Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 88 (120.11.1890)
- Date
- 1890-11-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1588 : - >= -t'wvv1- --:r 1 i; /■ bald es sich in der That Herausstellen sollte, daß die in Frage stehende Straße, wenn auch nur um einige Fuß, aus den für die Juden festgesetzten Grenzen des Ghetto in das ihnen verbotene Territorium sich erstreckt. Nun begannen geographische Nachforschungen, ob die Barabanowstraße des Marktflecken Chotinsk sich auf Mohilew'schem oder Smolenskischem Boden befindet. Wenn es sich nicht um das Wohl und Wehe von ein paar hundert armer Menschen gehandelt hätte, so könnte man die Anregung einer solchen Frage urkomisch finden. Kann eine Straße eines Städtchens, das seit undenkbaren Zeiten zum Gouvernement Mohilew gehört, plötzlich zu einem andern Gouvernement gehören? Doch Habgier einerseits — Antisemitismus und Käuflichkeit anderseits kann auch das Unmögliche möglich machen. Die Pläne der Vermessungs-Kommission gaben keinen Aufschluß, aber zwei Gouvernementslandmesser erklärten, daß die Barabanowstraße auf Smolenskischem, also auf für die Juden verbotenem Gebiete liege. Den unglücklichen Bewohnern der Straße droht Ruin. Vergeblich erklärten sie, daß sie seit undenkbaren Zeiten Steuern und Abgaben an die Mohilewer Gouvernementsbehörde gezahlt und daß sie folglich jetzt nicht einem andern Gouvernement zugetheilt und dadurch an den Bettelstab gebracht werden können. Die Juden wollen sich an den Senat, die höchste Gerichtsinstanz des Reiches, wenden, in der Hoffnung, daselbst Schutz gegen eine derartige unerhörte Vergewaltigung zu finden. Seit der Thronbesteigung Alexanders III. sollen nicht weniger als 270,000 Juden aus Rußland ausgewiesen worden sein. Die meisten sind nach Amerika gegangen. England. London. Bei dem zu Ehren des Lord-Mayors von London im Rathaussaale zu Manchester veranstalteten Banquett sprach Rabbiner Dr. Salomon auf Ersuchen des Bürgermeisters von Manchester das Tischgebet. Dr. Salomon rccitxrte den ersten Theil des nach Mahlzeiten üblichen hebräischen Tischgebetes in kurzer englischer Uebersetzung. Indem der Bürgermeister einen jüdischen Priester einlud, das erwähnte Gebet zu verrichten, wurde er ohne Zweifel von dem Wunsche bestimmt, Herrn Jsaacs, dem Lord-Mayor von London, eine Huldigung darzubringen. Eine solche Handlungsweise ist jedoch nicht nur ein Act der Höflichkeit, sondern auch die Documentation einer liberalen Gesinnung. Vor einigen Jahren ereignete sich ein ähnlicher Fall im Club der Liverpooler Künftlerschaft, als diese zu Ehren des Lord Houghton ein Diner gab. Bei dieser Gelegenheit wurde der Rabbiner Mourris Joseph, einer der geladenen Gäste, von dem Vorsitzenden äufgesordert, das Tischgebet zu sprechen. Mr. Joseph willfahrte dieser Bitte und recktirte eine kurze Gebetformel in englicher Sprache, gerade so, wie dies vor einigen Tagen Dr. Salomon that. Aber hierzulande pflegt es nicht oft vorzukommen, daß jüdische Geistliche in andersgläubigen Versammlungen aufgefordert werden, ein Gebet zu sprechen. In den vereinigten Staaten ereignen sich solche Fälle öfter. Selbst der Congreß in Washington wurde schon mehr als einmal mit dem Gebete eines Rabbiners eröffnet. > Vermischtes. < Aus Rheinhessen. Der Reichstagsabgeordnete Dr. Ludwig Bamberg er hat zur inneren Einrichtung der neu errichteten Bürqerschule zu Ober - Ingelheim die Summe von 3000 Mk. gespendet. Oberhaufen. Die „Elberfelder Ztg." schreibt: Eine Radauversammlung, wie wir sie hier in Elberfeld trotz aller Socialdemokraten noch nie gehört und gesehen haben, war die am Samstag, den 25. Okt., hier stattgehabte, von Antisemiten veranstaltete Kundgebung gegen die „Auswüchse des Judenthums." Von vornherein war man auf große Unruhen gefaßt und auch die Polizei schien solche erwartet zu haben, denn außer zwei Commissären, welche die Versammlung überwachten, war eine kleine Polizeimacht aufgeboten, die jedoch nicht in Thätigkeit zu treten brauchte. Der Leiter der Versammlung wai' der bekannte Antisemit Dr. med. König aus Witten, der zunächst ein Hoch auf den Kaiser ausbrachte, bei dem die anwesenden 50 Socialdemokraten, welche die nächsten Tische vor dem Rednerpult mit Beschlag belegt hatten, ruhig auf ihren Plätzen sitzen blieben. Dies gab Dr. König Veranlassung, sie vor Speklakelmacherei und etwaigen Versuchen, die Versammlung zu sprengen, zu warnen. „Wir wissen ja jetzt, wo Sie sitzen," waren eiwa seine Worte, „es wird uns nun, falls Sie sich ungebührlich betragen sollten, das Rausschmeißen leichter werden." Die Bemerkung guittirten die Socialdeinokraten mit so wüstem Lärmen und Toben, daß man fast eine Viertelstunde lang sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Nachdem sich der wirklich unbeschreibliche Radau etwas gelegt hatte, ergriff der Antlsemitenführer Liebermann v. Sonnenberg, der in Begleitung mit König-Witten das Rheinland bereist, das Wort zu dem sich gestellten Thema: „Was ill Judenfrage?" Auf die unsinnigen Ausführungen wollen wir nicht näher eingehen, sondern nur bemerken, daß der Redner von seinen Anhängern oft Beifall, von seinen Gegnern, und besonders von den Freisinnigen und Socialdemokraten, aber nur Schmährufe und Widersprüche erntete. Oftmals war der Spektakel wahrhaft ohrenbetäubend, zweimal sah man im Hintergründe des Saales einen Menschenknäuel sich hermnwälzen und es schien durch die mit Tabaksdunst dichtgeschwäugerte Athmosphäre, als wenn einige Personen auf handgreifliche, unsanfte Art an die frische Lust befördert würden. An der nach dem Vortrage stattgesnndenen Discussion betheiligten sich der bekannte Freidenker Dr. Rüger, Stadtverordneter Evertz und einige Socialdemokraten, welche dem Antisemitenführer gehörig die Wahrheit sagten und von dem größten Theil der Versammlung lebhaft applaudirt wurden. Die Versammlung wurde Nachts um 12 Uhr mit dem Liede: „Deutschland, Deutschland, über Alles" geschlossen, während dir Socialdemokraten unter Absingen der Arbeiter-Marsallaise den Saal verließen. Halle a. S., 30. Oct. Der hiesige Verein deutscher Studenten hat den Ehrentag des Feldmarschalls Moltke dazu benutzt, um seinen antisemitischen Allüren Ausdruck zu geben. Der Verein hatte zu gestern Abend euren Moltke-Commers veran-