Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-11-06 · Heft 87 (6.11.1890) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 87 (6.11.1890)
Date
1890-11-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448106--31003-2478782
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

1570 &f)a}int in ben moralifctjen Werth der arbeitenden Bevölkerung gebracht hatte. So blühte das Unternehmen und die von der Regierung alljährlich abgesandten Revisoren fanden alles in Ordnung und konnten nur das Beste berichten. „Doch wo das Glück ein Häuschen baut, der gelbe Neid in's Fenster schaut, und siedelt sich daneben." Die scheele Mißgunst kann das Auge nicht schließen, wenn es den Menschen gut geht und will vor Verdruß schier wild werden, wenn diese Menschen Juden sind. Von Zeit zu Zeit gingen anonyme Denunciationen gegen Chajim bei den Behörden ein, denen man anfangs, da die Revisoren stets olles in Ocdnung fanden, kein Gehör gab. Bald jedoch mehrten sich diese Denunciationen und wurden ans das Gebiet der Religion geführt. Was Wunder, daß man da in Rußland, dem Lande des Antisemitismus par excellance, ans diese infamen Schriftstücke achtete. Die antisemitische Partei verstärkte sich täglich und hatte auch bald, da sie ja von Regierungsbeamten gestützt wurde, unter den Arbeitern eifrige Anhänger. Durch diese Wühlereien wurde die Unzufriedenheit der Arbeiter täglich größer und die Bewegung nahm einen für Chajim bedrohlichen Character an. Ueberall begegnete er drohenden, feindlichen Blicken und er, den man früher geliebt hatte, sah den Haß im Herzen seiner Leute täglich wachsen. Schon war es zu einzelnen Ausschreitungen gekommen; Chajim ließ aber, da die Excedenten junge, halbwüchsische Burschen waren, Milde walten. Diese Milde wurde ihm als Schwäche angerechnet und die Ausschreitungen mehrten sich. Da t.at ein Ereignitz ein, welches die Spannung noch vermehrte. Chajim fand eines Tages, als er das Maschinenbaus inspicirte, den Heizer nicht vor und den Maschinisten betrunken, im tiefen Schlafe am Boden liegend. Das Monometer zeigte eine kolossale Spannung, und bei einem Blick in den Feuerraum sah er die Wände des Kessels erglühend. Eine Kesselexplosion konnte jeden Augenblick erfolgen und mußte, wenn dieses geschah, unsägliches Unglück im Gefolge haben. Rasch enlschlossen eilte Chajim hin, stellte den Dampf ab, öffnete alle Sicherheitsventile und begann das Feuer zu löschen. Es war auch die höchste Zeit gewesen. Zischend entströmte der überhitzte Dampf den Ventilen, heulend tönte die Dampfpfeife und rief, da die Werke stille standen, Arbeiter zur Hilfe herbei. Mit Entsetzen sahen sie die Gefahr, in welcher sie geschwebt hatten und noch schwebten, denn erst nach langer Mühe und Arbeit gelang es, das Feuer zu löschen und damit die Gefahr zu beseitigen. Chajim war überall und nur seiner Energie verdankten sie ihr Leben. Eine große Bestürzung herrschte in der ganzen Stadt, und als sich am nächsten Morgen herausftellte, daß der Kessel dcfect geworden war und die Arbeit für ein paar Tage eingestellt werden mußte, da kannte die Erbitterung keine Grenzen. Der gewissenlose Maschinist und der unzuverlässige Heizer waren sofort entlassen worden und diese beiden, die doch die Schuldigen waren, wühlten derart und fanden den Boden so gut vorbereitet, daß wenig gefehlt hätte und eine antisemitische Verfolgung hätte stattgefunden. Ein paar besonnenere, ältere Arbeiter stellten sich der Bewegung entgegen und brachten es zu Stande, daß man sich auf den Abend vertröstete, an welchem eine Arbeirer-sodranzs stattfiiidcn sollte. Sie fürchteten die Leidenschaften ihrer durch die Hetzereien der Wirthe noch mehr aufgeregten Collegen und eilten deßhalb zum Pfarrer, ihn zu bitten, heute Abend in der Lodranze erscheinen zu wollen. Der ehrwürdige Herr versprach zu kommen und soviel in seinen Kräften stehe zu vermitteln, doch leider hatte sein Erscheinen wenig Erfolg. (Fortsetzung folgt.) „JSraelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, MontagS und Donnerstag-, jedelmal in mindesten! 2 B»gen. Preis bei Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch de» Buch Handel fU bestehen bet 0k. F. Kteinacker, Leipzig, Noßplah 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Direkte Francoznsendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franeo «nInfende«. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Zur Ausgleichung der socialen Gegensätze in Bibel und Talmud. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Lübeck. Bruchsal. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Altofen. Aus Ungarn. — Rußland: Petersburg. — England: London. — Feuilleton: Gofrith momelach. Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Mütterchens Juden. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Breslau. Cöln. Darmstadt. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Budapest. — Schottland: Ediuburg. — Spanien: Madrid. — Vermischtes. Inhalt der zweiten Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mannheim.— Oesterr.-Ungar. Monarchie: Triest. — Rumänien: Bukarest. — Rußland: Kurland. — Griechenland: Korfu. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilage«.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.