgrad los. In der zweitägigen Bartholomäusnacht, welche die Großrussen anführten und die Kleinrussen, als sie von den Großrussen Schnaps genug bekommen hatten, gegen ihre jüdischen Bekannten freudig mitmachten, wurden in Jelisavetgrad 500 jüdische Häuser und 200 jüdische Läden zerstört, 50 Jüdinnen geschändet, ein Theil von ihnen nackt in den Straßen umhergesührt und gepeitscht, und Hunderte von Jüdinnen und Juden ermordet, verstümmelt und halb todt geprügelt. Die Truppen standen erst mit Gewehr bei Fuß dabei und thaten nachher mit. Zwanzig Soldaten entehrten öffentlich die Tochter eines alten Mannes, den sie tödteten. Das gestohlene und vernichtete Eigenthum erreichte den Werth von 2,000,000 Rubel. In Kiew, wo sich der Sturm einige Tage später entlud, wurden nach Plünderung der jüdischen Schnapsläden 25 Frauen entehrt, 4 erwachsene Juden getödtet, einem Dutzend Kinder die Hälse abgeschnitten, hunderte beiderlei Geschlechts halbtodt geschlagen und zahllose Judenhäuser geplündert. Die Truppen, die, wie ihr Befehlshaber vorhergesagt, wegen des Judenpacks nicht bemüht werden konnten, erschienen erst als der Pöbel jüdische Häuser ansteckte und dadurch griechisch-orthodoxe Baulichkeiten gefährdete. Als es vorüber war, hatten 2000 Juden alles verloren und irrten obdachlos umher, während die 18,000 anderen mehr oder minder geschädigt waren. Odeffa, dessen Exzesse nur 6 Stunden dauerten und, da die Juden sich wirksam mit Revolvern vertheidigten, blas 2 Morde, 11 Schändungen brachten, erlitt eine von der Polizei auf 1,200,000 Rubel, von den Juden auf 3,00,000 Rubel geschätzte Einbuße. Dieser Betrag war vernichtet oder den Juden, die jähr 100,000 Rubel städtische Steuern zahlen, gestohlen worden. In Smiatoff, wo 1600 jüdischen Familien alles genommen und viele Männer, Frauen und Kinder gemordet wurden, griff das Gouvernement besonders thätig ein, indem der anwesende Oberbeamte 36 Juden, die dem Pöbel entflohen waren, aufzugreisen und vor seinen patriotisch beschäftigten Landsleuten auszupeitschen befahl. In Orjechoff, einer der bei dieser Gelegenheit vernichteten jüdischen Ackerbaukolonien, wurden die Plünderer von Polizeibeamten in Uniform geführt, trieben 500 Rinder und 10,000 Schafe weg und schlugen die Hütten in Stücke. Als Probe der Details wird dies genügen. Nach der Schätzung der Londoner „TimeS", welche die genauesten Nachrichten aus eigenen und englischen amtlichen Quellen erhielt, waren die Juden in 160 südweftrussischen Städten und Märkten dieser mongolischen Vesper unterworfen worden, waren tausende ermordet, gefoltert und verstümmelt, hunderttausende ausgeraubt und an zehntausend über die Grenze getrieben worden.*) Der Gesammtschaden wurde auf 10,000,000 *) Durch den Hohn deS Schicksals war ein beträchtlicher Theil der betroffenen Juden nicht jüdischen, sondern desselben