Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 87 (6.11.1890)
- Date
- 1890-11-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1673 kerung leicht anschließen würden. Die scheinbar wohlwollenden Absichten dieses geräuschvoll publizirten Gesetzes wurden indeß baldigst durch geheime Verordnungen mors Moscovitico zu Nichte gemacht. Indem Man unter der Hand verfügte, daß die Ueberstedelung jüdischer Handwerker nur unter Zustimmung der betreffenden russischen Zunft erfolgen dürfe, verwandelte man den wichtigsten Paragraphen des ganzen Ukases in eine Phrase; während was die Kaufleute erster Gilde betrifft, die wenigen, die die Juden produzirten, sich immer zu helfen wußten, und von Studirten die Uebersiedelungserlaubniß nur Aerzten und Advokaten zu gute kommen konnte, so lange kein Jude ein Regierungsamt bekleiden kann. Wirksamer war die Oeffnung der mittleren und höheren Schulen, die, trotzdem nur zehn Juden im ganzen Reiche angeftellt sind, schnell einen unverhältnißmäßig hohen Prozentsatz aufwiesen und deßhalb — die einzige wirklich gewährte Konzession — bet eintretender Reaktion praktisch wieder geschlossen wurden. Ebenso erneuerte der liberale Kaiser ausdrücklich das Gebot seines Vorgängers, daß Juden, die Ackerbau treiben wollten, dies nicht in christlichen Dörfern, überhaupt nicht in der Nähe christlicher Wohnorte, sondern nur in gesonderten, rein jüdischen Kolonien thun dürften. Da die Juden Land weder kaufen noch pachten, also nur von der Regierung zur Kolonisation angewiesen erhalten können, mehrere in Südrußland und Sibirien gemachte Versuche dieser Art aber an der Rapacität der anweisenden und kontrollirenden Beamten gescheidert waren, so ließ diese Bestimmung jüdischen Ackerbau unmöglich. Dem ausgestellten Grundsätze treu, die Juden auszunützen, aber nicht ihnen zu nützen, erlaubte man ihnen allerdings um dieselbe Zeit Fabriken, Mühlen und Mühlengrundstücke in den westlichen Provinzen zu pachten und zu'.führen, weil die russischen Grundbesitzer, mit welchen man die polnischen theilweis gewaltsam remplacirt hatte, sonst bankerott gemacht haben würden. Der Jude und die Runkelrübe wurden in Volhynien und Umgegend bald sehr intim mit einander. Obschon selbst diesen privilegirten Pächtern die Landbanken keine Vorschüsse geben durften, gediehen sie sehr und viele andere mit ihnen. Als im Jahre 1873 die so behandelten Juden, die schon der bequemen summarischen Bestrafung wegen immer zahlreich ins Heer gezogen waren, die allgemeine Wehrpflicht auf sich ausgedehnt sahen, thaten sie das Aeußerste, um dem Lande, das sie nach offiziellen Ankündigungen nur Haffen und ausquetschen will, nicht alle ihre jungen Männer zum Sterben für den eingestandenen Feind herzugeben. Ganze Bezirke kauften sich durch Bestechung der Oberbeamten los. An anderen Orten war alles regelmäßig, ebenfalls nach der verständnißknnigen gemeinsamen Chronologie von Gemeinde, Arzt und Polizei, noch nicht 21 Jahre oder schon darüber, so daß es 21jährige Aushebbare überhaupt nicht gab. An dritten Orten einigte man sich individuell. Die höheren Behörden wurden der von ihren eigenen Untergebenen betriebenen schwunghaften Connivenz so müde, daß man in ganzen Gemeinden die Heranwachsenden jungen Menschen zu photographiren suchte, was aber auch wenig genutzt haben soll, da die gebrauchten Apparate merkwürdig fehlerhafte Bilder gaben, oder die israelitischen Jünglinge sich zwischen 19 und 21 außerordentlich stark verändern müssen. Dies ist allmählich aus dem ruhigen Leben in Polen geworden. Die Inden, die sich im Mittelalter nach Polen retteten und dort fünfhundert verhältnißmäßig ruhige Jahre genoffen, sind fett der russischen Eroberung noch schlimmer als die Polen selbst daran. Ursprünglich als Gefolgschaft des Adels gedrückt, hat der Russe sie später der Ausbeutung wegen und aus barbarischem Instinkt gepeinigt, bis er sie schließlich in ihrem Elend fürchten gelernt und in dem verzweifelten inneren Chauvinismus, der ihn neuerdings faute de mieux beherrscht, gleich Polen. Finnen, Schweden, Deutschen und den eigenen kleinrussischcn Halbvettern zu vernichten sucht. Die Frage ist seit acht Jahren akut geworden. Im März 1381 wurde Alexander H. ermordet. Im Mai, Juni und Juli deffelben JahreS ließ die russische Regierung die Juden und Jüdinnen ihrer Südwestprovinzen morden, schänden, verstümmeln, ausplündern und austreiben. Die legislative Konsequenz aus dieser einigermaßen illegitimen Prämisse will sie heute nach mehrjährigen Berathungen ziehen. Zeitungsuachrichleu und Correspoudeuze«. Deutschland. Breslau, 3. November. Herr Rabbiner Dr. Manuel Joel, geboren 19. October 1826 zu Birnbaum (Posen) hat heute Nacht das Zeitliche gesegnet. Derselbe war längere Zeit Lehrer am hiesigen Rabbinerseminar und seit 1863 als Rabbiner der hiesigen Gemeinde thätig. Er lieferte mehrere religionsgeschichtliche und religionsphilosophische Arbeiten (über Maimonides, Spinoza u. s. w.), die allenthalben die größte Aufmerksamkeit erregten. Der Verstorbene nahm eine weit versöhnlichere Haltung wie sein Vorgänger Geiger ein. Köln, 29. October. In Köln scheiterte eine geplante antisemitische Kundgebung, indem Lieder-