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Der Israelit · 1890-11-03 · Heft 86 (3.11.1890) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 86 (3.11.1890)
Date
1890-11-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1557 allerhöchster, wenn auch nicht offizieller, Befehle oder Wünsche ausgeführten Greuelthaten hatte ich keine Vorstellung. Ganz erstaunt war ich, daß ich, ein Zeitgenosse solcher Verbrechen, so wenig davon erfahren hatte. Man hat ja freilich nur ein paar Tausende ermordet, nur für drei Millionen Rubel jüdischen Eigenthums verbrannt oder geplündert! Es bleiben immer noch vier Millionen Juden übrig in Mütterchens Hause! Von diesen soll jetzt wenigstens die Hälfte zu Hause verhungern oder, mit dem Bettelstäbe in der Hand, auswandern. Zwei Millionen unsererMitmenschen droht ein solches Schicksal, im Jahre des Heils 1890! Mich überkommt ein unaussprechlicher Zorn und ein schwerer Kummer, wenn ich daran denke. Aber, geehrter Herr, was thun Ihre Leute, was thun Sie und Ihre Kollegen, um diesen Ihren armen Brüdern zu helfen? Mich dünkt, jüdischer Seits müßte, um dieser allergrößten Roth entgegenzuwirken , das Allergrößte geschehen. Vielleicht könnte man in allen Ländern der gebildeten Welt, überall wo Rede und Schrift nicht geknechtet sind, eine große Agitation ins Werk setzen, Entrüstung, Scham und Mitleid überall erregen. Vielleicht könnte man Mütterchens mächtigen Gemahl, das Väterchen aller Reußen, durch eine im Namen oder mit dem geschriebenen Namen einer Million unserer Zeitgenossen dargebrachte Adresse zu einer humanen Behandlung seiner jüdischen Unterthanen bewegen.Gesetzt aber, es wäre im heiligen Rußland durch keines dieser Mittel eine Hilfe zu schaffen, dann müßte, wie mich dünkt, ein Wunder der Liebe gethan werden. Alle in voller oder auch nur in mäßiger Freiheit lebenden Israeliten müßten ihren so schwer, so unerträglich unterdrückten Brüdern die Mittel verschaffen, sich anderswo, vielleicht in Palästina, vielleicht in Argentinien, anzusiedeln. Kein Opfer dürfte zu schwer, keins könnte Gott wohlgefälliger, für die Opfernden beseligender sein. Auch fänden sich unter uns Christen gewiß Tausende, die mit Freuden ihren Beitrag gäben zu einer solchen Spende. Ich schreibe Ihnen, geehrter Herr, mit rascher Hand, aus der Fülle des Herzens meine unfertigen Gedanken. Sehen Sie, ob Sie etwas, und was Sie daraus machen können. Mit herzlichen Grüßen Ihr ergebener (gez.) M. Schwalb. * * * Ich gestehe, bemerkt dazu Herr Dr. Kroner in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums", nicht ohne tiefe Beschämung habeich diesen Brief gelesen, aus dem ein gerechter, heiliger Zorn nicht nur über die russischen Barbareien, sondern auch über die Unterlassungssünden der ganzen gebildeten Welt, insbesondere der außerrussischen Juden, sich kundgibt. Ja, dieser heilige Zorn müßte die ganze fühlende Menschheit entflammen, sie aufrütteln zu tatkräftigem Einschreiten gegen die Rohheiten und Gewaltthätigkeiten, welche unser Jahrhundert, das sich sonst so gern seiner Siege über die brutale Gewalt rühmt, schänden. Angesichts jener himmelschreienden Unthaten müßten auch die rohesten antisemitischen Hetzer verstummen, die gewerbsmäßig die öffentliche Meinung getäuscht, die den Glauben zu erwecken versucht, daß die gegen die russischen Juden verübten Frevel von ihren Relkgionsgenossen in übertriebener Weise dargestellt würden, und daß diese gern die ganze Menschheit alarmiren, wenn auch nur einem Juden ein Haar gekrümmt wird. Hört es, ihr Lästerer, der erschütternde Mahn- und Weckruf geht von einem edeln christlichen Theologen aus, dessen Parole allerdings Förderung des Menschenwohls ist, einem Streiter Gottes ohne Furcht und Tadel, ohne Falsch und Fehl! „Atrocity“ nennt Gladstone in einer Zuschrift an das „Jewish Chronicle" das Verfahren gegen die russischen Juden und mit ihm Jeder, der Menschenrecht ehrt. Hört es aber vor Allem, ihr theuern Glaubensbrüder! Auf, zur raschen Hilfe! Mitleid, erbarmende Liebe ist eine vielgerühmte Tugend unseres Stammes, hier gilt es, sie zu üben. Verweilen wir einen Augenblick bei der Vorstellung der unmenschlichen Leiden und Qualen, wir, die wir uns des Schutzes der Gesetze erfreuen. Müßten wir da nicht zu jedem Opfer bereit sein, den gepeinigten Brüdern beizustehen, ihnen zu einem bessern Loose zu verhelfen? Wohl mag so mancher denken und im stolzen Selbstgenügen sein Gemüth damit beschwichtigen, das Gros der russischen Juden verdiene ihr schweres Schicksal. Ich selbst habe gelegentlich einer Sammlung für eine aus Rußland vertriebene jüdische Familie von einem sonst sehr verständigen und vorurtheilsfreien Manne eine solche philantropische Aeußerung gehört. Allerdings muß zugestanden werden, es ist nicht die Elite der Nation, die am härtesten betroffen werden, aber sie sind gewiß nicht schlechter als ihre Peiniger und würden unter günstigeren Verhältnissen sich wohl zu besseren Menschen entwickeln. Diese Armen, Enterbten der Gesellschaft, die täglich mit der gemeinsten Noth des Lebens zu kämpfen haben — kann es Wunder nehmen, daß sie in Sprache, Haltung und Geberde nicht die angenehmsten Geschöpfe sind, daß sie zu einem großen Theil verwahrlost und bis zur Infamie herabgesunken sind? Danken wir demüthig

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