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Der Israelit · 1890-11-06 · Heft 87 (6.11.1890) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 87 (6.11.1890)
Date
1890-11-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1564 „Alle Glieder der Gesellschaft sind Kinder und Knechte Gottes." „Gleiche Pflichten und gleiche Rechte für Alle. *) Wir erachten es als überflüssig, erst zu erklären, daß wir hier von den Hebräern, im Gegensatz zu den alten Egyptern sprechen. Seitdem sind Jahrtausende in den Strom der Zeiten dahingeflossen, hat die Cnltur öfter ihren Wohnsitz gewechselt, sind wilde, uncivilisirte Völker vom Sonnenglanze der Civilisation bestrahlt worden, und Kulturvölker wieder sanken in tiefe, finstere Barbarei; seitdem ist der alte Hcbräerstaat in Trümmer gegangen, ist das kunstsinnige, weise Hellas mit seiner hohen Intelligenz verschwunden vom Schauplatze der Geschichte und Nom mit seiner weltumfassenden Macht wurde niedergcschmettert; seitdem haben Völker-, Racen- und Religionskriege gewüthet, hat der Mächtige geherrscht über den Schwachen, der Starke über den Hilflosen; strenge Gesetze und Verordnungen wurden erlassen, welche die Gesellschaft wieder in abgeschlossene, streng gesonderte Elasten und Stände theilten, welche dem einen Stande das Recht und das Privilegium einräumten, auf Kosten des andern sich zu bereichern, ihn zu bedrücken und ihn durch die Gewalt zu zwingen, sich seiner Menschenwürde zu entäußern; so ging dies fort seit jener Zeit mit nur wenigen Ausnahmen durch alle Jahrhunderte, bis endlich nahe vor dem Ende des vorigen Jahrhunderts eine große Nation die Menschenrechte proklamirte, die hohe Schranke, die eiserne Mauer, welche den Menschen vom Menschen schied, mit heroischem Muthe niederriß und der ganzen Culturwelt als leuchtendes Vorbild diente, wie der Mensch nicht nach seiner Geburt, sondern nach seinem sittlichen Werth zu würdigen ist. Seitdem ist es wohl hie und da etwas lichter und Heller geworden, die schroffen Vorrechte und Ausschließungen zwischen den Gesellschaftsklassen haben wohl von ihrer Härte viel verloren, aber die socialen Gegensätze sind noch keineswegs ausgeglichen; noch immer herrschen Standes- und Classenunterschiede, der Bürger verlangt dieselben Rechte wie der Adel, der Arbeiter pocht mit schwieliger Faust an die Pforten der Großen und Gewaltigen, daß es durch die Welt dröhnt und verlangt seinen Antheil an den Gütern der Erde, an dem Wohlstand des Staates und an dem Gewinn, welcher durch seine Thätigkeit erzielt wird, und erst das Proletariat?! Die proklamirten Grundsätze der Gleichheit der alten Hebräer als Grundlage *) Siehe hierzu daS Kapitel: „Die sociale Gleichheit als Gesetz" in diesen Blättern Nr. 1, 2, 4, 5, 9, 11. der gesellschaftlichen Ordnung sind also selbst in den Eulturvölkern ein unerreichbares Ideal geblieben. Wenn nun aber auch die socialen Gegensätze noch immer vorhanden sind und die sociale Frage noch lange nicht gelöst sein wird, so können wir conscquenterweise der Frage keineswegs ausweichen, wie denn die Grundsätze der Gleichheit als die Grundlage der socialen Ordnung des Hebräerstaates mit den gesellschaftlichen Gegensätzen — welche doch auch damals herrschten — in Einklang zu bringen, und wie die socialen Unterschiede zwischen arm und reich, zwischen Herrn und Diener, zwischen Arbeiter und Lohnherr auszugleichen waren? Bevor wir zur Beantwortung dieser Frage schreiten, müssen wir zuerst erörtern, was wir unter sociale Gegensätze eigentlich verstehen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und C^rrespondenzen. Deutschland. Berlin, 27. Oct. Das „Berliner Tageblatt" enthält in seiner gestrigen Nummer aus nichtjüdischer Feder eine so drollige Schilderung der Feier des Hüttenfestes in der Heidereutersynagoge, daß ich nicht umhin kann, solche wenigstens theilweise Ihren geehrten Lesern mitzutheilen. Dieselbe lautet: Im Heidereutergäßchen, nahe der Spandauerstraße, liegt die alte jüdische Synagoge, nicht in der Straßenfront — daS hätte daS zartfühlende Gemüth der alten Berliner Bürger verletzen können —, sondern hinten im Hof, versteckt und unzugänglich. So forderte es die religiöse Sitte von den Ketzern und Juden. Wenn man dieselben duldete, so geschah es nur verstohlen; das offizielle Gewissen der braven Leute aus der guten alten Zeit durfte nichts davon wissen. Manchmal freilich versagte auch diese spärliche Duldsamkeit, man jagte sie aus dem Lande, die Ketzer und Juden, oder schlug sie todt, in der guten alten Zeit. Heute ist das natürlich ganz anders. Es ist übrigens ein ganz ansehnlicher Raum, das Innere der alten Synagoge, wenn sie auch mit ihrer neuen Schwester keinen Vergleich aushalten kann. Ein langes Viereck mit Emporen zu beiden Seiten und mit dem Altar und der Kanzel im Hintergründe; abgesehen von zwei barocken vergoldeten Löwen, die den Altaraufsatz krönen, ohne bildlichen Schmuck, nach dem Gebote: Du sollst Dir kein Bildniß machen. Es war am Hüttenfeste, als ich die Synagoge besuchte; sie war angesüllt von einer großen Gemeinde, unten d.'e Männer, auf den Seitenetagen die Frauen. Nach altem Brauch nahm ich meinen Hut beim Eintreten ab, setzte ihn aber schnell wieder auf, da Niemand daran dachte, sich der Kopfbedeckung zu entledigen. So hatte ich, da ich ziemlich weit hinten zu stehen kam, Gelegenheit, die verschiedenartigsten Hutfayons zu studiren, doch größtentheils Minder, und zwar von allen Sorten, von dem siinkelnagelneuen deS Börsenmannes bis zu den mühsam aufgebürsteten und zu mangelhaftem Festglanz aufgearbeiteten des Kleinhändlers und Hausirers. Einige der Andächtigen trugen eine Art Festgewand über ihren Paletots, rin weißes Stück Zeug mit eingewebten dunkeln Streifen und silbcrgesticktem Kragen, daS

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