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Der Israelit · 1890-11-10 · Heft 88 (120.11.1890) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 88 (120.11.1890)
Date
1890-11-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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15ÖÖ überblickte. Er begann zu den Arbeitern zu sprechen und sein schönes Organ füllte den ganzen Saal aus, so daß keines seiner Worte verloren ging. „Meine Brüder und Freunde!" so begann er. „Eine unfreiwillige Feier versammelt uns heute, und sie soll uns Gelegenheit geben, uns etwas über die Lage der Arbeiter, über unsere Lage zu unterhalten. Wir sind Arbeiter und arbeiten gerne, wenn wir durch unsere Arbeit uns ein menschenwürdiges Dasein bereiten können. Das ist aber nicht der Fall. Der Segen der Arbeit kommt uns nicht zu, sondern den Fabrikherren, den Kapitalisten. Wir haben bei unserer schweren, den Körper und die Gesundheit aufreibenden Thätigkeit kaum das tägliche Brod für uns und unsere Familien, während jene in Nichtsthun sich mit dem Schweiße unserer Arbeit mästen. Und welchen Dank haben wir dafür? Bei der geringsten Nachlässigkeit jagt man uns zum Teufel, ohne danach zu fragen, was aus uns wird. Zwei Eurer Kameraden sind gestern stellen- und brodlos geworden. Was fragt der Jude danach? Er sitzt auf seinem Bureau und heimset den Gewinn ein, während Ihr in der Fabrik die giftigen Gase einathmet und nicht einmal Euren erschöpften Leib durch einen Schluck Branntwein stärken sollt." („Bravo! Wir wollen Branntwein!" jauchzte man dem Redner von allen Seiten entgegen.) „Das sind die traurigen Zustände, in denen Ihr Euch befindet. Zum größten Theil sind jedoch die Juden daran Schuld. Sie sind die Vampyre, die uns das Blut aussaugen. Oder ist einer von Euch, der den Juden nichts schuldet? Müssen wir ihnen das geliehene Geld nicht mit hohen Zinsen zurückgeben? Sie sind es, die sich nach und nach in Besitz des ganzen Kapitals setzen werden, wenn der Czar in seiner Heiligkeit**) nicht **) Der Czar ist zugleich das Oberhaupt der russischen Nationalkirche. ihre Freiheiten beschränken würde. Aus einem Theile seines Reiches hat unser Väterchen, der Czar, sie schon vertrieben, bald wird im ganzen heiligen Rußland auch nicht ein einziger mehr sein. Warum aber wollt Ihr warten, bis unser Väterchen die Juden vertreibt? Könnt Ihr das nicht selbst? Bedenket, wie viel Geld, wie viel Branntwein Ihr finden würdet, wenn Ihr sie heute noch zum Teufel jagen würdet! Die Stelle, die der Jude in der Fabrik hat, gebührt einem von uns. Wir werden Eure Löhne erhöhen, Eure Arbeitszeit abkürzen, da wir uns mit einem geringeren Verdienst begnügen und den größten Theil des Gewinnes den Arbeitern zukommen lassen würden." So sprach der Redner fast eine Stunde lang, die Habgier, die Unzufriedenheit, alle anderen widrigen Leidenschaften aufstachelnd. Als er geendet, tönte ihm frenetischer Beifall entgegen und die Rufe: „Fort mit den Juden!" wurden laut. Ein anderer Redner trat auf und baute auf dem gut vorbereiteten Boden weiter. Er forderte die Arbeiter direct auf, die Juden zu vertreiben, ihre Häuser zu zerstören und ihre Habe zu theilen. Die Aufregung, durch den Genuß von Branntwein noch gesteigert, hatte ihren Höhepunkt erreicht. Die Menge war zu jedem Verbrechen bereit, da bestieg der Pfarrer, ein alter, ehrwürdiger Herr, das Faß. Bet feinem Anblick riefen einige der Aufgeregtesten: „Was will der Pfaffe hier? Hierist keine Kirche. Er hälts mit den Juden! Wir wollen ihn nicht hören." Sie wurden von den anderen überschrien, die da riefen: „Nein, der Pfaffe soll reden. Er meints gut mit uns. Auf seinen Rath wollen wir hören." Ein wüster Tumult erhob sich. Einige der größten Schreier wurden an die Luft gesetzt und nachdem etwas Ruhe eingetreten war, begann der Pfarrer. (Fortsetzung folgt.) „JSraelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, MontagS und Donnerstag-, jedeSmal in mindestens S Bogen. Preis deS Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'S Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel ftt beziehe» bei E. F. Kleinacker, Leipzig, Moßplatz 18. — Inserate 25 Pfennige die breigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einptfende«. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Zur Ausgleichung der socialen Gegensätze in Bibel und Talmud. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Alzey. Berlin. Rödelheim. Hannover. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Budapest. — Rumänien: Bukarest. — Rußland: Mohilew. — England: London. — Vermischtes. — Feuilleton: Gofrith momelach. Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Mütterchens Juden. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Berlin. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Prag. — Frankreich: Paris. — Vermischtes. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu eine Beilage.

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