Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 88 (120.11.1890)
- Date
- 1890-11-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448107--31023-2478803- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1589 staltet und dazu zahlreiche Ehrengäste eingeladen — nur nicht den Rector der Universität, Hrn. Prof. Bernstein, der bekanntlich Jude ist. Mit dem Rektor waren aber auch sämmtliche anderen Mitglieder der Universität ferngeblieben; nicht der jüngste Privatdozent konnte als Vertreter der Universität erachtet werden und die sonstigen Ehrengäste, einige Pastoren, ein Generalmajor a. D. :c. vermochten natürlich den fehlenden Glanz der akademischen Kreise nicht zu ersetzen. Karlsruhe. Nach der badischen ..Landpost" ist an die Senate der beiden badischen Universitäten ein Ersuchen ergangen, jedes Semester die Studenten, die antisemitische Agitation betreiben, oder mit Antisemitenführern stetig verkehren, der Regierung namhaft zu machen. Soviel ist also gewiß, daß die Regierung und die Universitätssenate dem antisemitischen Treiben im Allgemeinen und speziell unter Studenten aus die Finger sehen. Es ist der Antisemitismus erst in den letzten Jahren in lebhafter Weise aus Norddeutschland importirt worden und kannte man ihn hier kaum, bevor Stöcker in Berlin sein wüstes Treiben losließ. Aus Süddcutschland, 28. Oktober. Die oberhessische Luft muß etwas ganz Besonderes an oder in sich haben zur Förderung des Antisemitismus, denn die Erzählung von Reservisten, welche die Herbstübungen der 22. Division im Hessischen mitmachten, lassen solche Bermuthung zu. Von einem Hauptmann deS 32. Regiments wirb erzählt, baß er in brr Nähe eines kleinen SeeS sagte „alle Judenbengels müßten da in den See geworfen werden, damit die Brut ausgerottet würde." — Von Schimpfnamen aller Art zu sprechen ist kaum nöthig und jüdische Soldaten statt beim Namen nur „Jud" oder „Handelsjnd" zu rufen, soll häufig vorgekommen sein. Ein Reserveosfizier (im Civilverhältniß Assessor oder Referendar) sagte von seinen jüdischen Untergebenen: „Wenn die Stinkatores den blauen Rock anhaben, dann wissen sie gar nicht mehr, wer sie sind." Es wäre doch wohl angebracht, wenn alle derartigen Vorkommnisse in ein Tagebuch eingetragen und veröffentlich würden, oder besser noch, wenn sie im Reichstage zur Sprache gebracht würden. Das „Reichsblatt" bemerkt zu vorstehender Mittheilung: „Wir glauben, daß sich in solchen Fällen nur die Rohheit dokumentirt, welche unter der Regierung Bismarcks nach berühmten Mustern in den „nationalen" Kreisen emporgewachsen ist, aus denen sich die Reserve- und ein Theil der aktiven Offiziere in neuerer Zeit rekrutirt. Diese Rohheit ist in diesen Kreisen einmal Modesache. Wer sie nicht mitmacht, steht heute für diese möglichst die näselnde Sprechweise der Gardelieutenants nachahmende Gesellschaft gar nicht auf der „Höhe der Zeit." Als Friederich Wilhelm IV. im Jahre 1840 auf seiner Reise nach Königsberg i. P. durch Landsberg kam, dessen erster Gasthausbesitzer jüdischen Glaubens war, äußerte ein Mitglied des Magistrats dem Monarchen gegenüber, daß matt Anordnung getroffen habe, Sr. Majestät eine andere Wohnung einzuräumen; aber der König entgegnete: „Es ist mein Wille, da zu wohnen, wo auch mein seliger Vater gewohnt hat. Ich denke zwar nicht daran, den jüdischen Gasthofbesitzer znm Christen zu machen, fürchte aber auch nicht, von ihm zum Juden gemacht zu werden!" Paris. Der russische Großindustrielle A. Brodski ist zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden. Amsterdam. Unser Glaubensgenosse Major R. Buena de Mesqnita, Kommandant der Milizen in Paramaribo, ist in den Ruhestand getreten, aus welchem Anlasse ihm vom General- Gouverneur Savornin-Lohmann der offizielle Dank für „die hervorragenden Dienste, welche er dem Staate geleistet," ausgesprochen wurde. Bukarest. Am 14. v. Mts. fand hier die Einweihung der neuen portugiesischen Synagoge statt, welcher seitens der Behörde der Finanzminister und der Oberst Algia Namens deS Polizei-Präfekten anwohnten. Rom. In der Tiber wurde eine silberne Platte mit hebräischen Schriftzeichen aufgefunden. ProfessorAseo li, der berühmte Philologe, welcher mit der Untersuchung betraut wurde, erklärt, daß die Inschrift biblische Benediction enthalte, unter-en mischt mit Namen, welche nicht hebräisch sind, obwohl dieselben mit hebräischen Charakteren geschrieben erscheinen. — Ein weiterer Fund wurde im Districte von Trastevere gemacht, Inschriften von einem alten israelitischen Friedhofe, vermnthlich aus dem 16. Jahrhundert, da im Jahre 1625 den Juden die Aufstellung von Grabsteinen verboten wurde. Professor Guibi hat aus den Inschriften Namen von Familien gefunden, welche noch in Rom existiren. Tanger. Unter den 563 marokkanischen Unterthanen, die unter fremdem Protectorate stehen, sind 103 Israeliten, die den Nationalitäten nach sich verthcilen in 25 Franzosen, 4 Deutsche, 6 Oesterreicher, 2 Belgier, 4 Dänen, 26 Nordamerikaner und 36 Italiener. Constantinopel. Der Sultan hat unsere Glaubensgenossen : Dr. Isaak Pascha Molcho, Chef-Arzt der Marine, mit dem Medjidie - Orden zweiter Klasse, Rabbiner Salomo Fresko mit dem Medjidie-Orden dritter Klasse, die Herren Chiskia Ehatim und Isaak Gabbai mit dem Medjidi-Orden vierter Klasse und Herrn Felix Bloch, Direktor der Commando-Schule mit dem Medjidie-Orden fünfter Klasse ausgezeichnet. Gofrith womelach. Novelle von Dr. Ossip Duchowetzky. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Lange vor der festgesetzten Stunde hatte sich der Schalasch*) mit Arbeitern gefüllt. Einzelne fremde Arbeiter, deren Erscheinen manchen unerwartet war, blieben bald bei diesen, bald bet jenen stehen und sprachen dann eindringlich auf die Betreffenden ein. Der Saal konnte die Erschienenen kaum fassen. Eine erdrückende Hitze herrschte in dem Raum und dumpfe Schwüle lagerte über den Gemüthern. Vor einem Tische stand ein kleines Faß, auf welches sich nun die Blicke Aller richteten. Kurz vor der festgesetzten Stunde betrat der Pfarrer den Saal. Man machte ihm bereitwillig Platz und so gelangte er fast bis zum vorderen Tische. Endlich schlug die Stunde. Tiefes Schweigen legte sich über die Versammlung, als der erste Redner, ein Fremder, die Nednerbühne bestieg. Es war ein schmächtig aussehcnder Mann mit regelmäßigen, fast schönen, durchsichtigen Zügen. Sein dunkles Auge blitzte auf, als er die zahlreich Erschienenen *) Hölzerne Halle, die in Rußland für VersammlungSzwecke in kürzester Zeit aufgefchlagen wird.