Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 86 (3.11.1890)
- Date
- 1890-11-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1558 unferm Schöpfer, daß wir die Glücklicheren sind und darum leicht die Gesitteteren werden. Aber Erbarmen und Hilfe erheischt gebieterisch die Noch des gequältemVrudervolkes, nicht nur weil sie Juden, sondern weil sie Menschen sind, auch in ihrer traurigen Entartung, die diejenigen zu verantworten haben, die sie dazu getrieben. Die Reichen erkaufen oder ertausen sich zumeist die Erlaubniß, in dem trotz Allem und Allem geliebten Vaterlande zu bleiben. Was aber soll die fast zu Tode gehetzte und gequälte Schaar? — O esterr.-U n gar. Monarchie. Wien, 24. Oktober. Vor dem Bezirksgerichte Währing fand heute die Verhandlung über eine Ehrenbeleidigungs-Klage statt, welche der Polizei- Bezirks- und Gerichtsarzt von Währing, Dr. Moriz P o l l a k gegen den verantwortlichen Redacteur des vom Landtagsabgeordneten und Heurigenschänker Anton Baumann herausgegebenen Antisemiten- Organs „Währinger Bezirks-Nachrichten", Herrn Ludwig Auer, eingebracht hatte. Kurz nach der Gründung dieses Organes Hatte Ludwig Auer in Währing eine Begegnung, die ihn eben vor das Bezirksgericht brachte. Am 9. Juli d. I., so heißt es in der Anzeige, ging Polizei-Bezirksarzt Dr. Pollak durch die Martinsstraße in Währing, um im amtlichen Aufträge zwei Todesfälle zu erheben. Da kam ihm ein Herr entgegen, der ihn scharf fixirte und einige unverständliche, aber jedenfalls nicht freundliche Worte murmelte. Dr. Pollak fragte: „Wünschen Sie etwas von mir?" worauf der Unbekannte erwiederte: „Es ist merkwürdig, daß man so .jüdische Schwindler als Aerzte holt. Der Dr. Jung war ja auch Bezirksarzt und hatte nicht einmal promovirt." Dr. Pollak antwortete: „Wenn Sie von diesem Herrn etwas wollen, so müssen Sie sich an ihn wenden." Hierauf entfernte sich Dr. Pollak, der Unbekannte aber rief ihm nach: „Auch dasselbe! Jüdischer Schwindler!" Nunmehr requirirte der Beleidigte einen Wachmann, der auf sein Verlangen das Nationale des Beleidigers aufnahm: es war der eingangs erwähnte antisemitische Redacteur Ludwig Auer. So wird der Vorfall in der Anklage erzählt. Wesentlich verschieden schilderte bei der heutigen Verhandlung der Angeklagte die „Begegnung". „Schon lange", erzählt Herr Auer, „ging in Währing das Gerücht, daß ein Dr. Jung, ohne promovirt zu haben und ohne ärztliche Kenntnisse zu besitzen, in Währing die Praxis ausübte, wenn ich nicht irre, sogar als Bezirks¬ oder Gemeindearzt. Ich wollte mir nun von einem Connationalen des Dr. Jung, von dem Herrn Dr. Pollak, die Ueberzeugung verschaffen, ob dies wahr sei, und als ich Herrn Dr. Pollak in der Martinsstraße begegnete, ergriff ich die Gelegenheit, um ihn darüber zu befragen. Ich that dieses in der höflichsten Form, allein Dr. Pollak machte sofort einen großen Krakehl." Richter: Und Sie? Haben Sie Herrn Dr. Pollak einen jüdischen Schwindler geheißen? — Angekl.: Nein. Herr Dr. Pollak hat auch keine Zeugen. — Richter: Aber er selbst behauptet es. — Angekl.: Ich wiederhole, daß dies unwahr ist. Es steht Aussage gegen Aussage. Der Vertreter des Privatklägers, Dr. Lazar, weist darauf hin, wie wenig glaubwürdig es sei, daß Herr Auer einen ihm nicht näher bekannten Arzt mitten auf der Straße plötzlich um Auskunft über einen Herrn Dr. Jung gefragt habe. Es handle sich hier um eine antisemitische Provocation, wie solche in unseren Tagen leider nichts Seltenes seien; es möge, nachdem der Geklagte leugne und den Sachverhalt in einer der Wahrheit direct entgegengesetzten Weise darstelle, der Privatkläger als Zeuge beeidet werden. — Der Richter gibt diesem Anträge Folge. — Dr. Pollak sagt nun unter Eid aus, daß der Vorfall sich ganz in der Weise abgespielt habe, wie er in der Anklage geschildert sek. Dr. Lazar beantragt die strenge ^Bestrafung des Angeklagten, dem es zweifellos nur darum zu thun gewesen sei, eine antisemitische Demonstration nach bekannten Mustern zu arrangiren. „Gilt es doch in den Kreisen", sagt der Redner, „die dem Herrn Richter aus früheren Verhandlungen bekannt sind, als eine verdienstvolle That, einen Juden zu insultiren, und je anständiger der Jnsultirte ist, je begründeter die Insulten waren, desto mehr Dank und Ruhm heimst der Arrangeur einer solchen Demonstration bei seinen Gesinnungsgenossen ein." Dr. Lazar schließt mit der Bemerkung, daß ein Uebermuth, wie er hier vorliege, nur mit einer Arreststrafe gesühnt werden könne. Der Richter, Adjunct b. Heidt erkannte Auer im Sinne der Anklage schuldig und verurtheilte ihn zu einer Woche Arrests, verschärft mit zwei Fasttagen. „Der Richter hat," so lautet die Begründung, „aus der Aussage des Privatklägers die volle Ueberzeugung von der Schuld des Angeklagten gewonnen." Bei der Strafbemessung wurde die Provocation als erschwerend angenommen. Der Angeklagte meldete die Berufung an. Wochen - Kalender. Donnerstag, 6. November, 23. Cheschwon. 'L"!2N tvjyn. Samstag, ö. November, 25. Cheschwon. m!P "ll. Montag, 10. November, 27. Cheschwon. n’jyn. Sabbat-Ausgang 5 Uhr 15 Min. (Mainzer Uhr.) Briefkasten der Cxpedition. —~ n D. aus F. Ihre Spende v. M. 5.05 wurde in Nr. 82 veröfsentlicht.