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Der Israelit · 1890-11-06 · Heft 87 (6.11.1890) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 87 (6.11.1890)
Date
1890-11-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1569 enen man, wenn sie sich geben wie sie sind, nie inen Dolch in der Tasche vermuthet. Der Italiener st nüchtern und mäßig in seiner Lebensweise; er trinkt seinen Wein mit Wasser verdünnt, und doch treibt sein heißes Blut ihn leicht zu gesährlichen Händeln, denen der echte Russe so fern bleibt, wie dem Gedanken, ein starkes Getränk durch Wasser abzuschwächen; der stärkste Branntwein ist ihm noch nicht stark genug und mutz in ansehnlichen Dosen genommen werden, um zu wirken. Allein diese Wirkung ist bei ihm ganz eigener Art, sie schläfert alle etwa vorhandenen wilden Triebe ein, statt sie hcrauszufordern. Jemehr der echte Russe trinkt, desto zärtlicher wird er und die Thränen kommen ihm dabet oft vor Rührung in die Augen. In solchen Momenten ist kein Mensch, und sei es sein schlimmster Feind, vor seinen Umarmungen sicher; er fällt jedem an den Hals, der sich in seiner Nähe befindet oder ihm beim Nachhause gehen in den Weg kommt. Ich habe nie eine ernsthafte Prügelei zwischen betrunkenen Russen gesehen, weder auf dem Lande noch in der Stadt. Sie küssen sich einander ab wie junge Backfische, geben sich gegenseitig zärtliche Namen und schwanken mit vergnügtem Gesichte umher, bis sie lallend am Wege liegen bleiben, wo dann die nüchternen Vorübergehenden sie ruhig liegen lassen, denn es ist gefährlich, den Budotschnicks (Sicherheitswächtern) in's Handwerk zu pfuschen. Diese friedlichen, russischen Bauern, die sich in aller Gemüthlichkeit betrinken, darf man aber nicht verwechseln mit dem Plebs, der sich in den großen und kleinen russischen Städten herumtreibt und der ungehindert durch irgend welche Behörden daselbst sein Unwesen treibt. Bei ihm kann man alle Arten von Verbrechen finden, bei deren Nennung allein den gebildeten Europäer ein Schauder ergreift. Diesen Auswurf der Menschheit benutzte die russische Regierung — denn von ihr ging ja der Antisemitismus aus — sie wollte nach der Ermordung Alexanders II. der russischen, sogenannten besseren Gesellschaft ein Exempel zeigen, wie Väterchen" mit seinen Feinden nmzugchen versieht^ — diesen in ganz Rußland verbreiteten Auswurf benutzte man in Petersburg, um den Judenhaß systematisch im ganzen Lande heimisch zu machen. * * * Das kleine, russische Städtchen R... wirst Du, lieber Leser, vergeblich auf der Karte suchen, auch findest Du seinen Namen nicht in den Annalen der Geschichte verzeichnet, kein großer Dichter und Denker ist dort geboren worden oder hat es sich zum Ruhesitz auserkoren, und doch machte dieses Städtchen in letzter Zeit in russischen Finanz- und Regierungskreisen von sich reden. Das Städtchen? welches früher kaum die Steuern aufzubringen ver mochte, hatte sich, seitdem dort eine Zündwaaren sabrik errichtet worden war, bedeutend gehoben. Anstatt des früheren Schmutzes, war eine gewisse Reinlichkeit, anstatt der notorischen Armuth und Völlerei der Einwohner, ein gewisser Wohlstand und eine Nüchternheit zu constatiren, welche der Regierung nicht verborgen bleiben konnte. Der Mann, der dieses alles zu Wege gebracht, und der in hohem Ansehen bei der Bevölkerung stand, ist ein Bekannter. Es ist Chajim, der am Ziele seines Strebens angelangt, alles einsetzt, um das Vertrauen, das man ihm entgegenbrachte, zu rechtfertigen. Er hatte schwere Kämpfe mit dem Neide und der Bosheit, mit dem Aberglauben und dem Religionshaß zu bestehen gehabt, ehe er es so weit gebracht hatte. Als er einst von dem Vater seiner Geliebten in Lübeck Abschied nahm und ihm dieser ein kleines Kapital zur Verwirklichung seiner Pläne anbot, da ließ es sein Stolz nicht zu, solches anzunehmen. „Ich habe von meiner frühesten Jugend auf stets nur auf die Hilfe des Höchsten und nicht auf den Beistand der Menschen gebaut, sollte ich jetzt, wo ich so nahe vor meinem Ziele stehe, eine Unterstützung, die ich nicht verdiente, annchmen? Ich glaube, ich würde in Ihren eigenen Augen kein richtiger 86lk-maä6-man, wie Sie mich so gern zu nennen beliebten, mehr sein." So sprach er s. Zt. zu Herrn Sternfeld und er nahm nichts mit sich, wie die kleinen Ersparnisse, die er sich von dem Gehalte als Director zurückgelegt hatte. Er hatte das Capital des Herrn Sternfeld auch wahrlich nicht nöthig. Es gelang ihm in kürzester Zeit die heimathliche Regierung für seine Pläne zu interessiren und es ward ihm bei der russischen Reichsbank ein fast unbegrenzter Credit eröffnet. Auch die reichen Edelleute der Umgegend beehrten ihn mit ihrem Vertrauen und lieferten seiner Fabrik aus ihren ungeheuren Forsten das Holz, freilich zu ihrem eigenen Vortheil, denn sie erzielten dadurch eine Einnahme, die ihnen früher mangelte. Die Arbeiter hatten einen, wenn auch kärglichen, so doch sicheren Verdienst und gar manches Gute brachte die Fabrik den Einwohnern der Stadt. Wo Licht hinfällt, kommt jedoch auch Schatten hin und so finden wir einen Theil der Bevölkerung gar nicht gut auf die Fabrik und ihren Director zu sprechen. Die Wirthe und die Branntweinverkäufer haßten ihn, da er unnachsichtlich jeden Arbeiter entließ, der betrunken angetroffen wurde. Dadurch vereinsamten die sonst so lebhaften Wirthshäuscr, und die Wirthe machten schlechte Geschäfte. Der Geistliche jedoch und alle besseren, einsichtsvollen Bewohner waren glücklich über den Wechsel, den

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