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Der Israelit · 1890-11-06 · Heft 87 (6.11.1890) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 87 (6.11.1890)
Date
1890-11-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXXI. Jahrgang. M 87. f^NKFljBT* IsraelitIeschurun. MslhriflW förüctuna täö. Geistes m D. Gebens in Sans, Stntinbe mb Zchnle. Emirat-Hrgau für das orthodoxe Zudenihum. Begründet von vr. Lehmatttt in Mainz. Donner ft ag, den 6. November 5651 (1890). Leitender Artikel. Zur Ausgleichung der socialen Gegensätze in Bibel und Talmud. Von Rabbiner Heinrich Galandauer in Soborten (Böhmen). Vor mehr als drei Jahrtausenden blühte ein großes, mächtiges Reich in Afrika, von dessen nach allen «Seiten hin ausgebildeter Cultur und Civilisation die alten Geschichtschreiber uns die größten Wunderdinge erzählen. Zu jener uralten Zeit, welche weit über unsere Begriffe von Völkerentwickelung hinausragt, wo die Geschichte der Menschen und der Völker wie mit einem dichten Nebelschleier umhüllt erscheint, wo die meisten Nationen noch in der tiefsten Barbarei und Unwissenheit und im Zustande der zügellosesten Wildheit sich befanden; zu jener Zeit hatte dieses afrikanische Volk schon einen so vollständig ausgebildeten Staat, eine solche Höhe in der Cultur erreicht, daß wir Kinder der heutigen Zeit darob erstaunen müssen. Seine Wissenschaft, seine Kunst, sein fester geordneter hierarchischer Culius, sein genau geregeltes Staatswesen, seine Macht und sein Wohlstand, und selbst die bis zur Jetztzeit erhaltenen Reste seiner gewaltiger! Monumente und Denkmäler zeugen von einer Höhe der Entwickelung, von einer Entfaltung und erlangten Reife des menschlichen Geistes und seiner Fähigkeit, die uns geradezu verblüfft. Bei all' diesen Vorzügen, bei all' diesen so schönen und zweckmäßigen Einrichtungen aber hatte dieser Staat eine sonderbare gesellschaftliche Ordnung zur Grundlage, welche gegen alle Vernunft, unnatürlich, roh und im höchsten Grade barbarisch war. Das Volk war nämlich in ab g eschlosseue, streng gesonderte erbliche Kasten und Stände eingetheilt, deren Mitglieder nur vermöge ihrer Geburt derselben angehötten; nicht Talent, nicht Fähigkeit, nicht Geist, nicht Intelligenz waren bestimmend für den Werth, für den Beruf, für das Streben und Wirken des Menschen, sondern allein die Geburt. War der Urgroßvater ein Krieger, so mußte es auch der Urenkel sein, war jener ein Priester, so mußte es auch dieser sein u. s. f., ob er die Befähigung hiezu hatte oder nicht, danach wurde nicht gefragt. Sein Beruf wurde dem Menschen bestimmt, noch ehe er geboren ward. DaS größte Talent mußte oft im engsten Rahmen verkommen und die Unfähigsten hatten oft den weitesten Wirkungskreis. So waren die gesellschaftlichen Zustände in diesem alten Culturreiche, wo der Mensch als solcher keinen Werth hatte, wo der Standes- und der Kastengeist ihm in der Entwickelung und Entfaltung seines Könnens überall hindernd im Wege stand und wodurch selbst der Energischste und Tüchtigste genöthigt wurde, zu einem willenlosen Wesen herabzusinken. Da riß sich mit einemmale die niedrigste Kaste, der verachtete Sklavenstand, von dem mächtigen und so fest gefügten Staatskörper gewaltsam los, die geknechteten Leibeigenen zogen als freie Männer aus dem Lande, und so wie sie die Sklavenfesseln abftreiften, so brachen sie auch mit der alten, gewohnten gesellschaftlichen Ordnung; der Kastengeist mit seinen engherzigen und vorurtheilsvollen socialen Einteilungen nach Ständen mußte weichen und an seine Stelle traten Grundsätze, welche jedem Menschen seinen Werth als solchen voll und ganz zuerkannten und welche als die Grundlage der neuen socialen Organisation feierlichst proklamirt wurden, da durfte es keine Kasten, keine Stände, keine privilegirten Classen, keine Bevorrechteten und keine Zurückgesetzten geben, der Eine war gleichwerthig mit dem Andern, und nur allein die Fähigkeit und die Intelligenz bestimmten jedem Einzelnen in der Gesammtheit seinen Beruf und seine Wirksamkeit. Diese Grundsätze als Grundlage der neuen Ordnung lauteten: „Der Mensch ist im Ebenbilde Gottes erschaffen worden." „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst." j „Liebe den Fremdling wie Dich selbst."

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