Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 87 (6.11.1890)
- Date
- 1890-11-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. Erste Mage M M 87 des „Israelit & Iescharun" Leitender Artikel. Mütterchens Inden. (Aus „Die Nation".") Der Antisemitismus, der in der russischen Judenfrage seine trübste und zugleich merkwürdigste Phase erreicht, geht weit zurück. Obschon in Polen der ersten freundlichen Aufnahme der Juden mancherlei Wandel und Wechsel sich anschloß, blieb doch die Lage derselben im polnischen Reiche seit dem 13. und 14. Jahrhundert, in welchem sie zuerst zahlreicher einzogcn, eine ungleich geschütztere als in Deutschland. Die Natur der polnischen Gesellschaft machte die Juden dem herrschenden Adel zu vortheilhaft, um ihnen nicht ausgiebige Schonung zu sichern. An der Grenze der Gesittung lebend und in seinem heiteren Leichtsinn nur allzusehr auf's Genießen angelegt, hatte der polnische Adel die größte Neigung, sich europäischen Bedürfnissen hinzugeben, ohne die Fähigkeit, sich die erforderlichen Mittel zu verschaffen. Zu unwissend und träge, und zu ausschließlich von Bauernsklaven umgeben, welche die Eigenschaften ihrer Herren bis zur Barbarei steigerten, war der Adel nicht in der Lage, aus seinen großen Gütern erheblichen Gewinn zu ziehen, ehe die Juden ins Land kamen. Die Juden brachten die fleißigen und verständigen Hände mit, welche dem damaligen Polen fehlten. Sie verbesserten den Ackerbau und schufen Handwerk und Handel in dem Lande, das sie nicht besaßen. Sie machten den Leibeigenen zu einem werthvollen Besitz und bildeten den gewerblichen Mittelstand, der der Nation abging. Aus ihrer aufgezwungenen deutschen Abschließung dieser unerwarteten Arbeitsgelegenheit zuströmend, wurden sie Landpächter, Landaufseher, Handwerker, Händler, Wirthe und Fabrikanten zugleich. Der polnische Boden vervielfachte seine Erzeugnisse seit ihrer Anwesenheit und der Adel, dem schier alles gehörte, wurde reich und ließ die Leute, welche ihn seine Güter benutzen gelehrt, mitleben. Die Kirche versuchte allerdings auch hier ab und zu, ihre Lehren durch Mißhandlung Andersgläubiger praktisch zu sichern, aber mit wenig Erfolg. Der irdische Vortheil, der sich in entwickelteren Ländern als Konkurrenz der Majorität gegen die jüdische Minorität geltend machte, war in Polen, das sonst keine Handwerker und Händler besaß und sie doch bedurfte, für die Juden wirksam und die geistliche Doktrin kam mithin hier gegen die ökonomische nicht dauernd auf. Mit Ausnahme von gelegentlichen Kravallen in Krakau und anderen größeren Städten, in welchen sich allmählich indigene Konkurrenz eingefunden hatte, und ein paar Kindermordimputatiönchen, die dann und wann ein halb Dutzend Hälse kosteten, blieben die Juden meist unbehelligt und arbeitberechtigt, wie nirgendwo. Sie waren an Leib, Leben und Eigenthum geschützt; hatten ihre selbstgewählten Behörden für ihre eigene innere Verwaltung; standen im Uebrigen zunächst unter der launenhaften Willkür des örtlichen Pan, wie jeder andere, konnten aber stets unmittelbar an die höchsten Krongewalten appelliren und thaten es selten umsonst. Bis zur zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, wo das Aufkommen des Protestantismus die katholische Kirche activer machte, war ihnen sogar Waffentragen gestattet. Sie waren allerdings stark besteuert und blieben bei ihrer großen Zahl und dem verhältnißmäßig geringen Gewerbe des primitiven Landes meistens arm. Bei dem Umfang, den das Reich durch die Einverleibung seiner wetten lithauischen und kleinrussischen Provinzen gewann, scheint indessen für alle Platz und nicht häufiger große Noth gewesen zu sein als in jenen Tagen überall. Galten sie als Parias und waren von Grundbesitz und politischen Ehren ausgeschlossen, so theilte mit Ausnahme des Adels und einiger weniger Bürger Jedermann im damaligen Polen dies Geschick. Trotzdem waren sie in ihrer Art in Lumpen kultivirt. Der Kenntuiß des alten Testaments und seiner bedeutenderen Kommentare, welche die Unterrichteten exakt, die Ununterrichteten in den polnischen, wie allerdings in den tausend vorhergehenden Jahren wenigstens einigermaßen besaßen, entsprang während dieser Periode eine reiche exegetische und homiletische Literatur, gefördert von einer rabbinischen Akademie in Krakau. Obschon sie sich allgemach polnisch verständigen lernten, blieb die Sprache der polnischen Juden der rhetnfränkische Dialekt ihrer alten Heimath, der heute, wo er allerdings mit vielem fremdartigen versetzt ist, so oft irrig für ihre eigene Mauschelerfindung gehalten wird. Auf andere europäische Länder vergleichsweise schauend, mochte einer ihrer Dichter in jenen Tagen wohl singen: „O Polen, königlicher Staat, in dem wir so lange in Ruhe und Genügen wohnen." Die Verhältnisse blieben im wesentlichen bis zur russischen Eroberung Polens die gleichen, um sich dann rasch zu ändern. Die Russen, die Juden bisher kaum unter sich gehabt und auch die der neuen polnischen Provinzen nicht in das alte Zarat