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Der Israelit · 1890-11-06 · Heft 87 (6.11.1890) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 87 (6.11.1890)
Date
1890-11-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1566 Hilfe zu schaffen. Der Kardinal sagte in seiner Antwort u. A.: „Es gibt, glaube ich, drei unzerstörbare Elemente in der menschlichen Geschichte: das Volk und der Glaube Israels, die daraus entsprungene katholische Kirche und die Welt, welche Beide verfolgt hat. Wir haben uns manchmal vielleicht Unrecht gethan. Es sind nicht alle Christen, welche sich so nennen, und nicht alle von Israel, welche Israeliten genannt werden. Die Welt rekrutirt sich fortwährend von beiden Seiten durch Diejenigen, welche des Namens unwürdig sind, den sie führen. Je größer die Welt der Menge nach wird, desto mehr wächst sie an Bosheit.Im britischen Reiche, wo ihnen jede gerechte und ehrenhafte Laufbahn offen steht, sind unsere jüdischen Mitbürger loyal, friedlich und edelmüthig. Sie nehmen theil an unserer Stärke und erhöhen dieselbe. Die Menschen werden das, was ihre Regierungen aus ihnen machen. Strafgesetzbücher machen loyale Menschen disloyal. Soziale Bedrängniß erzeugt Erbitterung, welche die Menschen zum Wahnsinn treibt. Je größer die Macht, desto größer sollte die Menschlichkeit und Duldsamkeit gegenüber Denjenigen sein, welche Jahrhunderte erniedrigt haben." Die Adresse ist ein Prachtwerk Meister Zaehnsdorf's. Den Rand zieren Bibelsprüche: „Du sollst den Herrn Deinen Gott lieben", „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst", „Liebe den Fremdling", „Liebe Wahrheit und Frieden", „Haben wir nicht Alle einen Vater, sind wir nicht Alle eines Gottes Kinder". Unterzeichnet ist die Adresse von den folgenden Herren: Dr. Adler, stellvertretender Oberrabbkner, Dr. Gaster, Oberrabbiner, Professor Marks, Oberprediger, A. Löwy, Pastor, Benjamin L. Cohen, F. D. Mocatta, I. Seligman, R. S. Joseph, Lionel L. Alexander, Lord Rothschild. Arthur Cohen, Joseph Sebag Montefiore, Samuel Montag», Alfred G. Henriques, Ellis A. Franklin, Leopold Schloß, Benjamin Kisch, Oswald John Simon, Sir Henry Jsaacs, Lordmayor, Sir Julian Goldsmid, Sir Albert Saffoon, Reuben D. Sassoon, Sir John Simon, Baron Henry de Worms, Baron Ferdinand de Rothschild, Isidore Spielmann. Feuilleton. Gofrrth womelach. Novelle von Dr. Ossip Duchowetzky. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Das russische Volk kann seinen ursprünglichen Nomadencharacter noch heute nicht verleugnen. Es hat eine Beweglichkeit des Geistes und des Körpers, welche seinem ganzen Wesen etwas Unstetes gibt, und, an der Hand der Geschichte, alle die eigenthümlichen Erscheinungen erklärt, wodurch es sich in so auffallender und — für den oberflächlichen Beobachter — in so räthselhafter Weise von allen andern Völkern unterscheidet, selbst diejenigen nicht ausgenommen, durch welche ebenfalls noch ein starker Zug des alten Nomadenthums geht. — Wer nicht Jahre hindurch unter dem russischen Volke gelebt hat, seine Sprache nicht versteht, seine Lieder und Sorgen nicht kennt, vermag kein auch nur annäherndes Urtheil über den russischen Volkscharacter zu fällen, der aus den denkbar größten Gegensätzen zusammengefügt erscheint. Aber diese Gegensätze erweisen sich bei näherer Betrachtung nicht als etwas räthselhaft Ursprüngliches des Volkscharacters, sondern treten immer nur als natürliche Folge mächtiger, von außen kommender Einwirkungen zu Tage. — Ich habe nirgends in der Welt ein von Natur friedlicheres Volk kennen gelernt, äußert sich Vodenstedt einmal, als das russische, und doch weiß die Geschichte — und wissen auch heute noch die Zeitungen — so viel von seiner Grausamkeit, Wildheit und Rohheit zu erzählen, daß leicht irrige Vorstellungen daraus erwachsen können. Denn wenn ich sage, dieses Volk ist ein friedliches, während doch haarsträubende Thatsachen das Gegentheil predigen, so ergeben sich Widersprüche, welche auf den ersten Blick unlösbar scheinen und doch, bei näherer Betrachtung, leichter zu lösen sind. — Ein aufgeregtes Volk ist unberechenbar in seinen Handlungen, und je länger man es in der Finsterniß gehalten hat, desto unsichere.' tappt es umher beim ersten Hereinbrechen des Lichts. Die Liebenswürdigkeit der Franzosen ist sprüchwörtlich geworden und ist cs geblieben auch nach den Gräueln ihrer großen Revolution. In den Ausbrüchen ihrer Leidenschaften, gleichviel durch welche Einwirkungen dieselben aufgewühlt werden, sind sich alle Völker an bestialischer Wildheit gleich; die Unterschiede fangen erst an, wie die Bestie im Menschen aufhört oder gebändigt ruht. Man kann deßhalb den Grundzug im Character eines Volkes nicht kennen lernen, wenn der Aufruhr in den Straßen lobt oder der Feind vor den Thoren steht, sondern nur, wie es sich in Friedenszeiten, im gewöhnlichen Leben, bei der Arbeit und an Feiertagen, im Hause und auf dem Markte offenbart. Und hier zeigt der russische Volkscharacter überall ein so friedfertiges, ich möchte fast sagen, kindliches Gesicht, wie man dergleichen bei andern europäischen Völkern nicht findet. — Zwar machen auch die Italiener auf dem Lande den Eindruck von großen Kindern, aber doch in ganz anderer Art als die russischen Bauern, bei

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